H'hubers Weltreise: Twentyfive back

H'hubers Weltreise: Twentyfive back © Bild: KURIER.at/halbhuber

Ich habe 25 Tage gebraucht, um wieder eine Geschichte zu schreiben. Es ist gar nicht einfach, sich diese Langsamkeit zu bewahren.

Wie ist die Heimkehr? Diese Frage ist mir in den vergangenen drei Wochen so oft gestellt worden, dass ich wirklich darüber nachzudenken begann: Im Wesentlichen bringt man wieder Struktur ins Leben, ins alltägliche Leben. Ich schraubte in der neuen Wohnung Haken in die Wand und hänge nun mein Leben geordnet auf. Jede Lade, die ich zusammenschraube, hat etwas mit Schlichtung zu tun. Dabei wollte ich noch so viel erzählen: von London und Glücksmomenten, dem Reiseparadies Zentralasien und… fangen wir an.

Ich landete am 25. September um sechs Uhr morgens in London. Es ist Zufall, dass das nun genau einen Monat her ist, aber Zufälle sind ja nichts Böses. Am 24.September war ich abends bei 47 Grad in Dubai ins Flugzeug gestiegen. In London hatte es sechs Grad. Seit dem 25.Oktober bin ich latent verkühlt und habe eine raue Stimme. Wie trocken das europäische Klima ist, merkt man erst, wenn man es spürt. Und auch wenn ich nie ein sogenannter erfrorener Typ war, derzeit ist mir watschenkalt. Aber es ist schön. Meine Freundin und ich fuhren nach der Landung ins Hotel bei Paddington, einem meiner Lieblingsviertel Londons. Paddington sieht so aus, wie man sich London vorstellt. Manchmal braucht man solche gespielten Realitäten. Wir freuten uns beide auf die drei Freunde, die sich angekündigt hatten, uns auf unserer letzten Station der Weltreise zu besuchen, oder beizustehen, je nachdem. Ich versuchte dem Mann an der Rezeption die Zimmeraufteilung zu verklickern, da ging die Türe auf: Es standen Freunde da, viele Freunde. Zwölf. Wie die Apostel schritten sie unaufgeregt herein, sagten leise "Überraschung". Und ich fühlte mich tatsächlich ein wenig erleuchtet. Eine Minute später standen wir vor der Hoteltüre, rauchten eine, ich öffnete ein Packerl Manner-Schnitten und machte einen Schluck vom Marillenschnaps. Kurz nach zehn am Vormittag.

Innerlich spürte ich überbordende Freude, nur hatte ich zuviel im Kopf: Ich musste dringend ein Taxi nehmen, um pünktlich bei meinem Kaffeetratsch mit dem Fußballer Paul Scharner zu sein. Wir kennen einander aus meiner Zeit als Sportjournalist und ich freue mich immer wieder, ihn zu treffen. Ich vertröstete meine Freunde auf später und setzte mich ins Taxi. Dort brach es über mich. Ich schaute aus dem Fenster, Europa zog vorbei. Ich bin offenbar wirklich Europäer, fühle mich wohl in dieser Phrase, was da vorbeizog war heimisch, nach einem Jahr wieder einmal heimisch. Ich wusste, dass Freunde hier sind. Ich wusste, heute Abend werden wir trinken, feiern. Ich werde bekannte Lächeln in vertrauten Gesichtern sehen. Und umarmen. Sie alle. Ich bin angekommen. Ich war ein Jahr die Welt anschauen und nun bin ich wieder da. Noch nicht in Wien, in dem Sud, aus dem ich gemacht bin, aber schon so nahe, dass es danach riecht, danach schmeckt. Ich hielt mich an dem Türgriff fest, obwohl ich saß, es war so viel.

Charakter einer Weltstadt: Bus, Telefon, Touristen
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Paul wohnte im Mariott, besser als ich. Einer mit Premiere League-Stammplatz wohnt besser als ein Weltreisender fernab des Stammplatzes, da ist die Welt schon gerecht. Aber Paul Scharner ist nicht so einer, der verstand mich. Der Niederösterreicher ist seit sechs Jahren im Ausland, erst Norwegen, dann England. Und damit eine geile Mischung: Kicker aus der Provinz als Ex-Pat. Das überlegt man sich so ja nie: Manager mit Uni-Abschluss als Globetrotter, okay. Aber ein Fußballer, der plötzlich im Ausland lebt. Scharner merkt man das nicht an. Er ist weltgewandt. "Am Anfang war es schon schwierig. Ich hatte ja immer das Training, den Verein, aber meine Frau war sehr allein. Wobei manche Vereine darauf mehr Acht nehmen, auch etwas für die Familien organisieren." Aber Paul verschweigt gar nicht, dass so ein Umzug in die Fremde eine Beziehung schon fest belastet. Am Anfang. Denn nach einer Zeit lebt man sich ein, er selbst spricht "heute ja problemlos Englisch, am Anfang war das nicht so". Und die drei Söhne Constantin (7), Benedict (5) und Paul Pius (2) sind ohnehin Freigeister, Heimat-wise. Die sind eben auch Europäer, die drei Scharnerschen Buben. Es sei halt anders, überall anders als daheim. Was ihm in den 49 Wochen, die er jährlich also nicht in Österreich lebt, abgeht: "Lebensmittel. Das Essen ist nirgends von so guter Qualität wie bei uns. Und überhaupt die Lebensqualität, es ist zwar schön hier, aber bei uns ist es schon einen Hauch schöner." Aber lieber spricht ein Mittelfeldspieler von Welt über die Vorzüge der Ferne: "Hier wirst du nicht so unangenehm hinterfragt. Dein Charakter, deine Vergangenheit, das wird genommen, wie es ist. Und bewertet wirst du nach dem, was du tust." Es war ein sehr netter Talk, von Weltenbürger zu Weltenbummler. Scharner und sein Team gewannen drei Stunden später übrigens gegen das ehrwürdige Arsenal in deren Stadion 3:2. Ein Überraschungssieg. Ich glaube, unser Gespräch hatte auch Anteile am Sieg.

Als ich zurückkam, warteten meine Freunde im Pub. Sie saßen da und lachten, redeten, schauten so wie immer. Ich machte mir auf Reisen zwar nie Sorgen, dass sich in diesem Jahr viel verändern würde. Aber mir war auch nicht bewusst, wie sehr diese Kleinigkeiten mich ausmachen. Wie sich eine Augenbraue hebt, wie sich die Stimme senkt. Wir wissen meist gar nicht, wofür wir unsere Freunde lieben. Die kommenden Tage waren wenig Sightseeing. Ich kenne London zu gut und hatte anderes anzusehen: Die Gesichter meiner Freunde. Außerdem ist und bleibt London für mich ohnehin eine Stadt, die man leben muss, nicht bloß besuchen. In diesem Punkt sind London und Wien gleich: Setzen Sie sich ins Pub oder ins Café, schlendern Sie über die Bond Street oder die Kärntner Straße, gehen Sie Abends auf den Leicester Square und suchen aus einem der vier Kinos einen Film aus. Essen Sie davor noch kurz in einer der tausenden Essenbuden Sohos. London ist unaufgeregt, aber sehr liebenswert. Ich freute mich auf Wien, auf meine Stadt, die den Charme so gerne im Winkerl versteckt.

Und jetzt bin ich da. Seit dem 30.September 14 Uhr 20. Und beschäftige mich seitdem neben der Frage, wie eine Rückkehr so ist, vor allem mit der nach meiner Veränderung. Habe ich mich verändert, bin ich anders geworden? Mein Umfeld will das wissen, obwohl es doch nur selbst die Antwort darauf geben kann. Ruhiger, gelassener und vor allem glücklich, das sagt man über mich. Tatsächlich fühle ich das alles auch selbst. Nach meiner Ankunft fuhr ich mit Freunden und Familie in ein Gasthaus und bestellte einen Spritzer - sehr heikel - und ein Schweinswiener. Und aß eine Stunde daran. In der Zeit hätte ich früher gegessen, getrunken, eine geraucht, ein Bummerl gespielt und mir schon die nächste Mahlzeit überlegt. Ich esse also langsamer, Erkenntnis eins. Gespräche dauern auch länger. Sei es, weil ich mich mehr für die Meinung des Gegenübers interessiere und es ausreden lasse. Oder weil ich mir genauer überlege, was ich rede. In der Kürze liegt zwar bekanntlich Würze, aber oft eben keine Schärfe, meistens sogar eine Unschärfe. Und umso weiter sich ein Gespräch von der Oberfläche wegbewegt, umso tiefgreifender ist es nun mal.Wenn ich es durchdenke, komme ich zu dem Schluss, dass mich diese Reise zu einem etwas besseren Menschen gemacht hat. Weil ich mehr weiß und mehr Auge fürs Detail habe. Nein, das hat nichts mit der Travel-Esoterik zu tun, die manche Reisende aufreißen. Sondern so: Ich saß im Café und überlegte, ob mir mehr nach Großem Braunen oder Melange ist, früher bestellte ich sie alternierend. Und beobachtete während der Wartezeit einen älteren Herrn, der sich zuerst penibel genau alles am Tisch drapierte und dann sein Campari Orange abschmeckte: noch ein Eiswürfel, kosten, noch einer, kosten, noch ein kleiner, perfekt. Den Strohhalm führte er dabei jedes Mal mit einer Hand zum Mund und spitzte die Lippen so penibel, als ob Schäfer-Elmayer ein Video zum richtigen Umgang damit drehen würde. Als alles seinen Platz und das Getränk genügend Wasseranteil hatte, schlug er eine Zeitung auf und fing links oben zu lesen an. Er macht das sicher seit Jahren so. Solche Details finde ich derzeit affengeil. Der serbische Taxifahrer, seit seiner Geburt in Wien, gutes Deutsch, aber nicht akzentfrei, erklärte mir die Vorzüge Straches. Und replizitere auf meinen Einwurf, dass ich das ewige hetzerische Gekeife ("wie ein Ottakringer Waschweib") des Strache nicht mag: "Naja, der macht halt auf jung. Da will er die Jungen beeindrucken, wenn er so halbstark tut." So konnte mir das noch keiner erklären.Gestern fühlte ich mich dann endgültig angekommen. Ich zahlte an der Kassa meine Tankfüllung und ein Deutscher kam herein: "Entschuldigen Sie mal, aber was is denn der Unterschied zwischen dem Ultimate und dem Super? Was muss ich denn tanken?" Der Tankwart: "Is eh ans, nur der Ultimate is hoit besser." Als ich fertig gezahlt hatte, stand der Deutsche noch immer ahnungslos vor der Zapfsäule. "Kann ich helfen?" "Och ja bitte, ist das Benzin oder Diesel hier?" Ich schmunzelte, weil das ja auch wirklich saublöd angeschrieben ist und sagte: "Es ist beides Benzin, beides mit 95 Oktan. Der hier ist einfach nur ein bisschen exquisiter und teurer." Der Deutsche nickte dankend. Und ich konnte es mir nicht verkneifen: "Wissen's, der hat afoch nur a anderes Mascherl." Wie das Ankommen nach einem Jahr in Wien ist? Wunderbar.

Die Route: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland (Buon Ma Thout, Kon Tum, Tac Glei) - Hoi An - Hue - Hanoi - Halong Bay - Ninh Binh - Tam Coc - Savannaketh (Laos) - Pakse - Bolaven Plateau - Champasak - Si Phan Don Islands/Don Kong Island - Kratie (Kambodscha) - Phnom Penh - Sihanoukville - Battambang - Siem Reap - Bangkok (Thailand) - Delhi (Indien) - Agra - Varanasi - Lumbini (Nepal) - Pokhara - Kathmandu/Kathmandu Valley (Patan - Boudhanath - Jorpati - Bhaktapur) - Almaty (Kasachstan) - Medeu/Kasach. Alatau - Issyk Lake - Bishkek (Kirgistan) - Tokmok - Taldy Bulak - Jurte/Kirg. Alatau - Naryn - Reiten in Tash Rabat - Bokonbayevo/See Issyk-Köl - Karakol - Jeti Öghüz - Cholpon Ata - Grigorievka/Ak-Suu Tal - Bishkek - Tashkent (Usbekistan) - Samarkand - Bukhara - Kyzylkum Wüste - Khiva - Elliq-Qala/ Fort Ayaz-Qala - Tashkent - Shymkent (Kasachstan) - Zhabagly/ Aksu Zhabagly Nature Reserve - Turkistan - Aralsk - Zhalanash/Aralsee - Kandyaghash - Aktau - Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) - Khor Fakkan/Golf von Oman - Dubai - London (Großbritannien) - Wien (Österreich).Schnäppchen/Tipp dieser Tage: London ist ja kein Schnäppchen per se. Zwar kommt mir vor, dass es schon einmal schlimmer war, aber ein bisschen Budget muss man für diese Stadt schon einplanen. Wer sie allerdings schon kennt oder auf die Einser-Sights verzichten will (es gibt übrigens manchmal Rabatte, wenn man die Tickets gleich für mehrerer Sights kauft), kann sich in London treiben lassen: Mit dem Doppelstockbus cruisen, an der Themse spazieren, ein Picknick im Hydepark und ein Premiere League-Match im Pub. Die Wachablöse beim Buckingham Palace und das Gebimmel des Big Ben sind gratis, von The Monument hat man auch einen netten Blick (um nur 2,50 Pfund, rund 3,07 Euro). Und, ach ja: Seit ich vor 22 Jahren zum ersten Mal in England war, hat sich ein Preis nicht verändert: Das Schokostück Flake, das man optional auf sein Vanillecreme-Eis bekommt kostete damals wie heute 99 Pence. Ich mag solche Dinge.

Erstellt am 05.12.2011