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10.02.2018

Ruth Brauer: "Ich war lange zerrissen"

Neue Rolle: Schauspielerin Ruth Brauer-Kvam, 45, führt zum ersten Mal Regie. Keine leichte Aufgabe für die Zweifach-Mama.

Frau Brauer, Sie sind Schauspielerin, unterrichten Schauspieler, haben zwei Kinder, führen im Bronski & Grünberg zum ersten Mal Regie. Wie kriegen Sie alles unter einen Hut?

Es ist natürlich auch immer wieder eine Überforderung, aber ich glaube, es ist wichtig, alles für sich zu sehen. Wenn ich unterrichte, unterrichte ich, wenn ich spiele, spiele ich und wenn ich mit meiner Kleinen einkaufen gehe, (Anm.: Naomi, vier Jahre alt) dann mache ich nur das. Die Versuchung ist halt immer dieses Teil (zeigt auf ihr Handy).

Sind Sie eine Handymutter?

Was ist eine Handymutter?

Das sind die Mütter, die während Sie sich mit Ihren Kindern beschäftigen, das Handy nicht aus der Hand legen. Man sieht sehr häufig Mütter, die Kinderwagen schieben und dabei telefonieren oder am Handy herumwischen.

Das mache ich nicht. Natürlich muss ich für meine große Tochter erreichbar sein (Anm.: Alina ist zwölf). Aber wir müssen ja erst mal lernen, mit diesem Ding umzugehen. Wie lange gibt es das schon? Zehn, 15 Jahre? Es ist ein tolles Tool, aber wenn es die ganze Zeit mitmischt, ist das eine Katastrophe. Man kommt nicht mehr in einen Flow, weder mit den Kindern, noch im Beruf.

Ist die doppelte Aufgabe – Familie und Beruf – manchmal eine Belastung für Sie?

Ja sicher, total. Ich glaube, man muss einfach akzeptieren, dass es zu einer Belastung kommt, wenn man viele Sachen auf einmal macht und zwei Kinder hat – und das ist auch okay. Dann ist man halt mal krank, was noch mehr belastet, weil man ja viel zu tun hat. Aber mit jedem Jahr lerne ich ein bissi dazu.

Ich habe gelesen, dass Sie Ihre Kinder ohne Glaubensbekenntnis aufziehen. Sie selbst sind Jüdin, Ihr Mann ist Protestant. Warum handhaben Sie das so?

Ich bin traditionell jüdisch aufgewachsen, aber nicht orthodox, also nicht streng. Ich habe sehr früh und sehr schnell verstanden, dass es eine allgemein gültige Regel gibt: Was du aussendest, kommt zu dir zurück! Liebe und Eigenverantwortung sind Dinge, die für mich über allen Religionen stehen. Das sind die Grundpfeiler, die ich meinen Kindern mitgebe. Und die findet man in allen Religionen, egal ob Judentum, Christentum, Islam oder Buddhismus. Wenn meine Kinder trotzdem einmal eine Religion brauchen, dann können sie sich die selbst aussuchen.

Was, wenn sie sich fürs Christentum entscheiden?

Bitteschön. Sollen sie machen. Religion hat für mich etwas mit Ritualen zu tun und wir haben zu wenig Rituale, wie ich finde. Weihnachten, Chanukka, Neujahr oder Pessach: Das ist alles sehr schön. Es ist auch im Judentum fantastisch, wenn man am Sabbat ruht und nur für die Familie da ist, ganz ohne Elektrizität. Es ist eine tolle Sache, sich zu besinnen. Nur de facto funktioniert es nicht. Ich spiele am Samstag oft Theater. Wenn ich das religiöse Judentum also leben würde, müsste ich aus meinem Beruf aussteigen.

Und sich koscher ernähren.

Auch meine Kinder würden dann nur mit jüdischen Kindern verkehren, weil ich mir nur dann sicher sein könnte, dass sie auch wirklich koscher essen. Da fängt's dann für mich an, dass Religion etwas Trennendes hat. Auf der einen Seite ist Religion toll, weil es Rituale gibt. Aber sie hat auch etwas Trennendes. Das ist das Problem, vor dem wir alle stehen. Was machen wir mit dem ganzen Chaos?

Brauer-Kvam im Interview mit freizeit-Redakteurin Barbara Reiter

Sie sind in Israel aufgewachsen. Wie war es für Sie in Wien heimisch zu werden?

Ich war jahrelang zerrissen und wusste nicht, wo ich hingehöre. Erst viel später, als ich mir mit meinem norwegischen Mann und den Kindern, die in Wien geboren sind, etwas völlig Neues geschaffen hatte, bekam ich einen anderen Bezug zu Wien. Ich finde, dass sich die Stadt in den letzten 15 Jahren unglaublich entwickelt hat. Sie ist eine der besten Städte, um zu wohnen, zu arbeiten und Kinder zu haben.

Sie sind seit 13 Jahren verheiratet. Ihr Mann ist Protestant, Sie Jüdin. Er kommt aus dem Norden, Sie aus dem Süden. Können Sie bestätigen, dass Gegensätze sich anziehen?

Total. Es gibt sicher Momente, wo ich für ihn zu schnell bin und er für mich zu langsam ist, aber daran gewöhnt man sich. In dem Moment, wo man begreift, dass man immer eine Eigenverantwortung hat, für das, was einem passiert und niemand anderer Schuld hat, auch wenn es noch so verlockend ist, zu sagen: Der andere hat mir das und das angetan, ist das eine gute Basis für eine Beziehung, die länger funktioniert. Das ist natürlich ur mühsam, weil es permanente Selbstreflexion bedeutet. Und gelingen tut das natürlich auch nicht immer.

Warum haben Sie eigentlich damals in Jeans und T-Shirt geheiratet?

Wir haben uns bewusst für etwas Pures entschieden. Auf meinem T-Shirt stand Kyrre, auf seinem Ruth. Wir hatten nach dem Standesamt ein sehr schönes Fest im Garten meiner Eltern mit einem von uns geschriebenen Ritual ohne Rabbi und Priester. Dabei haben wir nicht den Satz gesagt "Für immer und ewig", sondern: "Ich werde versuchen, dich zu lieben, solange ich kann." Das ist uns bisher ganz gut gelungen. Man sagt das nicht so gerne, aber das mit Kyrre und mir war Schicksal.

Brauer mit ihrem Mann Kyrre Kvam

Wissen Sie, wann ich Sie zuletzt auf der Bühne gesehen habe? In "Die Weberischen" mit den Tiger Lillies.

Das hat Steffi Mohr gemacht, eine meiner Lieblings-Regisseurinnen. Sie hat mich für "Die Weberischen" geholt. Das war die Geschichte mit den Frauen rund um Mozart.

Haben Sie mit Frau Mohr über #MeToo gesprochen?

Viel sogar, aber vor allem mit meiner Tochter. Ich hatte das Glück, dass mir das im Beruf nicht passiert ist, aber es passiert. Meine Tochter weiß jetzt, dass es nicht okay ist, dass ihr jemand auf die Brust greift, wenn sie das nicht will. Ich konnte das in ihrem Alter nicht äußern und einordnen. Sie weiß es jetzt, Thank God!

Kritiker sagen, das Thema wird zu sehr aufgekocht. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Die einschneidendsten Veränderungen waren anfänglich immer extrem. Frauen haben Büstenhalter verbrannt und sind auf die Straße gegangen. Das Pendel muss einmal richtig ausschlagen. Es geht um Machtmissbrauch auf allen Ebenen. Auch, wenn das Thema die nächsten fünf Jahre in der Presse übertrieben dargestellt wird: Raus damit!

Warum haben Sie eigentlich Ihren Haarschnitt so radikal verändert? Vorher hatten Sie lange Haare ohne Pony.

Im letzten Jahr hat sich viel bei mir getan. Ich hatte auch immer eine große Affinität zu den 20er- und 30er-Jahren. Es ist ein kleines Tribut für die unglaublich mutigen Frauen dieser Zeit.

Ohne Pony - mit Kaffee

Was raten Sie weniger mutigen Frauen?

Bildung. Geht’s hin und bildet euch! Geht’s in eine Bibliothek, das kostet nix, sucht euch ein Thema aus und fangt an, zu lesen. So kommt eins zum anderen.

Gibt es auch einen starken Mann, der Sie beeindruckt?

Victor Léon zum Beispiel, der das Libretto für "Wiener Blut" geschrieben hat (Anm.: Brauers erste Regie-Arbeit basiert auf Strauß’ Operette "Wiener Blut"). Eigentlich hieß er Hirschfeld und kam aus einer Rabbinerfamilie. Ich finde es total spannend, dass ein Wiener Jude, der nicht zugibt, Jude zu sein und seinen Namen ändert, "Wiener Blut" schreibt. Als die Nazis kamen, durfte er aber nicht mehr arbeiten.

Ihr Vater musste sich seinerzeit vor den Nazis verstecken. Wie geht es Ihnen beim Gedanken an Liederbücher, die diskriminierende Texte beinhalten?

Dass es immer noch ein Buch gibt, in dem solche Texte stehen, ist für mich verwunderlich. Wir schreiben das Jahr 2018! Die sollen ihre Lieder singen, aber der Umgang mancher Parteien mit der Materie ist sehr eigenartig. Man muss aufstehen und sagen: Sorry, das ist ein Schwachsinn, wir hauen das raus! Und nicht: Es waren halt andere Zeiten!

Haben Sie, wo Sie nun zum ersten Mal Regie führen, Angst vor Kritik?

Ich glaube, ich verkrieche mich in eine Ecke und warte, bis alles vorbei ist. Kon-struktive Kritik ist total wichtig, dafür macht man es ja. Aber manche Kritiken sind verletzend. Deshalb versuche ich, mir Kritik von Menschen zu holen, von denen ich weiß, dass sie mich kennen.

Was würden Sie sich für eine Reaktion auf Ihre Regie-Arbeit wünschen?

Dass vor allem junge Leute, die nicht operettenkundig sind, ins Bronski & Grünberg kommen und sagen: Ma, wie leiwand ist Strauß!

Jugendfreunde: Nun führt Brauer in Alexander Pschills Theater Bronski & Grünberg zum ersten Mal Regie

Zur Person:

Ruth Brauer-Kvam, 45, ist die Jüngste eines Dreimäderlhauses. Ihre Schwester ist die Sängerin Timna Brauer, 56, ihr Vater Maler Arik Brauer, der nächstes Jahr 90 wird. Brauer machte ihr Diplom am „Tanz- und Gesangsstudio – Theater an der Wien“ 1993 und spielte danach an verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich Musical. Seit 2007 gehört sie fix zum Ensemble der Josefstadt und hat auch das Kinderbuch „Mit guten Gedanken lernt man fliegen!“ geschrieben und illustriert. Im Bronski & Grünberg, dem Theater ihres Jugendfreundes Alex Pschill, 47, führt sie nun zum ersten Mal Regie. Brauer ist mit dem Musiker Kyrre Kvam seit 13 Jahren verheiratet und hat mit ihm zwei Töchter. Naomi ist vier, Alina zwölf Jahre alt.

Info: „Wiener Blut“ feiert am 16. März im Bronski & Grünberg Premiere. Weitere Termine: 19., 20., 22. und 23. März jeweils 19.30 Uhr www.bronski-gruenberg.at

Derzeit ist Brauer-Kvam gemeinsam mit Pschill auch im Stück "39 Stufen" in den Kammerspielen zu sehen. Brauer: "Das Stück ist wirklich sehr lustig."