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05.12.2011

Eine neue, wunderbar verrostete Liebe

Buenos Aires ist zu Fleisch gewordene Lebenslust. Siehe Tango, Asado und Diego Maradona.

Ich weiß nicht, wie man eine Geschichte über Buenos Aires schreibt, ohne dass sie zur Liebeserklärung ausartet. Wahrscheinlich gelingt das zwischen französischen Hausfassaden, spanischem Lebensgefühl und italienischer Küche einfach nicht. Diese Stadt hat sich das Beste aus Europa geschnappt. Es mit südamerikanisch-chaotischer Langsamkeit verfeinert. Und mit dem Tango garniert.

Diese Liebe eröffnet sich einem, wenn man nach über drei Wochen in Patagonien - in der chilenischen und argentinischen Pampa, in den erschlagenden Naturkulissen der Magellanstraße und des Perito Moreno-Gletschers - in eine Großstadt kommt. Wenn man wie ein schwergängiger Hochseedampfer nach Wochen auf dem Ozean im Hafen den Motor drosselt. Meine Ankunft in Buenos Aires war genauso theatralisch, nur weniger nautisch. Es war der schönste Landeanflug meines bisherigen Erlebens: Sinkflug durch eine Gewitterfront, viereinhalb Minuten zwischen den Wolkendecken in einer unvergesslichen Szenerie aus Sonnenuntergang, Blitzen und glühender Luft-Feuchtigkeit, Mittelerde nix dagegen.

Und da ist man natürlich gleich voreingenommen. Andererseits muss das Folgende erst einmal halten, was das Vorherige verspricht. Buenos Aires hält locker mit. Hier wurde der Tango erfunden und wird noch immer auf der Straße getanzt. Natürlich im ältesten Stadtteil San Telmo, natürlich rund um den Sonntagsmarkt, natürlich für die Touristen. Und da könnte man meinen, Buenos Aires spielt dir diese Liebe nur vor. Aber dann, dann schaust du dir die Tänzer an. Den älteren Herren, der seinen Sonntagshut aufgesetzt hat. Seine Dame, die es beim Herausputzen übertrieben hat. Sie hat etwas Hurenhaftes, er etwas von verblichener Weiberei. Sie passen in die alten Gassen - zu sauber für Südamerika, zu schmutzig für Europa. Sie gehen im Tango auf. Denn in Buenos Aires existiert Tango noch immer als symbiotische Verschmelzung zweier Körper, nicht als Tanzschulkrüppel. Pornografischer als jedes Gürtelkino. Verspielter als eine junge Katze. So gefährlich wie ein Keramikmesser. Und dabei doch nichts anderes als zwei Tänzer, die eine Geschichte erzählen. Eine unglaublich gute Geschichte.

Fleischlicher als der Tango sind nur Argentiniens hassgeliebte Fußballikone Maradona und das Asado. Die beiden stehen durchaus in engem Zusammenhang, nicht nur weil Diegos Appartement gar nicht weit von Palermo weg ist. Dem Viertel, in dessen Restaurantauslagen Tonnen von Lamm, Rinderrippen und Lendenstücken über dem Asador hängen. Hier tummeln sich abends junge Touristen, vor allem rund um den Plaza Cortázar, den Cocktail in der Hand und eben das Fleischliche im Sinn. Zwischen ihnen schlängeln sich schmutzige Kinder durch und wollen ihnen Taschentücher verkaufen. Da kommt die Liebe zu dieser Stadt wieder ins Wanken: Wenn weit nach Mitternacht Sechsjährige in einer Stadt, die es im Sommer kaum unter 20 Grad schafft, Taschentücher anbieten, wollen sie nicht das Geld aus der Tasche, sondern die ganze Tasche. Ziehen. Natürlich sind die Kinder nicht schuld, sondern die beiden Mütter, die in der Mitte des Platzes eine Kommandozentrale haben, aus der sie die Kinder im Fünfminutentakt auf Runde schicken. Ich habe das beobachtet, nachdem die Tasche einer Freundin offenbar in der Kommandozentrale gelandet war. Zurückgefordert? Nein nein, nach Mitternacht in Buenos Aires zwei Mütter mit ihren acht Kindern blöd anreden, rundherum kinderliebende Argentinier - denen sind nämlich die heimischen Taschendiebe beim Dings lieber als die ausländischen Taschenbediebten beim Gesicht - so verliebt kann man gar nicht sein.

Zu Silvester habe ich mich wieder verliebt, mehrfach: In den lokalen Jahresschluss-Brauch, die Kalenderblätter und altes Zettelwerk aus dem Fenster zu werfen. Ja, macht Mist, aber das vertragen die hiesigen Straßen (die übrigens, je nach Blickwinkel, mehr an London oder mehr an Paris erinnern, allgemein wird Buenos Aires auch "das Paris Südamerikas" genannt). In den Schmäh dieser Stadt, siehe Straßenschilder: "Halte dich an die Geschwindigkeitsbeschränkung. Oder wir nehmen dir dein Auto weg." Und als ich mich auch noch fast in die Dame, die unbezahlt Straßenpfosten bemalt, verliebt hätte, wusste ich: Ich muss weiterziehen. Weil italienische Pasta, spanischer Mittagsschlaf und französischer Chic - wenn du dir so eine Liebe einmal eintrittst, ist die Gefahr groß, dass du den Dreivierteltakt gegen den Tango eintauschst. Dauerhaft.p.s. wegen der Nachfrage gibt es diese und mehr Fotos von Buenos Aires diesmal auch größer. Einfach unten dem Link folgen.

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate - Perito Moreno Gletscher - Buenos Aires, nächstes Ziel: Mendoza.

Schnäppchen dieser Tage: Die Empanaderia ums Eck des Hostel Ostinatto (empfehlenswertes Penthouse!) bietet Empanadas (wahlweise mit Pollo, Jamon y queso oder nach Art des Hauses) um 1,50 Peso. Das sind weniger als 30 Eurocent pro Stück. Solche Empanadas bekommt man in Lokalen um bis zu 12 Pesos. Man halte also Ausschau, bevor man in die köstlichen Teigtaschen beißt.Nepp dieser Tage: Beim Eingang zum Kultfriedhof Recoleta geben ein paar Cafés mit schönen Sonnenplätzen an. Nur: Die Preise im Gastgarten sind höher als die im Lokal. Man zahlt also den Blick mit. Das ist ein bissi dings. Daher besser ein paar Gassen entfernt vom Friedhof speisen und dann das Ambiente des Friedhofs von innen genießen (inklusive Evitas Grabstätte).