Welt-Reise, Tag 70 - Lettland/Russland

Teures Vergnügen: Die baltische Fluglinie lässt sich ihre bescheidenen Dienste extra vergüten
Foto: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure


Ausgeliefert

Aufstehen wieder einmal um drei Uhr in der Früh. In einer Stadt, deren Namen man über Nacht vergessen hat. In einem Hotelzimmer, dessen Nummer einem nicht mehr einfallen will. Ohne Frühstück zum Taxi, ohne Esprit auf einem weiteren Flughafen ohne Gesicht. Weltreisen in dieser Form ist nicht Urlaub, sondern hartes Business, das am 70. Arbeitstag dieser Weltumrundung die Reserven anknabbert. Man hat jedenfalls schon einmal mehr gelacht ...

Nette Überraschung beim Check-In auf dem Flughafen in Riga (jetzt hat er's - so heißt die Stadt, der man heute den Rücken kehren muss): Die Air Baltic gewinnt frühzeitig den Preis der "most unfreundlich Fluglinie". Mit frecher Bestimmtheit erklären die Offiziere am Schalter allen Fremden, dass diese eine Extra-Gebühr für das Gepäck zu entrichten haben. Protest zwecklos. Die kühlen Geldnehmer verweisen geschult auf angeblich Kleingedrucktes. Man ist ihnen hilflos ausgeliefert: Zahlen oder nicht mitfliegen - mehr Optionen gibt es nicht. 85 € wechseln wortreich den Besitzer. Dafür dürfen sich die Aufzahler bei der Air Baltic (Member of Star Alliance) nicht einmal den Sitzplatz aussuchen. Von einem Frühstück reden wir gar nicht.

Der Kaufmann und der Kreml

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Der Herr mit dem aufgezwirbelten Bart darf zufrieden sein. Das Schild vor dem Hotel Moskva ist die beste Werbung für seine Baufirma. Der Auftrag wird für die Strabag keine Millionen einbringen. "Wir sind auch schon mit einem Null-Ergebnis zufrieden", erklärt Gerhard Gritzner. Aber er ist die beste Werbung, die man sich vorstellen kann. Gritzner, Vorstandsmitglied und Generaldirektor der Strabag in Russland, sagt: "Jeder russische Bürgermeister fährt einmal zum Kreml, und sieht dann unser Schild."

Der Neubau des Hotels, das ursprünglich in der Stalin-Zeit errichtet wurde, ist ein schwieriges Unterfangen. Weniger technisch als politisch. Er verzögert sich, weil die, die in der Stadt das Sagen haben (49 Prozent der Hotel-Anteile hält die Stadt, 51 Prozent eine Gruppe privater Investoren) nicht immer einer Meinung sind. Der Mann der Strabag kennt sie alle: Die Bürgermeister, die Regierungsmitglieder, die Minister, die Geheimdienstleute, die Oligarchen, die ehrenwerten und auch die weniger ehrenwerten Mitglieder der Moskauer Mafia. Selbst sein Chef in Österreich, den er ebenso gut kennt, wundert sich manchmal, mit wem man hier Kaffee trinkt.

Er sagt, dass er nicht stolz darauf ist. Aber natürlich ist er es, ein bisserl. Er weiß mehr als gesund ist. Erzählt darüber nur hinter vorgehaltener Hand, denn es sind in dieser Stadt schon zu viele Wissende von der Bildfläche verschwunden. Die langjährige persönliche Freundschaft zu den Oberen in der nun kapitalistischen Nomenklatura hat ihn am Leben gelassen. Kein Geheimnis: Erfolgreiche ausländische Firmen stehen in Russland unter ständiger Beobachtung. Eine falsche Entscheidung, und es kann die letzte gewesen sein. Das Baugeschäft in Russland ist nichts für Menschen, die sich leicht fürchten. Wie er das aushält? "Ich habe in Russland die Angst und die Liebe zum Vaterland verloren."

Der Kärntner Kaufmann aus Spital an der Drau wird heuer sechzig und arbeitet seit zwanzig Jahren in Moskau. Er hat sich bei der Strabag, die ihre Wurzeln in seiner Heimatstadt hat, von ganz unten nach ganz oben gearbeitet. Hat auch das Export-Geschäft von klein auf gelernt. Er war vor Moskau vier Jahre in Libyen, ein Jahr in der damaligen Tschechoslowakei, zehn Jahre im Irak. Für die Strabag hat er bisher fünfzig Bauprojekte in und rund um Moskau an Land gezogen. Einige prestigevolle, auffallend viele nahe den Kremlmauern, allerdings keinen einzigen Auftrag, der von staatlichen Stellen vergeben wurde, wie er betont. Und auch darüber könnte man sich lange unterhalten. Die Korruption in Russland macht österreichischen Firmen ernsthaft zu schaffen.

Dabei begann alles alles Andere als Erfolg versprechend. Im ersten Jahr hat der weit gereiste Baumanager in einem Supermarkt am Stadtrand Regale geschlichtet. Um seine Firma in Russland finanziell über Wasser zu halten. Es gab keine Aufträge - aber auch keine Supermärkte in Moskau. Gritzners Überlegung damals: "Gut, wir haben in diesem Bereich kein Know-how, aber wenn wir den dritten Supermarkt in einer Mehr-Millionen-Stadt bauen und betreiben, können wir eigentlich nur gewinnen." Heute weiß man in seiner Firma, dass er Recht hatte. Damals waren nicht alle begeistert, haben sich einige Kollegen in Österreich auch gefragt, wohl zu Recht, ob der Gritzner in Moskau noch normal ist.

Man hat ihm am Anfang drei Autos gestohlen. Das gehörte dazu. Heute müsse man um sein Eigentum weniger fürchten, fügt der Moskau-Insider schnell dazu. Heute macht ihm Anderes Sorgen: "Durch den brutalen Kapitalismus, der um sich greift, geht vieles, was früher einen Wert hatte, für immer kaputt." Selbst hat er auf den Rat eines befreundeten Internisten gehört. Und vielleicht ist dies der eigentliche Grund, warum er noch am Leben ist: Er hat sich abgewöhnt, vier Packungen Zigaretten pro Tag zu rauchen. Von einem Tag auf den anderen.

Der Hotelbauer und der Oligarch

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Der Herr im lässigen T-Shirt steht dort, wo man sich bis vor zwei Jahren noch die Kugel gab. Im ehemaligen Luxus-Casino im Hotel Korston. Wohin nur die Super-Reichen Zutritt hatten. Doch das Glück ist seinem einflussreichen Chef derzeit nicht hold. Denn der oberste einflussreiche Chef, Wladimir Putin, hat das Glücksspiel in Hotels vor zwei Jahren verboten.

Hansjörg Stohs sucht jetzt nach Alternativen. Als Chef-Entwickler der Korston-Gruppe. Er kann dabei auch auf seine Erfahrung bauen. Der 68-jährige Dornbirner hat bis dato 39 Hotels geplant, gebaut, eröffnet und gemeinsam mit den von ihm ausgewählten Hotelmanagern in den Markt eingeführt. Er war in elf verschiedenen Ländern tätig, hat eine ganze Reihe von Sheraton-Hotels in Nordamerika gebaut, das erste All-Inclusive-Hotel in der Türkei, Mercure-Hotels in Wien und in Linz, noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs das erste Helikopter-Ski-Hotel im Kaukasus.

Stohs geht für die Korston-Gruppe bei ihren jüngsten Projekten im Wesentlichen immer nach einem Muster vor: Auf eine Shopping Mall mit großem Freizeit- und Gastrobereich wird ein Hotelturm aufgesetzt.

Auf die Frage, wie lang er noch arbeiten möchte, erklärt der längst pensionsreife Manager: "Das Problem ist, dass ich kein Hobby habe." Der Sohn eines bekannten Vorarlberger Landespolitikers wanderte mit 21 nach Kanada aus. Und arbeitete sich dort über eine Kette von Zufällen vom Kellner, Oberkellner, Rezeptionisten, Skilehrer, Profifußballer zum Baumanager hinauf. Heute sagt er: "Es hat nie einen Tag gegeben, an dem ich nicht gearbeitet habe." Wo ist einer zu Hause, der seit bald fünfzig Jahren ständig unterwegs ist? Karlheinz Stohs antwortet erwartungsgemäß: "Im Hotel." Klingt im ersten Moment lustig, ist es aber gar nicht so.

Abends warten im Hotel Korston auffällig leicht bekleidete Frauen auf Arbeit. Charmant, österreichisch halt, schwindelt sich Hansjörg Stohs über so manchen Widerspruch. Sonntags geht er regelmäßig in die Kirche. Dass er auch schon darüber nachgedacht hat, aus dem vornehmen Casino ein vornehmes Puff zu machen, würde er Gott gegenüber wohl genauso rechtfertigen wie uns gegenüber: "Na gut, ich müsste es ja selbst nicht betreiben."

Der Abenteurer und die Tränen

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Bei minus 54 Grad Celsius liegt sein persönlicher Rekord. Darauf ist er ein bisserl stolz: "Weil ab minus 40 wird es kalt." Dann reibt sich der Minus-Mann sein Gesicht mit einer Speckschwarte ein. Weil Nivea-Creme längst einfrieren würde. Ebenso wie der Tränenfluss.

Lorand Henri Hatbauer ist einer der letzten Abenteurer Österreichs. Sein Vorname soll an den besten Freund seines Vaters erinnern. Sein Nachname wird ihm eher gerecht: Ein Voestler aus Donawitz. Durch und durch. Der 53-jährige Steirer hat die letzten dreieinhalb Jahre seines Lebens im äußersten Osten Sibiriens verbracht. Freiwillig. Dort wird derzeit eine 4000 km lange Ölleitung gebaut. Sieben von 14 Pumpstationen sind fertig. Für alle sieben Baulose war er verantwortlich.

Hatbauer ist der Härteste von allen. Die Baufirmen, auch österreichische, heuern den Freiberufler immer dann an, wenn sie mit ihren eigenen Leuten anstehen. Und das kommt in Russland oft vor. Auch er entspricht dem Typus des Austro-Fremden-Legionärs, der ins Ausland geht, um sein Glück zu versuchen und im Ausland seine Bestimmung findet. Alle waren sie schon einmal in Libyen und im Irak, einige wie er auch in Schwarzafrika.

Sibirien ist nichts für Warmduscher. Ins Camp gelangt man nur über Umwege. Im Winter minus 50 und Wölfe ante portas, im Sommer plus 40 und Moskitos überall. Siebzig Arbeitsstunden pro Woche sind die Regel. Neun Wochen hindurch, als einziger Österreicher unter 600 Russen. In der Küche des Camps gibt es keine Messer. Aus gutem Grund. Hatbauer hat auch schon Tote gesehen. Und deren Tod war nicht meteorologisch bedingt.

Außen hart, innen patzweich. Wenn sich sein fünfjähriger Enkelsohn vom "Opa Moskau" verabschiedet, drückt es ihm "die Tränen aus den Augen". Gerne würde er mehr Zeit mit seinem Yannick verbringen. Sagt er. Keinen Spaß versteht der Steirer hingegen, wenn einer daheim am Stammtisch alle Russinnen als Prostituierte und alle Russen als Mafiabosse abtun will: "Auch in meinem Negerdorf in der Steiermark wird eingebrochen. Wo ich nicht war, darüber darf ich nicht schimpfen."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium.

Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

(kurier) Erstellt am
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