Die FREIZEIT-Sexkolumne im Weblog: Eleganz? Jetzt bitte nicht!

Erregung hat viele Facetten. Manche Menschen lüsteln inwendig, still, leise und raunzig. Andere wiederum schauen in Momenten des Höhepunkts drein wie ein Kochtopf vorm Explodieren oder wie zerfließende Götterspeise.

Eines ist sicher: In der Ekstase gilt Gesichtsverlust als gutes Benehmen.

Die Irritation sitzt dem stadtbekannten Frauenversteher M auch noch nach 15 Jahren bombenfest im Wurzelchakra. Damals hatte der extraordinäre Nachtschwärmerei versprechende One-Night-Stand auf sein Vorspiel- und Beischlafrepertoire mit kaum weniger als nichts reagiert. Da lag sie, ganz primäres Geschlechtsmerkmal, rundum prächtigst ausgestattet, und gab den Stein der Leisen. Kein Ah, kein Oh, null Pulsfrequenzerhöhung. Nicht einmal der Hauch von Beifall, etwa in Form eines Seufzers. F*ck, da muss doch was gehen, dachte sich M, der Dame Wasserstand am Südufer verunsichert prüfend. Als der okay war, legte er sich in genitale Buhl-Position und schob noch ein paar Finger- und Zungenspiele nach. Den Gib-ihr-Turbo, quasi. Und trotzdem: nada. Von außen betrachtet also: A Hard Days very very hard Night, maximaler Einsatz an der Frauenfront - doch dieser Mann sah: tot. Trotz aller Vor- und Nachstöße passierte nichts, absolut nichts. Da ruhte es, das Fräulein Muschi im Funkschatten, und ließ den Akt scheinbar ungerührt an sich abprallen. So rein vom Erfolgserlebnis her für einen wie den sonst extrem verwöhnten Herrn M eine veritable Nulllohnrunde. Das kränkt, no na. Was M - seinerzeit noch Jungspund und von übereifrig konsumiertem Porno-Material auf Beischlaf-Verhaltensauffälligkeiten programmiert - nicht ahnen konnte: So geht's eben auch. Nicht jedem Menschen steht das Geilsein so ins Gesicht geschrieben wie z. B. einer mehrfach penetrierten Pornodarstellerin, die sich den Preis für den Schamlippen-Oscar errangeln, erschreien und erstöhnen muss. Doch wer weiß, vielleicht hatte das gedämpfte Schneckchen ja doch Gefallen an M's Performance gefunden - das aber im mentalen Ruheraum? Ganz eins, ganz ich. Tja, manche Damen jubeln eben inwendig - ihre Lust, perfekt verstaut im Séparée der Liebeswut. Unsereins kennt ja auch so manches Mannsbild, das am Mount Everest der Begierde dem Starrsinn anheim fällt. In unserer Runde geht etwa die Mär vom Mann, der im Moment des Höhepunkts erst nach Luft schnappt, um dann in großer Denkerpose den Blick gen Himmel zu richten und: einzufrieren. Und zwar zwei Minuten lang. Eine dermaßen Irritierte erschrak angesichts dieser Situation so sehr, dass sie erwog, ihren Vater, den renommierten Neurologen, per Handy zu rufen, weil sie dachte, ein Epileptiker stecke in ihr krampfhaft fest. Erregung ist eben etwas höchst Individuelles und äußert sich vielgesichtig. Kontrollverlust ist eher die Norm. In der Ekstase hat sich's mit Würde und Eleganz erledigt. Vermutlich wird sogar eine, die aussieht wie die göttliche Garbo, in diesen Momenten auch zu nix anderem als zum derangiert-aufgewühlten Dingsbums. Dessen Antlitz so wirkt, als würde es in der Sekunde platzen, auslaufen, sich in Einzelteile zerlegen. Und bitte, ich erzähle auch gerne die Geschichte von einer sehr fernen Bekannten, die während des Orgasmus stets dreimal krawuzikapuzi kichert und dabei lachweint. Das Gute daran: So eine bleibt wenigstens unvergessen.

Erstellt am 05.12.2011