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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 9 - Libyen

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Endstation Ras Lanuf

Manchmal verlaufen sich auch große Ideen im libyschen Wüstensand. Es ist nicht der erste Versuch, den die Russischen Staatsbahnen derzeit bei Ras Lanuf unternehmen dürfen. Wieder einmal soll eine Eisenbahnlinie entlang der Küste gebaut werden, um die beiden Großstädte Tripolis und Benghazi zu verbinden. Doch auch die Russen kommen nicht so recht vom Fleck. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet man volle Kraft voraus, doch mit Ausnahme der Versorgungsbahn vom Hafen Ras Lanuf ins nahe gelegene Camp kann man weit und breit noch keinen einzigen Kilometer Schiene ausmachen. Vor vier Monaten kam nun auch Österreich in Ras Lanuf zum Zug: Die Russen haben Verstärkung angefordert. Dreißig Geologen, Planer und Controller, alle aus dem Verbund der Austrian Railway Engineering sind im August hier eingeritten. Man erzählt, dass den Russen bei Ras Lanuf der Plan fehlt. Und dass sie hoffen, dass die Österreicher wissen, wo es lang geht. An sich eine schöne Geschichte, die aber nicht geschrieben werden soll, weil ein Beamter im Verkehrsministerium in Wien den fix ausgemachten Foto- und Interviewtermin in allerletzter Minute untersagen will. Wenigstens das Foto vom Ende der Schiene konnte er nicht verhindern. Der Herr ist im Übrigen nicht alleine. Auch bei der OMV und bei der VAMED hat man so seine Probleme mit der öffentlichen Darstellung der an sich erfolgreichen Aktivitäten in Libyen.

Kinder, so ein Theater!

Große Bühne für Peter Kratochvil. Der Wiener Geschäftsmann lädt in das renovierte Kindertheater von Benghazi. Viel Show! Phasenweise vermittelt der Konsulent einer Konsulentenfirma den Eindruck, als hätte er das Theater fast im Alleingang wieder auf Vordermann gebracht. Aber das macht nichts. Immerhin hat der Konsulent mit einem befreundeten libyschen Architekten, der nach einem Verkehrsunfall im Rollstuhl sitzt, das Thema Barrierefreiheit nach Libyen exportiert. Die Aufgänge zum Theater, der Zuschauerraum, die Bühne - alles mit dem Rollstuhl befahrbar. Herr Kratochvil ist sichtlich zufrieden. Spricht davon, dass ihm ein erster großer Coup gelungen ist und dass er sich mit diesem Referenzprojekt in der Tasche nun auch die Krankenhäuser in Benghazi vornehmen möchte. Der Selfmade-Unternehmer ist aber auch noch aus einem ganz anderen Grund interessant. Er ist mit einer Libyerin verheiratet. Noch. Denn die interkulturellen Unterschiede dürften im täglichen Familienleben nur schwer überbrückbar sein.

Ein Mann, der bügelt

Die Österreicher in Libyen leben wie alle anderen Europäer in Libyen. In einer Parallelwelt. In goldenen Käfigen. In der Früh schlagen sie in ihren klar separierten Häusern oder auch in einem eigenen Camp die Augen auf. Dann bringen sie ihre Kinder mit ihren großen Kutschen in eine der internationalen Schulen. Die Männer fahren weiter in ihre klimatisierten Büros, die Frauen zurück in ihre Käfige. Kontakt mit den Einheimischen haben sie nur, wenn sie ihr Personal anleiten. Die Szenen gleichen sich. Einzig der Umgang macht den Unterschied. Zum Glück gibt es auch ausreichend Österreicher, die nicht mehr wie Kolonialherren auftreten. Doch ab und zu begegnet man auch dem einfachen Mann auf der Straße. Oder auch im Basar von Tripolis. Und dann würde man ihn gerne fragen: Oh, Herr, Sie bügeln, ist Hausarbeit in Ihrem Land und in Ihrer Religion nicht den Frauen vorbehalten? Wie geht es Ihnen eigentlich? Haben Sie Familie? Kinder? Wie viel verdienen Sie so in einem Monat? Und: Unter uns, was halten Sie persönlich vom großen Führer? Fühlen Sie sich in Ihrem Land frei oder leiden Sie unter der Bevormundung durch das Regime?

Flüssiger Spitz-Name

In den kleinen Lebensmittelläden in Tripolis gibt es noch einen letzten Hinweis auf Österreich. Er kommt aus Oberösterreich und wird bei öffentlichen Empfängen gerne gereicht. Als willkommene Alternative für Campari Soda. Der picksüße, camparirot gefärbte Drink aus der Flasche heißt Bitter Soda, schmeckt ein bisschen wie Campari ohne Campari und trägt den Spitznamen "das österreichische Getränk". Die Fachmeinungen der Österreicher über das von Spitz hergestellte Exportgut sind geteilt, sie reichen von "Das kannst nicht dersaufen" bis zu "Das sollte man auch bei uns endlich auf den Markt bringen". Neben Spitz- werden in Libyen Fruchtsäfte von Pfanner und Rauch verkauft. Dazu fünf verschiedene Energy Drinks. Quasi zum Abschied gibt es noch mehrere Stempel in den Reisepass und auf die Bordkarte. Stempeln scheint überhaupt eine Lieblingsbeschäftigung der Libyer zu sein. Während anderswo der gute alte Stempel und auch das Blaupapier längst Geschichte sind, gibt es in Gaddafi-Land für die Firmen Trodat und Kores noch einen sicheren Absatzmarkt.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.