Welt-Reise, Tag 66 - Schweden

Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts
Foto: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure


Viel-Flieger

Flug von Toronto nach Stockholm, via Warschau. Es ist nicht das erste Mal, dass man auf dieser Weltreise mit einem Flugzeug quasi ums Eck fliegt: In der zweiten Woche ging es beispielsweise von Lagos via Doha nach Tripolis, zuerst acht Stunden von Lagos nach Doha, dann noch einmal acht Stunden von Doha nach Tripolis, anstatt vier Stunden von Lagos direkt nacht Tripolis. Anstrengend waren auch die Nachtflüge. Mehr als ein Mal fuhr man unmittelbar nach der Landung zum ersten Termin.

Diese Reise gibt immerhin auch ein Gefühl, wie es Landsleuten geht, die permanent in Exportangelegenheiten unterwegs sind. Manche kommen auf 200 Flugtage und mehr pro Jahr, immer in der Economy Class. Business fliegen nur ihre Chefs. Daher wohl auch der Ausdruck: Arbeiterklasse. Arbeiterklasse passt auch gut zur Fluglinie der Polen. Unglaublich, welch museales Fluggerät die LOT für ihre Langstreckenflüge aus der Reserve holt.

Reise in den Norden

Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts Foto: Mario Lang Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts

Es ist ein weiter Weg von Öblarn im Ennstal (liegt zwischen Liezen und Gröbming) nach Stockholm. Ferdinand Pircher ist ihn gegangen. Nach der Handelsschule hat er in der Raika in Öblarn begonnen, einer der kleinsten Raiffeisen-Filialen in der Steiermark. "Vom Schalter bis zur Buchhaltung, ich habe dort das Bankgeschäft Schritt für Schritt gelernt." Mit zwanzig war er Filialleiter-Stellvertreter in Piesendorf bei Zell am See. Dort hat er tagsüber gearbeitet, und am Abend hat er in Zell am See die Handelsakademie besucht.

Nach der Matura geht der Steirer nach Innsbruck, studiert Wirtschaft und übernimmt quasi nebenbei die Leitung der damals modernsten Bank Österreichs auf dem Uni-Campus. Nach dem Studium darf er in Wien Großkunden in Leasing-Angelegenheiten beraten. Im April 2010 wird er Geschäftsführer der Raiffeisen Leasing Nordic - mit Sitz in Stockholm. Seine Einheit finanziert in Schweden und Finnland in erster Linie Wohnbau-Projekte. Und ist derzeit - der Bedarf nach neuem Wohnraum wächst ständig - gut im Geschäft.

Von Öblarn nach Stockholm, ein weiter Weg, ein schöner Aufstieg. Ferdinand Pircher darf zu Recht stolz sein auf diesen Aufstieg. Er ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich Bildung und Weiterbildung bezahlt machen können. Nicht nur für ihn selbst, auch für seinen Arbeitgeber.

Schwedische Feinheiten

Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts Foto: Mario Lang Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts

Der Bankmanager Ferdinand Pircher kam gut vorbereitet nach Stockholm. Er ist dem Rat eines älteren Kollegen gefolgt und hat gemeinsam mit seiner Frau einen Kurs für interkulturelles Management besucht. Ja, auch in Schweden oder gerade in Schweden kann so eine Lehreinheit viele Meter ersparen. Denn wer meint, dass man in diesem EU-Land exakt wie wir Österreicher tickt, steuert direkt auf das erste Fettnäpfchen zu.

In schwedischen Firmen gilt das so genannte Jantegesetz. Wer Entscheidungen im Alleingang und von oben herab trifft, wird schnell alleine da stehen. Die Arbeit in der Gruppe, im Team, wird bereits in den Kindergärten eingeübt. Die Hierarchien sind deutlich flacher als in Österreich. Mitarbeiter werden mehr gefragt, müssen daher auch mehr Entscheidungen mittragen.

Wichtig ist für Schweden immer auch das Streben nach Gleichheit und Demokratie, das sich im sogenannten Allemannsrätt (Jedermannsrecht) manifestiert. Wichtig abseits aller landesüblichen Eigenheiten: Man kann auch hier nicht nur ein bisserl Export betreiben. Wer nur seine Prospekte im Anhang eines Mails an potenzielle Kunden verschickt, wird niemanden auf sich aufmerksam machen. Man muss auch hier fürs Marketing ordentlich Geld in die Hand nehmen und selbst sein Gesicht zeigen.

"Niemand sagt hier Herr Konsul"

Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts Foto: Mario Lang Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts

Gunnar Andersson arbeitet seit bald vierzig Jahren mit und für die Österreicher, ganz konkret für den Linzer Autobatterien-Hersteller Banner. Er sagt: "Ich weiß gar nicht, wie viele 100.000 Banner-Batterien ich in Schweden schon verkauft habe." Der in Stockholm hoch angesehene Geschäftsmann bezeichnet seine Linzer Partner als seine Freunde, dementsprechend sein Loblied: "Ich schätze sie sehr, weil sie sich auf ihr Geschäft konzentrieren, über die Jahre konstant gute Qualität liefern, technisch immer auf dem letzten Stand sind, man sich auch immer auf sie verlassen kann."

Andersson verkauft die Autobatterien an Tankstellen und Kfz-Werkstätten in ganz Schweden, auch an die bekannten Autohersteller im Land, vor allem an Volvo und Scania. Er sagt: "Banner hat sich bei uns einen sehr guten Ruf erarbeitet, und das heißt etwas, denn der Wettbewerb ist hier mehr als nur hart."

Wenn der energiegeladene 73-jährige Eigentümer einer Handelsfirma (mit derzeit 25 Angestellten) keine Batterien, Schmierstoffe und Kompressoren verkauft, bemüht er sich um gute Beziehungen zwischen Österreich und Schweden. Seit einigen Jahren fungiert Andersson als Österrikes Generalhonorarkonsul in Stockholm. In dieser Funktion organisiert er den Wien-Ball, und hilft Österreichern bei Bedarf auch, mit einflussreichen Managern und Politikern in Kontakt zu treten.

Wenn er den Österreichern einen Rat geben darf, dann diesen: "Man sollte sich den Markt hier gut ansehen, bevor man ihn bearbeiten möchte." Nicht für jedes Produkt gibt es auch einen Bedarf. Vergleicht er Österreich mit Schweden, erklärt er freundlich: "Wir sind uns schon sehr ähnlich. Wir Schweden haben vielleicht ein bisschen weniger Bürokratie. Und im Wirtschafsleben ist bei uns hier manches transparenter, auch weltoffener." Auch die komplizierten Höflichkeitsformeln fallen weg: "Niemand sagt hier Herr Konsul, alle sind sehr schnell per Du."

Verkehrsberuhigt

Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts Foto: Mario Lang Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts

Zurück in Europa! Die Stockholmer jammern auf hohem Niveau. Ja, es gibt auch hier Staus, zwei Millionen Menschen lassen sich nicht ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren. Doch um wie viel angenehmer, entspannter lebt es sich in Schwedens Hauptstadt im Vergleich zu asiatischen oder amerikanischen Mega-Städten. Überall haben sie gestöhnt über den Individualverkehr. Am meisten übrigens jene, die selbst jeden Tag in ihrem Auto sitzen und sich gar nicht mehr vorstellen können, zehn Schritte zu Fuß zu gehen.

In Stockholm hingegen wird keiner mehr belächelt, wenn er mit der U-Bahn oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Infrastruktur der Stadt längst nicht mehr nur an den Bedürfnissen der Autofahrer orientiert. Es ist hier auch nicht mehr chic, laut über City-Maut und teure Parkplätze in der Innenstadt zu klagen.

Stockholm ist eine der europäischen Musterstädte für Verkehrsberuhigung, folgt einer Art Gegen-Bewegung, die einher geht mit der Wiederentdeckung der Lebensqualität im urbanen Raum. Schön zu sehen auch: Dass Österreichs Landeshauptstädte mit ihren Verkehrskonzepten längst nicht mehr hinterher hinken. Wird dort auch gerne gejammert, im internationalen Vergleich ist man gut unterwegs.

"Sie kommen"

Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts Foto: Mario Lang Rudl in der Arbeiterklasse: Auch die Mehrzahl der Exporteure bewegt sich in der "Business" vorwärts

Apropos Auto: Es wird auch in Zukunft nicht von der Bildfläche verschwinden. Es wird allerdings um eine Weile intelligenter sein müssen als heute. Das wissen auch die Kaufleute und Ingenieure der Firma AVL. Die wurde von Professor Hans List, einem innovativen, auch international angesehenen Techniker, im Jahr 1948 gegründet und ist heute Weltmarktführer in der Entwicklung von Motoren und Motoren-Testgeräten. Die Firma beschäftigt im Moment 5000 Mitarbeiter weltweit, davon 2000 in Graz. AVL hat bisher 800 verschiedene Motoren und 3000 Testanlagen entwickelt - für die Formel 1, Pkws, Lkws, Schiffe und auch Industrieanlagen. Zuletzt hat man gemeinsam mit Audi über einen neuen Elektromotor intensiv nachgedacht.

Seit einem Vierteljahrhundert sind die Motoren-Meister auch in Schweden vertreten, heute an drei verschiedenen Standorten. Jan Gasste und Erik Osnes leiten das Test-Zentrum am südlichen Stadtrand von Stockholm. Sie arbeiten mit ihrem Team nicht nur für Volvo, Scania und andere Paradeunternehmen, sondern auch für staatliche Stellen. Beide betonen, dass sie regelmäßig an Meetings in Graz teilnehmen. Wichtig ist ihnen aber auch der Hinweis, dass sie ihren Arbeitgeber längst nicht mehr als rein Grazer, sondern als global agierendes Unternehmen schätzen.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium.

Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

(kurier) Erstellt am
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