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05.12.2011

Halbhubers Weltreise: Die anderste Stadt

In Hongkong ist es eng, aber für eine Zweiklassengesellschaft ist Platz genug. Eine Absurdität zwischen Nudelbude und De Luxe-Shopping.

Kommt mir halt so vor: Hongkong ist wie Austauschsemester für Große. Oben eine schnieke Dachterrassen-Party für Anzug-Europäer und Gucci-Innen. Sie studierten Wirtschaft daheim, um nun in Hongkong zu reüssieren, im Office und bei der Dachparty. Sie feiern nach langen Arbeitstagen mit Blick auf die unendliche Skyline Kowloons. Unten in den Straßen die Arbeitschinesen, deren ramen-Kessel auf die Straße dampfen, direkt auf die Marmorfassaden der Hochhäuser, in denen die Austausch-Boys&Girls den langen und schweren Tag hatten. Eine Zweiklassengesellschaft? Kommt mir so vor.

Am Anfang habe ich das gar nicht gemerkt. Zuerst fühlte ich mich nur wie von einem Computer geschluckt, mitten in der ultrageilen Grafik eines Spiels, in dem heiße Schlitten zwischen Hochhäusern der Polizei wegfahren, oder Spezialeinheiten zwischen Hochhäusern Gangster jagen. Hauptsache Hochhäuser, denn: Es gibt in Hongkong nur Hochhäuser. Einige wenige sind bemerkenswert, mehrere sind normal und enorm viele sind alt und hässlich. Aber alle haben sie zehn Stockwerke oder viel mehr.

Am ersten Tag vergaß ich nach einer Stunde, dass ich zu Fuß unterwegs bin. Ich fühlte mich wie ein Stück Treibholz, das durch die Haus-Schluchten gespült wird. Das fühlt sich nur kurz cool an, dann raubt es Energie und als ich merkte, dass es keine Nischen zum Festhalten - Gastgärten, Parks, Sitzbänke - gibt, machten mir die Fassaden, hoch wie Canyons, Angst. Ich wollte mich für einen oder zwei Momente aus dem Fluss nehmen, mir alles nur ansehen, live dabei statt mitten drin. Ich fand nichts: Die schnieken Wolkenkratzer lassen dich abperlen und die Nudelbuden, die dazwischen lungern, haben keine Sitzgelegenheiten. Hongkong ist gehen, nicht stehen. Geradeaus, nicht seitlich. Hektisch, nicht Schanigarten. In Hongkong ist man auf den Beinen, tagsüber, abends und in der Nacht. Denn zum Liegen ist kein Platz.

Aber selbst bedrohliche Hochhäuser haben ihre Seele. Man sieht sie, wenn man genau schaut: Wie die Gesteinsschichten einer Felswand ziehen sich horizontale Striche durch den Häuserwald. Alle Stockwerke mit 4 stehen in Hongkong leer, 4, 14, 24. Neben der üblichen 13 fehlen in Hotels auch diese Etagen. Die Vier gilt im Chinesischen nämlich als Unglückszahl, die Acht steht für Glück. Daher haben die Autos der Reichen möglichst viele Achten auf dem Kennzeichen. Allerdings sah ich vor meinem Hotel, wie der Polizist dem "J 878" einen Strafzettel wegen Falschparken ausstellte. Also auch wurscht.

Nach ein paar Tagen wollte ich raus, zumindest ein wenig. Und weil Hongkong so absurd ist, kommt es einem da entgegen. Anders gesagt: Wer kam eigentlich auf die Idee, hier zu siedeln? Auf den Inseln Lantau und Hongkong Island war ursprünglich zwischen steil ansteigenden Berghängen und Meer kaum Platz für ein Badetuch. Heute wirken die gedrängten Bauten wie vom Berg abgespülte Geröllfeld-Haufen. Ich stand oben, einmal auf Victoria's Peak, einmal auf der gut dreißig Kilometer langen Gipfel-Kette Lantaus und schmunzelte über die fantastische Realität.

Aber als ich den Weg zur Hauptattraktion auf Lantau spazierte, dem größten sitzenden Outdoor-Buddha der Welt, verging mir das Schmunzeln. Und es lag gar nicht an der Disneyland-Idylle, die hier oben für kulturbegeisterte Touristen gebastelt wird. Es lag an Hongkongs traurigster Wahrheit: Die Luft dieser Stadt ist eine der schmutzigsten der Welt. An mindestens 200 Tagen im Jahr ist die Belastung über der gesundheits-kritischen Grenze. Wer es nicht in der Lunge spürt, sieht es. Sieht, dass er nichts sieht.

Um in Hongkong den blauen Himmel zu sehen, bedarf es einer Postkarte. Selbst an sonnigen Tagen, wenn durch die milchige Luft ein wenig Blau schimmert, ist die Sicht auf ein paar Kilometer beschränkt. Die Häuser der Stadt und die Bergketten des chinesischen Festlandes verschwimmen mit jedem Meter Entfernung mehr. Hunderte Schiffe, die den Hafen ansteuern, tauchen aus einer weichen weißen Wand auf. Es hat etwas von Specialeffect, von Geisterfilm. Die Schmutzglocke schottet Hongkong ab wie eine Parallelwelt.

Und doch hat Hongkong seinen Charme. Ist einen Besuch wert. Einen kurzen vielleicht, aber einen Besuch. Hat man sich einmal an diese Stadt gewöhnt, die einen Beat aber keinen Herzschlag hat, erkennt man die bemerkenswerten Details. Dann verliebt man sich in die Chinesen, die am Bird-Market um Singvögel feilschen. Die ihren Anzug mit der Aktentasche schützen, während sie den ramen-Eintopf schlürfen. An die Philippinischen Kindermädchen und Haushälterinnen, die am freien Tag Picknick machen, unter den Stelzenstraßen, im Park und am Gehsteig. Bald fand ich es liebenswürdig, dass der Starbucks-Kaffee so viel kostet wie in Wien und das Mittagessen in der Nudelbude daneben einen Euro. Und plötzlich passte es auch für mich, tagsüber bei den Arbeitschinesen zu essen und abends auf der Dachterrasse zu feiern. Taucht man in den Rhythmus dieser andersten Stadt der Welt ein, funktioniert Hongkong. Für ein paar Tage.

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR), nächstes Ziel: Ho Chi Minh City (Vietnam).

Schnäppchen dieser Tage: Man kann man Hongkong von bis gestalten: Westliches ist so teuer wie daheim, Östliches ist billig. Das Essen in der Nudelbude kostet zehn Hongkongdollar (rund ein Euro), der Cafe im Starbucks 28 (rund 2,8).Etwas Praktisches: Wer mit dem Jetboat zum Tagesausflug in Macao ankommt, wird von Tourguides angekeilt und steht vor der Qual, mit ihnen, dem öffentlichem Bus, Taxi oder Rikscha in die Stadt zu fahren. Oder aber man geht zu einem der Gratis-Shuttlebusse in eines der Casinos (ich nahm Grand Lisboa). Einmal dort angekommen, spielt man oder nicht (ich habe verloren), jedenfalls ist man in der Altstadt. Von da lässt sich zu Fuß vieles ansehen, historische Altstadt, Tempel, Kathedrale… Und der Gratisshuttle fährt vom Casino auch wieder zum Terminal. Noch etwas: Wer am Flughafen ankommt, kann mit einem der Busse um 40 HK Dollar in die Stadt fahren, meiner hieß A11 und hielt direkt vor meinem Hotel in North Point. Das ist billiger als das Taxi und vom vordersten Platz im oberen Stock ist es der perfekte erste Eindruck in dieser Stadt.Nepp dieser Tage: Vielleicht kann mir das endlich einmal jemand erklären: Ein Mineral in meinem Hotel der mittleren Kategorie kostete die Hälfte vom gleichen Wasser im Hotel meiner Freunde (gehobene Kategorie). Und ich frage mich schon immer, wieso teurere Hotels für die gleiche Zusatz-Leistung immer mehr verlangen als die günstigen?