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05.12.2011

Halbhubers Weltreise: A Night in the town

Pars pro toto: Eine Nacht in Hanoi versinnbildlichte mir das Lebensgefühl Vietnams. Nein, diese Stadt muss man sich nicht schönsaufen.

Zur Erklärung: Ich bin nicht cool. Ich finde Themenpartys sind eine Patzenhetze. Ich heule vor dem Weihnachtsbaum, mag Lagerfeueridyll und war in der Jungschar. Wenn beim Abend mit Freunden einer plötzlich das elektronische Spielchen herausholt, bei dem man um die Wette singt, schläft mir das Gesicht nicht ein. Ich bin, was das betrifft, ein Asiat. Denn hier endet jeder gelungene Abend in der Karaoke-Bar.

Seit Anfang April, als wir japanischen Boden betraten, ist mir also nach dem Besuch einer solchen. Die Zeit verging, selbst der Anlauf in Hongkong ging schief: Freunde besuchten uns dort und taten, was meine Freundin schon seit Japan tut: "Ja Axel, heute Abend gehen wir singen. Naja, diese Bar schaut nicht toll aus, macht ja nix, gehen wir eben nur etwas trinken." Machte ja auch nix, Asien ist noch groß und vier Monate lang. Mit einem Uncoolen kann man das machen. Vietnam brachte neue Bekanntschaften und einen erhöhten Druck: Hier ist an jeder Ecke eine Singsang-Bar, hier ist das Volkssport.

Wir waren vorgestern Abend in Hanoi verabredet. Um halbacht in der Lobby mit Lorna und Blair. Die Schottin Lorna lebte gerade für zwei Jahre in Neuseeland. Dort angelte sie sich Blair. Jetzt bereisen sie Südostasien, während ihr materielles Leben auf dem Schiff von Dunedin nach Glasgow ist. Mir gefallen die beiden. Blair, weil ich ihn in einem Lebensphasen-Wandel kennenlerne, wenn er nach 31 Jahren erstmals die Inseln Neuseelands verlässt und dann gleich, um ein neues Leben zu beginnen. Und Lorna vor allem, weil es, vom Standpunkt des Uncoolen aus, nur wenig Anziehenderes gibt, als hübsche Mädchen mit schottischem Akzent. Unschuld in der Sprache, Lolita für die Ohren. Die beiden hatten noch zwei Pärchen mitgebracht, also eigentlich nur ein Pärchen und zwei Alleinreisende, die miteinander vögeln. Es passte mir ins Konzept: Pärchenabend, gibt es etwas Uncooleres auf Weltreise?

Der Abend begann unverdächtig, als wir das Hotel verließen, fiel der Strom aus. Das ist in Hanoi kein Zeichen, das kommt vor. Öfter mal. Die Straßen waren voll, denn die Menschen feierten den Geburtstag von Ho Chi Minh oder Uncle Ho, wie sie ihn nennen. An diesem Tag trägt ganz Hanoi ein Lachen im Gesicht, im Zentrum ist eine Bühne aufgebaut. Alles ist auf der Straße. Ich genoss es, Partystimmung, merkte aber noch nicht, dass sich in mir eine Entschlossenheit breitmachte.

So schob ich mich irgendwann an die Spitze unserer Gruppe. Mir war noch nicht bewusst, dass so alles seinen Lauf nahm, aber im Nachhinein weiß ich, was da geschah: Nachdem ich eine halbe Stunde als Schlusslicht unserer Partie durch die Innenstadt nachgegangen war, übernahm ich die Führung. Sagte, nachdem wir eine halbe Stunde in keinem Lokal sesshaft geworden waren: "This is nice." Dabei zeigte ich auf eine dieser Straßen-Essensbuden mit Plastikhockern und Local Food. Die anderen waren verblüfft, aber Local Food ablehnen ist für den Backpacker viel zu uncool. Alle bestellten Bier, ich hasse Bier. "Do you have any other alcohol?" fragte ich in langsamen Englisch den Wirten. "Vodka." Die Gruppe prustete, wer trinkt Vodka zum Essen? Die Russen, die Vietnamesen und ich. Eine kleine Flasche Vodka und das vorsichtige, doch regelmäßige Erwähnen der vielen Karaokebars später, hatte ich eine gefühlte Mehrheit auf meiner Seite. Ich fragte den Wirten: "Karaoke?" Er antwortete "Karaoke!" und ging voran, ich ihm nach.

Nach drei Minuten standen wir, der Wirt und ich, vor einem Lokal, in dem es finster war. Nur an der Bar brannte eine Glühbirne, aber das Lokal war unbesetzt und offenbar geschlossen. Ich hätte hier aufgegeben. Er nicht. Der Wirt parlierte kurz mit den Menschen vor dem Lokal, griff dann entschlossen zur Eingangstür und öffnete. Im schwachen Licht erhob sich ein Mann von seiner dunklen Ecke, seiner Schlafstatt, seiner Couch. Es fielen zwei Sätze und mein Wirte sagte: "Karaoke okay." Ich holte die Meute und führte sie zur schummrigen Bar, nun mit drei Glühbirnen beleuchtet, in der sich der Mann zuerst ein T-Shirt überzog und dann die Monitore anwarf. Jedoch, die Gruppe mochte den Schummer nicht. Auch nicht den Mann, der schlussendlich unfreundlich war und eine horrende Summe für den Spaß verlangte. Wir gingen, bevor wir gesungen hatten. Ich kannte dieses Spiel: "Naja, dann gehen wir eben nur so etwas trinken."

Nur eben, an diesem Abend nahm alles seinen Lauf, es war nicht nur Uncle Ho's Abend, sondern auch meiner, begann es mir langsam zu dämmern. Wir gingen einmal um die Ecke, dann noch fünfzig Meter und plötzlich an etwas vorbei, das man in Wien als Stehbeisl bezeichnet. Die schlauchartige Spelunke war keine drei Meter breit, vielleicht fünf tief. Links und rechts je sechs einfache Hocker an die Wand gereiht, ein schmaler Tisch in der Mitte. Ein Tresen am Ende und außer Schmuddel kein Flair. Die raumbreite Eingangstüre zur Hälfte verstellt, mit einem kleinen Möbel. Die eine Hälfte unserer Gruppe starrte auf das Möbel, in dem ein Fernseher stand. Die andere Hälfte auf den Mann beim Tresen, der ein Mikrofon in der Hand hielt. Er sang nach den Textzeilen auf dem Fernseher ein vietnamesisches Volkslied.

Es folgte eine Patzenhetze. Bier, noch eine Flasche Vodka, Lieder von gestern, Hits unserer Jugend, Lachen, Tränen, schlechter Gesang, geheuchelter Applaus. Wir hätten lange so weitergemacht. Aber um Punkt zwölf drehte man uns ab. "Police", sagte die Besitzerin und wie bestellt rollte draußen im Schritttempo die Staatsgewalt vorbei. Kommunistische Sperrstunden haben weniger Spielraum als jene in Wien. Auch am Geburtstag des Staatsonkels. Aber Uncle Ho wäre an diesem Abend stolz auf mich uncoolen Touristen gewesen. Zumindest nahm ich das nach der zweiten Flasche "Hanoi Vodka" als gesichert an.

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland () - Hoi An - Hue - Hanoi, nächstes Ziel: Halong Bay.

Schnäppchen dieser Tage: Oben beschriebener Karaoke-Abend kostete 350000 Vietnamesische Dong (rund 16 Euro). Für zehn Bier, eine kleine Flasche Vodka, zwei Red Bull (hier trinkt man das Original aus der goldenen Dose) und eben Singsang bis die Polizei kam. Geteilt durch acht Personen: 2 Euro pro Stimme.Nepp dieser Tage: Griechenland. Weil die älteste Demokratie der Welt im Kopfrechnen schwächelt, wackelt die heimische Einheitswährung. Das spürt man nirgends mehr als auf Weltreise. Die umgerechneten 16 Euro von gestern waren vor drei Wochen nur 14. Kann jemand einen Abakus nach Athen schicken?