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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 61 - USA

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Österreicherin im Untergrund

Wie muss sie sich in diesem Moment gefühlt haben? Mit Spannung hatte sie auf eine Antwort der New Yorker Verkehrsbetriebe gewartet. Und dann war die Antwort endlich da, am ersten Tag nach ihrem Urlaub. Und die Antwort war positiv. Und die Antwort bedeutete, dass sie jetzt alles gewinnen oder auch alles verlieren konnte. Denn man gab ihrem kleinen Büro gerade einmal fünf Monate Zeit, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Um ein neues Design für die U-Bahn-Züge zu entwickeln. Unvorstellbar, dass man in Wien Neueinsteigern so eine Chance bietet! In Wien sind die wichtigsten Knotenpunkte für große Aufträge von den Arrivierten und/oder den Apparatschiks zugestellt. Die Geschichte von Sigi Möslinger - eindrucksvoll. Jeder Mensch, der heute in New York U-Bahn fährt, bekommt es mit ihr zu tun. Deshalb scheint der Name der Österreicherin auch auf einer Liste der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten New Yorks auf, erstellt vom einflussreichen "New York Magazine". Von ihr stammt nicht nur das Design für die neuen U-Bahn-Züge, sie hat auch die bunten, einfach zu bedienenden Fahrscheinautomaten maßgeblich gestaltet. Möslinger ist keine, die Ehrungen braucht. Es ist längst ein Gesetz dieser Weltreise, eine Erfahrung unseres Berufs: Jene Österreicher, die wirklich Großem folgen, sind frei von Attitüden. Unaufgeregt, uneitel erzählt die 43-jährige Industriedesignerin aus ihrem Leben: "Geboren wurde ich in Wien, maturiert habe ich in Ried im Innkreis." Eine wie sie würde nie darauf vergessen, zu betonen, dass die Kunsthochschule in Linz heute viel weltoffener ist als zu jener Zeit, als sie studiert hat. "Damals war mir das zu eng." Deshalb hat sie in der Schweiz und in Kalifornien ihre Ausbildung fortgesetzt und abgeschlossen. Und in San Francisco ihren Partner kennen gelernt: Masamichi Udagawa, ebenfalls Industriedesigner, aus Japan. Gemeinsam haben die Beiden dann, 2002, die New Yorker U-Bahn revitalisiert. In einer Nacht- und Nebelaktion. Die ersten Modelle entstanden daheim, am Esstisch. "Wir hatten damals noch nicht einmal ein eigenes Büro." Gut ist es gegangen. Die U-Bahn öffnete weitere Türen. Die Verkehrsbetriebe sind weiterhin Stammkunde von Antenna Design New York. Nebenbei haben Möslinger und Udagawa auch anderswo ihre Kreativität spielen lassen: Für einen Selbstbedienungsautomaten von McDonald's, Büromöbel für Knoll USA, neue Monitore und Keyboords für den Finanzinformationsdienst Bloomberg sowie neue U-Bahn-Züge in Washington. Und noch eine schöne Geschichte: Man wartet gemeinsam mit Sigi Möslinger auf die nächste U-Bahn. Und sie sagt seelenruhig: "In fünf Jahren werden auch alle Züge von uns sein."

Time is money

Niemand hat Zeit in New York. Zeit ist Geld. Interviews werden hier schnell neben dem Essen, in der Küche, wenn notwendig auch auf der Straße geführt. Aber uns stört das nicht. Wenn notwendig, befragen und fotografieren wir euch alle auch noch am stillen Ort! Da versteht man wenigstens sein eigenes Wort. Die allgemeine Hast und Aufgeregtheit lässt sich leicht erklären. Die meisten Österreicher, die in New York ihr Glück versuchen, sind selbstständige, freie Unternehmer. Das heißt: Wenn niemand so frei ist und ihnen Arbeit zukommen lässt, dann fährt kein Geld am Konto ein. Und dann können sie sich ihre Wohnung, ihre Krankenversicherung und einiges mehr nicht mehr leisten. Jung und dynamisch ist natürlich schön. Solange man es ist. Dass New York nicht nur reich und schön ist, bemerkt jeder, der zum Beispiel mit offenen Augen die Central Station durchmisst. Hier sieht man im allgemeinen Trubel auch einige weniger chice Menschen, die zwar viel Zeit hätten, aber nicht interview-würdig sind. Weil sie dem Affen-Tempo in der Stadt, die niemals schläft, nicht mehr gewachsen sind.

Zeitlos schön

Die Stoffe aussuchen, ein Konzept für die neue Kollektion erstellen. Und dann wird es wirklich spannend. Wenn die Stoffe auf der Nähmaschine plötzlich anders reagieren als ursprünglich angenommen. Wenn sie wie die Figuren beim Schreiben eines Romans ihr Eigenleben entwickeln. Wenn die Nadel zu tanzen beginnt, und am Ende die ursprüngliche Idee oder auch etwas ganz Anderes rauskommt. Sie war schon da, da war der Meatpacking District im Südwesten von Manhattan noch ein grobes Dorf. Und sie wird noch da sein, da wird das "New York Magazine" einen anderen Stadtteil zur "most fashionable neighborhood" erklärt haben. Soeben ist die neue Winter-Kollektion in ihrem Büro eingetroffen. Ilona Drozdzik ist zufrieden, wieder einmal. Es ist bereits ihre 30. Kollektion. Drozdzik hat sich in New York halten können. Die 45-jährige Designerin aus Dornbirn verwendet für ihre Kollektionen nur feinste Wolle und ausgewählt hochwertige Stoffe. Sie macht Mode, die nie aus der Mode kommt. Mode, die indirekt auch für Österreich steht. Wer Ilona Drozdzik trägt, mag feine Werk-Stoffe, saubere Verarbeitung, einzigartiges Understatement, durchdachte Details, Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit. Sie selbst sagt so: "Tragbare Mode mit einem Kick. Die man länger tragen kann als eine Saison." Der Kampf um Nachfrage ist in New York besonders hart. Alle Agenten sitzen in ihren Showrooms zwischen der 34. und der 35. Straße. Sie entscheiden. Die Designerin sagt: "Die Einkäufer handeln dich runter, da blutet dir das Herz. Da musst du eine Leidenschaft haben, sonst kannst du das auf Dauer nicht machen." Sie weiß: "Viele, die mit mir angefangen haben, haben aufgehört." Ihre Kunden sind ebenfalls Kreative, Frauen im Wirtschaftsleben: "Die suchen etwas Eigenes, etwas Dezentes, wollen aber auch nicht langweilig aussehen." Schön ist für die Designerin, wenn jemand nach Jahren mit einer Jacke von ihr vorbeischaut und um eine kleine Reparatur anfragt. Meist sei das gute Stück noch immer so tragbar wie zum Zeitpunkt des Verkaufs. Betont sie. Drozdzik verkauft sich in New York als österreichische Designerin. Gerne würde sie auch in Europa verkaufen, auch in Wien. Doch derzeit müsste sie dafür zwei Mal Zoll bezahlen - für die Einfuhr der Stoffe in die USA, und dann noch einmal für die Ausfuhr ihrer Kollektion. Schön ist auch die Vor-Geschichte der Vorarlbergerin: Nach der Abend-HAK kam sie als Au-Pair-Mädchen nach New York, hat hier von Anfang an gestrickt ("weil mir fad war"). Durch eine zufällige Begegnung im Strickgeschäft wurde sie dann von der internationalen Modeszene wachgeküsst, erst als Strickerin für die Laufsteg-Modelle von Calvin Klein, Donna Karan und Banana Republic; nach ihrer Ausbildung am Fashion Institute of Technology, Ecke 27. Straße Seventh Avenue, als selbstbewusste Modeschöpferin.

Kein billiges Pflaster

Der Swarovski Crystallized Store in der Mercer Street beim Broadway. Ein langer Schlauch, ganz in Weiß getaucht. Man mag ihn oder man mag ihn nicht. Architektur ist immer streitbar. Mitgearbeitet an der Ausführung haben auch Architekten aus der Zweidutzendschaft junger Kreativer, die einen Hauch österreichische Lebensart nach New York exportieren. Als Designer, Fotografen, Fashion Editors, Art Direktoren, Werbeleute, Gastronomen und Stylisten. Und die nun versuchen, im harten Wettbewerb der Freiberufler dran zu bleiben. Das ist im Übrigen weniger sexy. Die Stadt, die niemals schläft, ist kein billiges Pflaster, lässt jeden sofort in ein schwarzes Loch fallen, der nicht schnell jemanden findet, der in ihn investiert.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.