H'hubers Weltreise: Holländischer Riese

Foto: KURIER.at/halbhuber

Ich kann die Akzente der zentralasiatischen Völker kaum auseinanderhalten. Aber Lammert war eindeutig Holländer. Er trug Holzpantoffel.

Wie gesagt: Auf der Reise durch Zentralasien fühlt man sich oft in 1001 Nacht versetzt. Außerdem las ich in den vergangenen Tagen das kleine Büchlein Usbekische Volksmärchen. Ich hatte es mir in Samarkand von einem Mann aufschwatzen lassen, der zwar ein Souvenirgeschäft in einer Medressa betreibt, aber gelernter Germanist ist und durch den Verkauf dieser Übersetzungen seine überfällige Hüftoperation in Wien finanzieren will. Und so fühle ich mich derzeit halt ein bisschen Gebruder Grimm. Aber gestern erkannte ich wieder einmal, wer die schönsten Geschichten schreibt.
Das Leben, Co-Autor die Liebe.

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Ich fuhr nämlich in das Natur-Reservat Aksu Zhabagly im Süden Kasachstans. Und war auf der zweistündigen Fahrt von Shymkent ins Grüne ein wenig nachdenklich. Weil diese Naturtage die letzten meiner Reise sein werden. Zumindest in Natur diesen Formats, ein letztes Mal in den Bergen des Tien Shan-Gebirges wandern, die in dieser Ecke Zentralasiens nur mehr Hügel sind. Zum letzten Mal die klaren Gebirgsbäche das Gletscherwasser in die Steppe wallen sehen, ein letzter Reitversuch. Ich saß gedrängt in der Marshrutka (ewig überfüllte lokale Minibusse), nahm einen der ersten Abschiede von diesem Jahr, dachte an die verbleibenden Wochen - Steppe, Wüste, Kaspisches Meer, Dubai, London - und fuhr, ohne es zu merken, einer wunderschönen Liebesgeschichte entgegen.

Der Marshrutka-Fahrer kannte mein Quartier und blieb vor dem Haus stehen. Das Dorf Zhabagly ist klein, die einzige Straße viel zu breit dafür. Gut dreißig gottverlassene Meter trennen die eine von der anderen Häuserzeile. So ist das halt, wo viel Platz für wenig Mensch ist, dachte ich und schulterte meinen Rucksack. Ich schaute weiter geradeaus, wo das Dorf bald aus war und die Steppe liegt, die nach wenigen Kilometern steil aufsteigt und zu Bergen wird. Ein Gipfel trug noch Schneefelder, sonst gleißte Sonne. Ein guter Fleck für diesen Abschied. Weiter kam ich nicht im Denken, denn Lammert stand vor mir.

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Wenn Lammert vor dir steht, siehst du nichts Anderes mehr. Klar kann das auch mit seinen geschätzten zwei Metern zu tun haben. Oder mit den 150 Kilogramm, ebenfalls geschätzt. Vor allem ist es aber sein Wesen, denn wo Lammerts Körper die Sonne verdunkelt, hellt sein Strahlen alles wieder auf. Der Typ grinst einen an als ob das Leben ein Ringelspiel wäre. Und wo du anderen Strahlemännern eigentlich ständig eine scheuern könntest, findest du das viel zu große Babyface Lammerts von Anhieb an sympathisch. "Hello" sagte er und es klang wie "Challo". Und so wenig ich die Akzente der Usbeken, Kasachen und Kirgisen bislang auseinander halten konnte: Lammert war eindeutig Holländer. Er trug Holzpantoffel.

Ein holländischer Riese, der zwischen Tien Shan-Ausläufern und kasachischer Steppe Gästezimmer vermietet, wirft Fragen auf.
"I am so looking forward to hear your story", sagte ich.
"It's the simplest story of all", sagte Lammert. "It's love."
Lammert führte mich in mein Zimmer, die Türklinke wirkte winzig in seiner fleischigen Hand. Sein Handgelenk war im Umfang doppelt zu meinem. "I see you later, I have some work to do now", sagte Lammert und ging ein Schild fertig schweißen. Mir tat das Metall leid.

Aber abends erzählte der Riese. Er setzte sich zum Essen, grinste über den Tisch. Seine kurzgeschnittenen Haare legten sich in gerade Fransen in die Stirn, die schiefen Zähne, der holländische Akzent. Die Augen suchten immer wieder die Weite, statt dich in Ruhe anzuschauen. Er sei vor zehn Jahren als Tourist hier gewesen, in einer Tourgruppe. Bei der zweistündigen Pause in einer kleinen Farm lernte er Elmira kennen, die Tochter des Bauern. Die Führerin der Tourgruppe sei eine verzweifelte Schachtel gewesen, auf der Suche nach einem Mann, und der Meinung, alle seien auf der Suche nach der Liebe. Sie habe gepusht, bis Elmira und Lammert Adressen austauschten.

Die beiden schrieben sich, Briefe, Emails. Freude machten Lammert darauf aufmerksam, dass ein Gesicht auf dem zweistündigen Urlaubsvideo anders schaut, mehr strahlt als andere: Elmiras. Lammert war damals 32 und hatte nicht so viel Erfahrung in Liebesdingen, nennen wir ihn schüchtern. Aber weil alle sagten, dass auch diese Elmira strahlt, traute er sich ein bisschen mehr. Eineinhalb Jahre vergingen und Lammert flog wieder nach Zhabagly. Es wollte zwei Wochen bleiben, laut Lammert lang genug, um sich kennenzulernen. Aber kurz genug, um peinlich zu sein, wenn da doch nichts ist.

Lammert blieb fünf Monate.

Die Eltern Elmiras mochten ihn sofort, das sei sein Glück gewesen. Nur als er Elmira auch nach Holland mitnahm, hatten sie Angst, auch heute wird noch rund ein Viertel aller Mädchen Kasachstans in andere Dörfer und Regionen entführt, um dort verheiratet zu werden. Aber Lammert brachte Elmira wieder zurück. Nicht zum Umtausch, sondern zur Ehrhaftmachung. Er hielt bei ihrem Vater um die Hand an. Und bei der Gemeinde um jene ersten 2500 Quadratmeter Grund, die man in Kasachstan auf dem Land gratis bekommt, wenn man ein Haus bauen will.

"Elmira liked Holland and my family. But she said: Kazakhstan is better to live. And she is right." Es sei wegen der Enge, sagt Lammert, wie man sich in Europa auf den Füßen stehe. Das merke man nicht, solange man dort sei. Aber nach ein paar Monaten in Südkasachstan fühlt man sich schnell beengt, da bräuchte es gar keine Bim im Stoßverkehr. Also baut Lammert seit sieben Jahren professionelle Tourismusstrukturen in Aksu Zhabagly auf. Er führt mit Elmira und seiner Schwiegermutter die Pension Ruslan. Im Winter, für ein paar Monate, übersiedelt er jedoch nach Holland, arbeitet wieder als Computer-Programmierer. Das Geld reicht für ein Jahr in Kasachstan und für den langsamen Bau des Hauses, das 250 Meter weiter in derselben Straße entsteht.

Dieses Leben mag Lammert, das Glück ist fast perfekt. Fast, denn zwei mögen den Winter nicht, weil Papa dann wegfährt: Natalia und Isabel. Die zwei Töchter sind drei und sechs Jahre alt und gegen Lammert winzig klein. "I try hard to get a better internet connection to the village." Damit er besser arbeiten könne? Lammert lacht. "Yes, sure. But even more to make Skype-calls possible, when I am in Holland."
Lammert macht Isabel die Autotüre auf, sie klettert auf den Rücksitz. Es ist ihr erster Schultag. Und alle sind mächtig stolz.

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Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland (Buon Ma Thout, Kon Tum, Tac Glei) - Hoi An - Hue - Hanoi - Halong Bay - Ninh Binh - Tam Coc - Savannaketh (Laos) - Pakse - Bolaven Plateau - Champasak - Si Phan Don Islands/Don Kong Island - Kratie (Kambodscha) - Phnom Penh - Sihanoukville - Battambang - Siem Reap - Bangkok (Thailand) - Delhi (Indien) - Agra - Varanasi - Lumbini (Nepal) - Pokhara - Kathmandu/Kathmandu Valley (Patan - Boudhanath - Jorpati - Bhaktapur) - Almaty (Kasachstan) - Medeu/Kasach. Alatau - Issyk Lake - Bishkek (Kirgistan) - Tokmok - Taldy Bulak - Jurte/Kirg. Alatau - Naryn - Reiten in Tash Rabat - Bokonbayevo/See Issyk-Köl - Karakol - Jeti Öghüz - Cholpon Ata - Grigorievka/Ak-Suu Tal - Bishkek - Tashkent (Usbekistan) - Samarkand - Bukhara - Kyzylkum Wüste - Khiva - Elliq-Qala/ Fort Ayaz-Qala - Tashkent - Shymkent (Kasachstan) - Aksu Zhabagly/Nature Reserve, nächstes Ziel: Turkistan.

Schnäppchen dieser Tage:
In Kasachstan ist nicht vieles ein Schnäppchen, das Land ist deutlich teurer als seine Nachbarn. Dafür sieht es auch nur einen Bruchteil der Touristen. Lammert erklärt: "Usbeken waren immer Händler und Bauern. Sie haben gelernt, dass man reich wird, wenn man konstant ein gutes Einkommen hat. Die Kasachen waren Nomaden und denken noch heute so: Ich will nicht zu viel arbeiten. Aber wenn ich arbeite, möchte ich dabei gleich reich werden." Daher gilt in Kasachstan: Eher fernhalten von Agenturen, organisierten Transporten und Reitstunden über das Büro des Naturparks. Stattdessen immer versuchen selber mit dem Taxifahrer zu verhandeln, eine Unterkunft selbst zu buchen und Pferde beim Privaten zu mieten.
Eine Sache fand ich im Vergleich jedoch günstig: Im der Shopping-Mall Ramstor in Shymkent gibt es einen Eislaufplatz im Erdgeschoss. So ging ich um 1000 Tenge (5,85 Euro) eine Stunde Eislaufen, Schuhmiete inklusive.

Nepp dieser Tage:
Das Hotel Ordabasy, ebenfalls in Shymkent ist eine alte Sowjetburg, hat den Charme einer leeren Wodkaflasche. Es ist sauber und um 6000 Tenge (rund 36 Euro) pro Nacht mit Frühstück zwar recht günstig, aber die Mitarbeiterinnen haben das dümmste, ignoranteste und Service-desinteressierteste G'schau der Welt. Es fiel mir besonders auf, als der Gang vor meinem Zimmer um Mitternacht gewaschen wurde, ich nach einer Stunde Geduld aus dem Zimmer trat und um Ruhe bat. Der Blick von Kühen hätte nicht dämlicher sein können.

(kurier / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
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