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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 69 - Lettland

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Küß die Hand!

Zum Glück ist Hermine Popeller auch in wirtschaftlichen Angelegenheiten bestens informiert. Die österreichische Botschafterin in Riga sprang heute unbürokratisch für ihren geschätzten jungen Kollegen, den Wirtschaftsdelegierten, ein. Der musste aus privaten Gründen kurzfristig nach Österreich fliegen. Die Diplomatin zeigt sich durchaus besorgt. Sie sieht Lettland schon seit mehreren Monaten leiden: "Die Wirtschaftskrise hat dieses Land wirklich sehr hart getroffen." Nachdem der Staat den Crash der größten lettischen Bank gerade noch abfangen konnte, zahlen wieder einmal die Bürger drauf: "Die meisten Familien mussten Einkommensverluste bis zu dreißig Prozent hinnehmen." Zu Jahresbeginn wurde zudem die Mehrwertsteuer auf 22 Prozent erhöht. Und Popeller wundert sich, wie ruhig und phlegmatisch die Letten jede weitere Hiobsbotschaft zur Kenntnis nehmen. Die Herangehensweise der Leute hier ruft neben Ver- auch Bewunderung hervor: "Es ist in der europäischen Geschichte wohl einzigartig, wie dieses Land versucht, seine Probleme alleine zu lösen." Österreichische Firmen profitieren im Baltikum indes von ihrem guten Ruf. Ihr Problem ist allerdings, dass die Märkte und auch die finanziellen Möglichkeiten im Vergleich zu Skandinavien deutlich limitiert sind. Interessant sollte in den nächsten Jahren vor allem das Holz-Geschäft werden: Das Holz aus den lettischen Wäldern soll als Baustoff und als Biomasse verwertet werden, Firmen aus Österreich besitzen in diesem Bereich viel Know-how. Österreichischer Wein wird in kleineren Mengen in einer Art Wein-und-Co-Kette in Riga vertrieben.

Zehn Minuten durch Amerika

Heute Ausflug in die Sowjet-Zeit. Das damalige Regime machte die Menschen kreativ. Die einzige echte Autobahn Lettlands, von der Hauptstadt Riga in den Badeort Jurmala, der in den 1970er-Jahren für die Sowjet-Bonzen gebaut wurde, tauften die normalsterblichen Genossen "Zehn Minuten durch Amerika" - eine besondere Spitze, denn die Arbeiterführer zeigten ihnen im Fernsehen eine ähnlich lautende Serie, allerdings durch die sozialistischen Bruderländer. Die Autobahn ist dreispurig, und auf den 20 km durchgehend beleuchtet. Wer die Hauptverbindungen im Baltikum kennt, weiß, wie überdimensioniert dies heute noch auf die Menschen hier wirken muss. Am Ende der Autobahn, dort, wo der Lielupe (die deutschsprachigen Ritter haben ihn im Mittelalter Kurländische Aa getauft) in die Ostsee mündet, liegt der auch heute mondäne Badeort. Wo bis zum Zerfall der Sowjetunion die gleicheren Menschen des Sozialismus residierten, wohnt in EU-Lettland die Nomenklatura des Kapitalismus: Lokale Apparatschiks, Neureiche und Banker, russische Schlagerstars, die hier - im Gegensatz zu ihren Domizilen in Spanien und Italien - nicht erkannt werden wollen. Neben dem ganzen Prunk und Protz finden sich auch einige schöne Villen aus Holz, die an eine längst vergangene Zeit erinnern, in der Reichtum noch mehr mit dem Schöngeist gepaart war. Viele Bewohner, so wird erzählt, wurden in der Stalin-Zeit in Sibirien ermordet. Gleich daneben das " Hotel Weißrussland": zu Sowjet-Zeiten einer dieser scheußlichen Betonkobel, die von den großen Betrieben für die Erholung ihrer Werktätigen errichtet wurden. Heute werden sie als postsozialistische Sterne-Hotels geführt.

Vorreiter in der Provinz

Zu Mittag in Ventspils. Ventspils ist die Stadt der gepflasterten Gehsteige. Der Hafen floriert. Die Freihandelszone boomt. Die Stadt hat Geld. Die Stadt investiert Geld. In die Ansiedlung von Betrieben. In seine Häuser, Straßen, Schulen, Kindergärten, Sportanlagen, sogar in einen Skilift, der auf einen Müllberg hinauf führt. Ventspils liegt an der Ostsee, Schweden quasi gegenüber, ist mit 43.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt in Lettland. 5000 Menschen arbeiten im Hafen. "Von ihm leben wir", erklärt Janis Vitolins, durchgehend Vizebürgermeister seit Gorbatschows Perestrojka. "Schon zur Zeit der Zaren wurde in Ventspils der größte Hafen des russischen Reichs gebaut", erinnert Vitolins an eine lange Tradition. Eine eigene Eisenbahn brachte ab dem Jahr 1902 Getreide zu den Schiffen, die Russland verließen. In der Sowjet-Zeit wurde Ventspils zum wichtigsten Ölexport-Hafen ausgebaut. Dementsprechend grau und trostlos sah die Stadt bei seiner Amtsübernahme aus. Kaum zu glauben, wenn man heute durch auffallend gepflegte Häuserzeilen, Garten- und Parkanlagen geht oder fährt. Der Lokalpolitiker arbeitet auch daran, dass österreichische Firmen auf das Ansiedlungsangebot in der Freihandelszone aufmerksam werden. Bisher allerdings vergeblich.

Ein Leicht-Gewicht

In Ventspils endlich eine Firma mit Österreich-Bezug! Acht Jahre hat sich der Holzingenieur Johann Berger aus Euratsfeld mit der Entwicklung von Langlaufskiern beschäftigt. Im Solde der Firma Fischer. Für den Skikern hat Berger ein extrem leichtes, widerstandsfähiges, flexibles und dazu auch umweltfreundliches Holz-Zellen-Material entwickelt (mit ausgefrästen Luftlöchern zwischen den geleimten Lamellen). Die Frage einer Hausfrau, ob er für sie ein ebenso leichtes Holzschneidebrett bauen könnte, brachte den Tüftler auf die Idee, seine Holzkerne "light" auch für andere Anwendungen zu entwickeln. Peteris Vasuks spricht mit Hochachtung vom österreichischen Geschäftspartner. Der Ingenieur und sein Vater haben in der Freihandelszone der Hafenstadt Ventspils das mit Abstand modernste und ambitionierteste Holzwerk Lettlands eröffnet. Die Firma Dendro light. Sie sind bisher die Einzigen, denen der österreichische Patententwickler die Lizenz für die Vermarktung seiner Idee erteilt hat. Seit wenigen Wochen produzieren Vater und Sohn und 40 Mitarbeiter in ihrer High-Tech-Fabrik die patentierten Lamellen. Für Holzmöbel, Wände und Zwischenwände von Fertigteilhäusern, Fensterstöcke, Fassaden und Fußböden, Inneneinrichtungen von Wohnwägen und Booten sowie für alle weiteren Anwendungen, bei denen mit möglichst geringem Gewicht ein Maximum an Stabilität erzielt werden soll. Noch ist der neue Werkstoff in der Design- und Baubranche weitgehend unbekannt. Doch auf Messen hat er bisher großes Interesse hervorgerufen. Die Tatsache, dass auch die Ausstatter von Team 7 in Österreich mit dem Leichtgewicht experimentieren und dass sich auch schon ein chinesisches Forscherteam zu einer informellen Besichtigung des Werks in Ventspils ansagen wollte, macht die Betreiber jedoch zusätzlich sicher, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Peteris Vasuks hofft, dass sich die Investitionen seines Vaters (rund 26 Millionen €) möglichst bald rentieren werden. Mutig ist dieses Unternehmen in jedem Fall. Im Moment arbeitet man in einer Schicht. "Aber es könnten gerne auch zwei oder drei Schichten sein, an uns soll es nicht liegen."

Und dann war da noch ...

... Novomatic. Man weiß nicht so recht, ob man sich über das überall um sich greifende Glücksspielfieber freuen soll. Konzentriert man sich nur auf die nackten Zahlen, dann darf sich der österreichische Steuerzahler darüber freuen, dass die Firmengruppe aus Gumpoldskirchen weltweit erfolgreich ist. Auch in Lettland ist man an 124 Spielsalons direkt oder indirekt beteiligt. Im Schnitt gibt so ein Salon fünf bis sechs Menschen Arbeit. Im Schnitt warten in so einem Salon zwanzig Slotmaschinen auf möglichst spielwütige Kundschaft. Doch das Geschäft mit dem winkenden, blinkenden Glück ist im nationalen Unglück der Letten, die immer noch mitten in der Rezession stecken, ins Stocken geraten. "Der Markt ist im vergangenen Jahr wieder um fünfzig Prozent eingebrochen", weiß Dace Konrade, die Finanzdirektorin der lettischen Partner-Firma Alfor (hat ihren Sitz in der Nähe des Flughafens von Riga, ist mit 46 Prozent Marktanteil der größte Anbieter im Land). Die Geschäftsfrau führt die Einbußen auf die ökonomische Lage im Land zurück: "Die Menschen müssen erst essen, erst dann kommt das Entertainment." Nicht wirklich erfreulich für die Firma: "Die Entwicklung konnte leider auch in den ersten Monaten des Jahres 2011 noch nicht gestoppt werden."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.