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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 6 - Nigeria

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Rudl zu spät in der Messe

Unmöglich! 150 Millionen Nigerianern kann es nicht gut gehen. So viele Menschen können nicht wenigstens ein Mindestmaß an Wohlstand genießen. Das geht sich rein rechnerisch nicht aus. So ist diese Welt. Damit das auch so bleibt und niemand auf die Idee kommt, sich mehr als notwendig zu beklagen, gibt es unter anderem die Religion. Licht am Ende des Tunnels: Egal ob Christen oder Moslems, die Nigerianer sind extrem gläubig. Kaum jemand kann es sich leisten, am Sonntag nicht in die Kirche zu gehen. "Life is a smile!" Heißt es auf einem Plakat auf der Express Road in die Provinzstadt Ibedan (geschätzt auf neun Millionen Einwohner). "Wenn du den Himmel nicht erreichst, wo wirst du hingehen?" Steht auf einem anderen. Das Geschäft mit der Angst blüht. Auch hier. Da wollte sich auch unser Rudl nicht zwei Mal bitten lassen. Doch auf dem Weg in die Massen-Messe wurde er schlecht gebrieft. Jemand hat ihm anvertraut, dass die Messe um elf Uhr beginnen soll. Doch das war schlichtweg falsch. Der Mega-Event hat an diesem Sonntag bereits um sechs Uhr in der Früh begonnen. Um zehn Uhr war er zu Ende. Halleluja! Somit hat Rudl auch ein Mega-Verkehrschaos versäumt. Denn zu einer Predigt in der Prayer City der Redeemed Church of God kommen manchmal mehr als eine Million Menschen. Die Predigt wird in mehrere Kirchen übertragen. Kirchen in unserem Verständnis sind das nicht. Viehhallen würde eigentlich besser passen. Die Halle, in die es den Rudl gezogen hat, ist so groß wie 30 Fußballfelder. Und das Licht am Ende der Halle ist verdammt klein.

Bei den "Lace Ladies"

Die Mariahilfer Straße zu Weihnachten, das Wiener Donauzentrum, die Linzer Plus City, die Shopping City Seiersberg bei Graz und die Shopping City Süd in Vösendorf zusammen genommen: Sie alle sind Slow Motion gegen den Balogun-Markt in Lagos. Der Markt befindet sich in der Altstadt bzw. in jenem filetierten Viertel, das die Nigerianer nach dem Abzug der englischen Kolonialherren noch übrig gelassen haben. Hier bekommt man sie also, die Spitzen-Stoffe aus Vorarlberg zu kaufen. Während auf der Straße das Chaos und das freie Unternehmertum regiert, Fleisch im Papier vom Gehsteig weg verkauft wird und auf jedem anderen Quadratmeter chinesische Billigware feilgeboten wird, geht es bei den "Lace Ladies" in ihren klimatisierten Boutiquen deutlich feiner zu. Modupe Olukoya, die Kunden der 64-jährigen Stoffverkäuferin nennen sie auch Mama Okikiolu, ist mit dem Weihnachtsgeschäft sehr zufrieden. Öfters war sie schon in Lustenau, um dort Stoffe einzukaufen. Über ihre Zahlungsmoral hüllen wir einmal den Mantel des Schweigens. Jedenfalls lobt sie die österreichische Qualität in höchsten Tönen.

Ampeln für Nigeria

Anton Mimra ist bereits seit 1981 in Nigeria, zuerst drei Jahre lang für die VOeST, seit 1984 als selbstständiger Geschäftsmann. Dem 65-jährigen Linzer gehört eine Firma, die Astac Nigeria Limited, in der er 130 Leute beschäftigt. Er hat den Nigerianern bisher österreichische Ampelanlagen, Straßenbeleuchtungen sowie Hochspannungsleitungen verkauft. Manche hat er auch nur geliefert. Denn es ist bei Weitem nicht so, dass alles, was hier bestellt wird, am Ende auch bezahlt wird. Mimra beschwert sich dennoch nicht: "Es war die besten Entscheidung meines Lebens, damals mit meiner Familie nach Nigeria zu gehen." Flexibilität sei in diesem Markt allerdings Voraussetzung, so der Insider. Er erinnert sich: "Die Aufträge der lokalen Regierungen kommen meistens viel zu spät. Ein Mal haben wir 260.000 m² Randsteine innerhalb von nur drei Tagen angefärbelt." Abenteuerlich klingen die Erzählungen des Exporteurs aus seinen ersten Jahren in Lagos: "Auf dem Flugplatz sind wir mit unseren Koffern von Flugzeug zu Flugzeug gelaufen. Eine funktionierende Anzeigetafel hat es damals noch nicht gegeben." Manchmal habe der Kapitän unvorgesehen noch irgendwo einen Zwischenstopp eingelegt. Wichtig ist ihm aber auch der Hinweis, dass sich das Land in den vergangenen 25 Jahren enorm weiter entwickelt hat.

Der Afrika-Kenner

Mit dem Handelsdelegierten Sigmund Nemeti und seinem Chaffeur durch Lagos zu fahren, ist aufschlussreich: Man erfährt, dass die Nigerianer einen Führerschein besitzen, aber keine Fahrschule besucht haben. Dass schon sehr viele Menschen auf einmal auf der Straße ums Leben kommen müssen, damit darüber in den Medien berichtet wird. Dass die Nigerianer aus Prestigegründen österreichische Energydrinks bestellen, obwohl sie sich die überhaupt nicht leisten können. Dass die Schilder auf den Hauseinfahrten mit der Aufschrift "Dieses Grundstück ist nicht zu verkaufen" verhindern sollen, dass ein Fremder einem anderen Fremden sein Haus verkauft. Dass sich jeder Nigerianer insgeheim vor dem okulten Zauber des Juju ("Dschudschu") fürchtet. Dass in der Regenzeit auch die Internetverbindung der Außenhandelsstelle regelmäßig zusammenbricht. "Nigeria ist ein Land, in dem es an allem mangelt", erklärt Nemeti. Hier liegt auch eine Chance für österreichische Exporteure. Mittelfristig. Denn das schnelle Geld ist hier nicht zu machen. Wenigstens nicht für Ausländer. Der 40-jährige Wiener ist erst etwas mehr als ein Jahr im Amt.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.