H'hubers Weltreise: Randnotiz Issyk-Köl

H'hubers Weltreise: Randnotiz Issyk-Köl © Bild: KURIER.at/halbhuber

Der Issyk-See schaut aus wie ein Meer. In seiner Nähe liegt ein Sanatorium, in das Boris Jelzin so gut passt wie Jack Nicholson.

Wie schon erwähnt: Die Kirgisen sind irrsinnig stolz auf ihren See Issyk. Der kommt eigentlich mehr wie ein Meer daher, ist gut 160 Kilometer lang, manche sagen 170, manche sagen 190, und 60 Kilometer breit - da sind sich alle einig. Er enthält etwas Salz, friert nie zu, vor allem das Gefühl: Wenn man an seinem Rand steht, ist es mehr Küste als Ufer. Das Umland - trockene Steppenvegetation, dürre Pflanzen, leichte Brisen. Für mich ist der Issyk-Köl nicht bloß zweitgrößter Bergsee der Welt, er ist ein Meer.

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Die größte Stadt beim Issyk heißt Karakol. Und bevor ich vom Eigentlichen, vom Wahrhaftigen erzähle, sei mein dortiges Quartier erwähnt. Außer einem verblassenden Schild deutet nichts mehr darauf hin, dass die verfallende Hübschfassade in der Gagarin 10 ein Hostel beherbergt. Beim Klingeln war ich mir nicht sicher und als ich schon wieder ging, machte der alte Valentin auf. Ein hängengebliebener Sowjet-Russe, der einst die erste Backpacker-Schlafstätte Zentralasiens eröffnete. Ich glaube, viel hat er am Yak Tours Hostel seitdem nicht gemacht. Der wilde Wein wuchert, die Farbe blättert, die Dusche tropft. Im Innenhof stehend, das Erdgeschoss betrachtend war ich mir nicht sicher. Ich konnte ja nicht wissen, dass es nur der gilbe Rahmen zum Prachtstück dieses Häuserls ist. Eben nur Entree zum ersten Stock.

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Der hat ein paar Zimmer. In einem nur ein Bett und ein Nachtkästchen. Im anderen zwei aufgeklappte Sofas und ein marodes Klavier. Im dritten ein echtes Doppelbett und zwei Schneiderpuppen im Eck, dazu eine dunkle, geschwungene Kommode, darüber ein großer Spiegel. Zwischen diesem dritten und dem vierten Zimmer ein Salon. Offener Kamin, seit Jahren im Ruhestand. Ein runder Tisch, die vier Sessel mit Stoff behangen, man nennt das Hussen. Ein Sofa, mehr Zierde als Rastplatz, kleine Tischchen. Und, wie in allen Räumen, Stofftapeten, schwere Vorhänge, plüschiges Rot, wachsgelbes Licht aus den Lustern. An den Wänden keine Fotos, sondern Fotografien. Es ist ein Ort zum Verweilen und sich wie der alte Biedermeier zu fühlen. Valentin sollte Eintritt verlangen.

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Solche Patina haftet an dem ganzen Viertel rund um das Yak Tours. Dieser Teil Karakols war einmal reich, die altersschwachen Villen zeugen von vergangenem Bürgertum. Die Straßen sind Alleen, ich habe noch nie dickere Birken mit schöneren Rinden gesehen. Und doch ist diese Patina billiger Lack gegen das Eigentliche.

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Denn nach Karakol verbrachte ich eine Nacht im Sanatorium von Jeti Öghüz. Hier verhandelte der russische Präsident Boris Jelzin mit seinem ersten kirgisischen Amtskollegen Askar Akaev 1991 über die Unabhängigkeit. Und, noch viel früher, dekomprimierte hier Yuri Gagarin nach seinem Weltraumflug. Solche Geschichten erzählt man noch immer gerne an diesem Ort. Sie passen und verdecken die Tatsache, dass wohl Jelzin wohl den letzten Hausmeister mitnahm. Es ist schwer zu sagen, ob dieses Kurhotel je der Naturschönheit dieses Ortes gerecht wurde. Heute kann man annehmen, dass es nicht einmal mehr auf bessere Zeiten wartet.

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Hier passt das Entree zum Rest, im Gegensatz zu Valentins Bude. Die Eingangshalle mit ihren steinernen Säulen und rostigen Gemälden ist dunkel. Durch sie schlürfen steinerne Kurgäste in rostigen Bademänteln. Sie schauen dunkel. Hinter einer der alten Türen verbirgt sich die Registratura, verkörpert durch eine Frau in weißem Kittel. Auf ihrem Schreibtisch steht eine hässliche Vase mit vertrocknetem Edelweiß. Ich dachte schon, dass ich falsch bin, dass Reisende hier nichts zu suchen hätten. Ein Kurhaus eben. Da zog die Weiße ein Russisch-Englisch-Wörterbuch heraus. Manche Seiten waren durch Kleber markiert, manche Sätze durch Leuchtstift. Sie kannte mein Anliegen, eine Nacht an diesem Ort.

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Im Zimmer, ich vermeide das Wort Zelle, hielt es mich nicht lang. Ein tropfendes Waschbecken, keine Dusche. Ein Bett, dem selbst das Knirschen schon zu anstrengend geworden ist, manche Kacheln an der Wand kurz vor dem Abgang. Das undichte Fenster und der verblichene Vorhang umrahmten zwar einen wunderbaren Ausblick auf das Natur-Sight von Jeti Öghüz: die sieben Bullen, Felsen in Rot. Aber dennoch hielt es mich nicht im Zimmer. Ich gönnte mir eine Massage. Das Leintuch auf dem Tisch wurde nicht gewechselt. Die Masseurin lächelte freundlich, wirkte dennoch, als hätte sie das Leben im Allgemeinen und Boris Jelzins Rücken im Besonderen gesehen. Für Gagarin war sie zu jung, aber ihre Hände hätten seine Raumkapsel zu einem Blechwürfel machen können.

Ich meine, dieses Sanatorium ist einen Besuch wert. Als Abenteuer. Es müssen nicht immer Liebeskomödien sein, man holt sich manchmal ja auch Filme wie "Shining" aus der Videothek. Mehr als eine Nacht wird man nicht brauchen. Und einen Nachmittag, an dem ich auf dem nahen Hügel abwechselnd auf die roten Felsen und in mein Buch schaute. Und hinunter auf das Sanatorium. Es braucht keinen Anstrich mehr. Manches im Leben muss verfallen, um wirklich tot zu sein.

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Danach fuhr ich nach Cholpon Ata, größter Strandort an der Nordküste des Sees. Klassischer Adriaurlaub. Die Berge im Norden trennen Kirgistan von Kasachstan und manche ihrer Täler sind beliebte Ausflugsziele. Mein Gastgeber in Cholpon Ata führte mich in so ein Tal, Esel und Pferde zum Reiten, Fotos mit Greifvögeln. Und Touristenjurten. Jetzt sitze ich in einer und erwarte den angekündigten Chai. Das bedeutet auf Kirgisisch Tee, ich glaube aber auch gebogener Tisch. Wieso gibt es bei uns eigentlich zum Tee nie Brot, Obst, Fleisch, Erdäpfel, Salat und Reis serviert? Ja, diese Gastfreundschaft. Apropos: Was ist eigentlich schlimmer? Den ersten Wodka kurz nach elf, vormittags? Oder den fünften kurz vor zwölf. Anyway.

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Erstellt am 05.12.2011