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05.12.2011

Halbhubers Weltreise: Stay grün!

Meinetwegen können die Neuseeländer die Bungee-Seile kappen. Was die Gespräche mit ihnen aber auch nicht erfüllen wird.

Natürlich fasse ich auch die Reise durch Neuseeland nicht zusammen. Kein Best oder Worst Of. Kein Schauen Sie sich das an. Obwohl ich, im Sydneyer Hafen bei einem Cider sitzend, ein bisschen in der jüngsten Vergangenheit schwelge. Stundenlange Autofahrten durch besonders unbesondere Landschaft. Plätze, zu jung für Geschichte, zu träge für die Moderne. Gespräche, immer freundlich und seicht. 9000 Kilometer in zwei Monaten, mir fällt auf, dass ich noch nie so lange in einem fremden Land war. Das bewegt mich. Genügend, um noch einen Cider zu bestellen. Aber zu wenig, um das Land zu vermissen. To be honest.

Eine ganze Selbstgewuzelte habe ich jetzt im inneren Dialog erörtert, ob man das sagen kann: Wenn mich einer daheim fragt, ob er seinen Jahresurlaub und ein paar Tausender in Neuseeland investieren soll, antworte ich, nein. Kann man sagen. Ist aber ein Blödsinn, weil, das muss dann doch jeder selbst wissen. Manche mögen das nämlich, langweilige Schönheit, links Farn-Regenwälder, rechts Felsküsten. Wenn du in dieser ständigen Zweiöde zwischen Berg und Meer deine Kilometer abspulst, immer auf der Suche nach den Sights, die du nie findest, merkst du bald: Ich bin Abenteurer und passe nicht hierher. Oder eben nicht und daher schon.

Aber wenn du so tickst - fremde Kulturen, Essen entdecken, mit Wegarbeitern Kokablätter kauen und Viecher aus Universum-TV - dann bleiben dir die Kiwi-Inseln zu viel schuldig. Da können die Neuseeländer noch so viel Outdoor-Wahnsinn erfinden, das hilft nix, da müssen sie einfach älter werden. Denn mit 200 Jahren Landesgeschichte bist du mehr Filmkulisse als Rom. Übrigens: Auf meine Frage nach den bedeutendsten Kiwis überhaupt, haben mir Einheimische stets den Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson genannt. Und Everest's Ersten Edmund Hillary. Und sonst niemanden.

Es braucht einfach ein paar Jahre. Charakter muss reifen, das ist wie mit dem Wein, nur dass man charakterlich im Alter nicht bricht. Dann werden die Gespräche mit den Neuseeländern auch mehr Tiefgang haben. Heute ist so ein Talk very small, verpickt mit der Süße des Belanglosen, ein bisschen wie Tauchen im seichten Wasser: Man gewinnt mehr Eindruck als beim Schnorcheln, aber so richtig tief kommst du trotzdem nie. Ich bin gespannt, was aus Neuseeland wird, sagen wir in zweihundert Jahren. Ich wäre für grün. Diese Inseln haben so viel jungfräuliche Gegend, stellt sie von Cape Reinga bis Bluff unter Naturschutz und seht was passiert! Unterwerft alles dem Erhalt der Natur! Habe ich hier etwa nicht ungezählte achttausendzwölf Mal das Wort scenic gelesen? Also steht dazu! Kappt die Bungee-Seile. Für immer. Versucht nicht Adventure-Nabel für die Welt der Jungen und zugleich Pensionisten-Paradies zu sein. Überlasst eure Natur sich selbst und lehnt euch zurück. Denn wenn das auf der Welt so weitergeht, könnt ihr für dieses Freiluftmuseum in zwanzig Jahren verlangen, was ihr wollt.

Schön war es in Neuseeland trotzdem. Es eignet sich perfekt zum Vorbeischauen auf einer Weltreise. Oder, sagen wir: Wenn man einen langen Australien-Urlaub macht, ein, zwei Wochen Neuseeland dazu. Aber mir taugt das hier mehr. Wo ich gerade in einer Wiese am Wasser sitze, am Ufer gegenüber der Oper, vor der ein Konzert abgeht. Ich bin sehr glücklich, mit ein bisserl Heimweh: Haben Sie schon mal ein Donauinselfest-Konzert von der anderen Seite der Donau gehört? Die Musik so verzerrt gehört, wenn sie über das Wasser getragen wird, mehr Bässe als Höhen und die Texte versetzt. So fühlt sich Sydney gerade an. Verziert mit dem Schuss Abenteuer, dass in diesen Wiesen die Trichternetz-Spinne lebt, eine der giftigsten der Welt.

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas ( Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains, nächstes Ziel: Cairns.

Schnäppchen dieser Tage: Der Botanische Garten ist wunderprächtig. Und außerdem fast ein Zoo, hängen doch die Flughunde scharenweise in den Bäumen, fliegen Kakadus mit Papageien um die Wette. Eintritt: Null. Hingegen der Zoo von Sydney - zwar auch sehr beeindruckend: Kängurus, Koalas, alles da - aber schweineteuer: 41 Dollar (rund 29 Euro) pro Person!Nepp dieser Tage: Sydney ist umwerfend, es umschließt die Meeresbucht romantisch, szenisch und alltäglich (apropos: Die Transport-Fähren im Sydney Harbour sind die preiswerte Alternative zu den Hafenrundfahrts-Touren. Der Hafen bleibt nämlich gleich). Meine einzige Enttäuschung war das weltberühmte Opernhaus, das viel brauner und schmutziger als auf den Postkarten aussieht. Kleiner auch. Gar nicht schön.