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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 54 - Brasilien

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Red Bull - im Urwald

Die Weg-Beschreibung zur Kaderschmiede von Red Bull Brasilia liest sich wie eine kleine Weltreise, ungefähr so: Autobahn; Provinzstadt; Landstraße; Dorf; Güterweg; Weiler; bellende Hunde, drei Kinder auf der Straße. Und dann eine kilometerlange Rumpelpiste durch den Regenwald. Genau an der Stelle, an der die bohrende Frage, ob man sich hier nicht ordentlich verfahren hat, in Gewissheit überzugehen droht, genau an der Stelle ist man da. Centro de Formacao de Atletas. Trainingszentrum von Red Bull Brasilia. Neben der Einfahrt steht auf Portugiesisch: "Dein Talent hat dich hier her gebracht, dein Charakter wird dich weiter bringen." Daneben steht auch ein einsamer Wächter, in seiner Uniform. Er öffnet den Balken zu einem Goldenen Käfig mitten im Dschungel. Für alles in allem 28 Profifußballer, 70 Nachwuchsspieler und ein ganzes Heer an Betreuern. Das weitläufige Areal bietet auf mehr als 600.000 m² Platz für vier Rasenplätze, hundert Apartments für die Spieler, ein Fitnesscenter, ein eigenes Restaurant, mehrere Räume für die Ärzte und die Physiotherapeuten, taktischen, Sprach- und IT-Unterricht sowie für die Bürokratie. Nicht zu vergessen: Auch einen Swimming Pool. Über die laufenden Kosten für das Camp will dessen Leiter kein Wort verlieren. Kein Wort verlieren ist natürlich auch eine Antwort. (Eh schon ein Wunder, dass ihn die straff organisierte Informationsabteilung kein Wort verlieren lässt.) Fakt ist: Viele brasilianische Erstliga-Vereine haben nicht annähernd solche Rahmenbedingungen wie der noch nicht einmal viertklassige Dosenverein. Im Moment spielt die Mannschaft in einer Provinzmeisterschaft, nicht unbedingt erfolgreich. Im Jahr 2015 wollen die Marketingoffiziere von Red Bull ihren Verein in der ersten brasilianischen Liga sehen. Dann wäre der Millionenaufwand im Dschungelcamp wirklich gerechtfertigt. Doch die Marketingoffiziere haben ihre Rechnung wieder einmal ohne den Fußball gemacht. Fußball funktioniert nicht wie eine mathematische Gleichung, in die man für x einen hohen Geldbetrag einsetzt, und auch nicht wie die Formel eins. Der erst vor vier Jahren gegründete Fußballklub von Red Bull hat in Brasilien so gut wie keine Fans, genießt auch nicht die Sympathie der hiesigen Sportjournalisten. Die sprechen, wenn überhaupt, von Plastikfußball. Vor ein paar Tagen erst hat man den Trainer aus dem Urwald entlassen. Auch nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass es kontinuierlich aufwärts geht. Der Campleiter, ein Brasilianer mit russisch klingenden Familiennamen, betont, dass man nicht nur einen glorreichen Aufstieg in die ersten Liga Brasiliens anstrebt (der wäre gut für den Verkauf der Dose im Land). Man soll gleichzeitig möglichst viele Talente für den Profifußball in Europa vorbereiten. Zu Jahresbeginn wurde das erste echte Eigenbau-Gewächs von der brasilianischen Regenzeit in den Salzburger Winter transferiert: Andre Ramalho Silva, 18 Jahre jung, ein technisch versierter defensiver Mittelfeldspieler. Er muss sich in diesen Tagen in einer völlig anderen Klima- und Kulturzone zurechtfinden - bei den Red Bull Juniors, die sich derzeit in der dritten österreichischen Liga tummeln müssen. Seine brasilianischen Trainer sind überzeugt, dass er in Salzburg den Sprung in die erste Mannschaft schaffen kann. In einem halben Jahr wird man wohl mehr wissen. Bis dahin wird der Regenwald auch noch ein bisschen mehr Regen abbekommen.

Kurz durchatmen

Regenzeit in Brasilien heißt, dass es jeden Tag einmal ordentlich tuscht. Noch während des Regens bilden sich über dem Regenwald diese wunderbaren Nebel. Und die Luft ist hier, endlich, frei von Schwermetallen. Zeit, um kurz einmal stehen zu bleiben, und kräftig durchzuatmen. Würde man meinen. Doch die Vernunft ist auf dieser Reise reine Theorie. Auch dieses Foto wurde aus dem Auto geschossen. Der nächste Termin, in Santos, er drängt. Und wir sind wieder einmal etwas spät dran. Auf dem Weg nach Santos wirkt noch Red Bull nach. Ohne Zweifel die erfolgreichste Marke Österreichs. Eine Glanzleistung der Marketingoffiziere. Die aus einem reinen Aufputschmittel für thailändische Fernfahrer ein Welt-Produkt geformt haben. Das heute auch noch in jedem hintersten Eck der Zivilisation verfügbar ist. Das ganz gezielt den Bauch und nicht den guten Geschmack anspricht. Das wie kein anderes Produkt auf allen Ebenen der modernen Kommunikation lanciert wird. Das keinesfalls besser schmeckt als das Kracherl oder der Almdudler. Das aber wahrscheinlich das Zeug hat, einer ganzen Generation einen Namen zu geben.

Damit Brasilien Weltmeister wird

Ein Österreicher, der die Fußballnation Brasilien wieder zum Weltmeister machen möchte, der wirkt aufs Erste ungefähr so vermessen wie ein brasilianischer Skilehrer in Kitzbühel, der den Einheimischen erklären möchte, wie sie die Streif schneller und sicherer im Schuss nehmen können. Mit dem kleinen Unterschied, dass Fußball die ganze Welt interessiert. Markus Schruf, 1964 in Sankt Valentin geboren, in seiner aktiven Zeit Spieler in der ersten Mannschaft von Sankt Peter in der Au (vierte Liga, niederösterreichische Landesliga), kennt die schmähenden Vergleiche. Doch er macht sich nichts daraus. Wichtiger ist ihm, dass seine Arbeit hier in Brasilien erste Früchte trägt. Der Gründer einer Firma, die sich Base Brasil nennt, arbeitet in Brasilien mit einem Netzwerk von anerkannten Fachleuten zusammen: Darunter Finanzberater, Trainer, auch ein ehemaliger Profifußballer. Sein Geschäftsmodell ist exakt auf Brasilien zugeschnitten: In Brasilien zahlen Firmen seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2006 weniger Steuern, wenn sie in die Fußball-Ausbildung investieren. Zuvor galt dieses Begünstigungsmodell nur fürs Kultur-Sponsoring. Das Geld, das inzwischen von einigen finanzstarken Unternehmen fließt, investiert die Base Brasil in die Förderung von besonders begabten Fußballern. Zu diesem Zweck ist Schruf eine strategische Partnerschaft mit landesweit 22 Fußballschulen eingegangen. Dazu muss man wissen: In Brasilien gibt es insgesamt 4500 solcher Escolinas, von ganz unterschiedlicher Güte. Jedes Jahr zerplatzen Millionen von Bubenträumen an der harten Realität. Nicht jeder hier kann ein Ronaldo oder Ronaldinho werden. Zur gleichen Zeit wandern Millionen von Dollar in die Taschen zwielichtiger Menschen-Händler, die sich die Hände reiben, wenn sie wieder einmal einen 18-Jährigen in die dritte ukrainische Liga verscherbelt haben. "Hier greift unser Modell an", erklärt Markus Schruf, der zuvor als sportlicher Leiter von Red Bull Brasilia und am Beginn seiner Sportmanagement-Karriere fünf Jahre lang Jugendleiter bei der Wiener Austria war, ehe er in San Diego unter anderem für Inter Mailand gearbeitet hat. Die Base Brasil will junge Fußballer behutsam coachen. Sie kann, aber sie muss nicht auf Teufel komm ihre jungen Rohdiamanten an einen großen Verein weiter reichen. "Und wenn, dann helfen ihm unsere Experten, die alle aus dem Spitzensport kommen, dass er auch wirklich Fuß fassen kann." Die Base Brasil kann ihre Mitarbeiter angemessen bezahlen und den Trainern in den Fußballschulen eine professionelle Ausbildung anbieten. Die sind daher nicht darauf angewiesen, das schnelle Geld zu machen. Im Führungsteam der Base Brasil arbeiten auch Rodrigo Almeida, der aus einer angesehenen Santoser Familie stammt und unter anderem beim FC Everton in der englischen Premiere League gespielt hat, sowie Eduardo Jenner, der Weltstars wie Robinho und Diego entdeckt hat. Vonwegen Skilehrer! Rodriga Almeida, den sie bis zu einer schweren Knieverletzung Rodrigo Beckham genannt haben, zeigt Respekt vor dem Fachwissen des Kollegen aus der niederösterreichischen Landesliga. Und Eduardo Jenner, den in Santos jedes Fußball spielende Kind kennt, ergänzt: "Für uns ist wichtig, dass der Markus ein Organisationsprofi ist. Im Organisieren sind wir Brasilianer nicht so gut. Umgekehrt muss er sich nicht um das Fußballspielen kümmern. Dafür sind wir hier zuständig."

"Das ist das Paradies"

Heute unvorstellbar: Der Fußballspieler Edison Arantes do Nascimento, weltweit besser bekannt als Pele, ist bis ins hohe Fußballeralter dem Fußballclub seiner Kindheit und Jugend treu geblieben. Trotz etlicher lukrativer Angebote, auch aus dem Ausland, wollte Pele bis zu einem Kurzgastspiel in New York immer nur für den FC Santos dribbeln und Tore erzielen. Ein Spaziergang auf dem Sandstrand der traditionsreichen Hafenstadt hilft vielleicht auch, Pele zu verstehen. Der Strand ist sieben Kilometer lang. Fügt man den Strand der angrenzenden Nachbarstadt São Vicente hinzu, sind es sogar mehr als zehn Kilometer. Das feinkörnige Ensemble wird gesäumt vom Atlantik auf der vorderen und von einer recht großzügigen Parkpromenade auf der hinteren Seite. Damit all die Strandfußballer nach Einbruch der Dunkelheit nicht frühzeitig nach Hause gehen müssen, hat die Stadtverwaltung unzählige Flutlichtmasten aufstellen lassen. Brasilien verstehen kann jedenfalls nur, wer sich auch mit dem Fußball beschäftigt. Der Fußball berührt in diesem Land alle Gesellschaftsschichten. Talente-Späher Eduardo Jenner, der in Santos aufgewachsen ist, fährt wieder einmal hinauf in sein geliebtes Panorama-Restaurant, um auf der Terrasse sofort ins Schwärmen zu geraten: "Das dort unten, das ist das Paradies."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.