Welt-Reise, Tag 49 - Australien

Welt-Reise, Tag 49 - Australien © Bild: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Australien, wie es lebt

Eine Tankstelle draußen im australischen Busch. "Colo Heights Service Station" heißt sie. An der Putty Road in einem abgelegenen Teil in South West Wales liegt sie. Zwischen den Zapfsäulen gackern die Hühner. An den Zapfsäulen tanken Truckfahrer mit breiten Nacken, Godfathers mit langen weißen Rauschebärten und tuckernden Motorrädern sowie australische Busch-Männer, die nach einem Unfall mit der Motorsäge nur mehr einen Arm mit sich, und unter diesem einen Arm gleich mehrere Liter Bier tragen, daher den Führerschein auch nur mehr auf Probe besitzen. Klaus, der Besitzer der Tankstelle, trägt wiederum einen deutschen Bier-Bauch stolz vor sich her. Er bietet seinen Gästen an, ein frei laufendes Huhn abzukrageln: "Ich hau' es dann für euch in die Pfanne." Und es ist für Fremde nicht gleich einsichtbar, ob er dieses Angebot auch Ernst meint. Für weniger Brutale hat er jedenfalls "Hamburger Take Away" auf der Speisekarte. Tankwart Klaus kam schon im Alter von einem Jahr mit seinen Eltern von Oldenburg nach Australien. Außer "Auf Wiedersehen" will er nichts mehr auf Deutsch sagen. Ist doch ein Scheiß-Land, dieses Deutschland. Erklärt er. "Nicht einmal Sauerkraut können die kochen." Ja, Australien, das ist ein gutes Land. Das beste Land der Welt. Nur die Behörden gehen ihm ordentlich auf den Sack. Wollen sich einmischen, wenn er hier sein Bier an Autofahrer verkauft. Na, die können ihn mal!

Austria in Australia

You kill it - we grill it! Tankstellen-Idylle im australischen Busch
© Bild: Mario Lang

Wenn der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich und der Außenminister der Republik anreisen, ist keine Zeit für Spompanadeln. Seit Tagen arbeiten Guido Stock und sein Team an einem minutiösen Besuchsprogramm. Zwischendurch gibt der österreichische Wirtschaftsdelegierte, der seit drei Jahren das Büro in Sydney leitet, einen kurzen Überblick über die Marktchancen für seine Landsleute. Von dem scheinbar konkurrenzlosen Weltmarktführer Plasser & Theurer und den Gleisbauern von Rhomberg war dieser Tage schon die Rede. Für den Eisenbahnbereich nennenswert sei auch noch die Voest Alpine mit ihren Weichen, die überall auf der Welt Absatz finden. Gut positioniert haben sich laut Stock auch die Agrana, die in Australien für die Lebensmittelindustrie Früchte extra zubereitet, die Ventilhersteller Klinger (aus Gumpoldskirchen) und Hörbiger (aus Wien) sowie die Arnoldsteiner Kunststoff-Additive-Erzeuger von Chemson. Ein bisschen Umsatz machen die österreichischen Markenartikler Manner und Darbo. Außerdem haben die feinen Essenzen des Wiener Essigmachers Erwin Gegenbauer und des Waldviertler Sonnentor-Manns Johannes Gutmann den weiten Weg in einige australische Feinkostläden geschafft. Auf die Frage, welche Marktchancen sich für seine Landsleute in Australien und Neuseeland auftun, antwortet Stock, ein Tiroler aus dem Bezirk Kitzbühel: "In allen Branchen, in denen sie bisher schon erfolgreich waren." Allmählich interessanter wird für die Australier, die noch immer recht freizügig mit ihren Ressourcen umgehen, das Thema Erneuerbare Energien: "Der Strompreis steigt. Außerdem wollen es sich zumindest die wohlhabenden Kreise leisten, besser zu wohnen." Schon jetzt werden unter anderem auch energieeffizientere Ziegel und Fenster aus Österreich geordert.

Ausländer rein!

You kill it - we grill it! Tankstellen-Idylle im australischen Busch
© Bild: Mario Lang

Australier mit Migrationshintergrund Österreich - da findet man in Sydney eine ganze Menge. Migrationsforscher würden sie wohl in drei Kategorien einteilen. Da sind zunächst einmal all die Bauarbeiter, Köche, Bäcker, Maler und Anstreicher, Tischler, Elektriker. Die Ersten kamen Ende der 1950er-Jahre ins Land, in eigenen Flugzeugen, gemeinsam mit damaligen Jugoslawen. Alle folgten sie damals der Einladung der australischen Regierung, die ähnlich wie später die österreichische Regierung gezielt Gastarbeiter rekrutierte. Viele haben sich nicht gleich willkommen gefühlt, waren daher heilfroh, dass sie in den Österreicher-Clubs schnell Anschluss bei ihren Landsleuten fanden (Enklave-Phänomen). Dann kamen die Selfmade-Typen: Sie tauchen Anfang der 1970er-Jahre zum ersten Mal auf dem fünften Kontinent auf, siehe Peter Brueckner, der im Blog vom Mittwoch ausführlich porträtiert wurde. Anders als ihre Vorgänger sind sie deutlich offener gegenüber ihrer neuen Umgebung. Ihre Kinder sind daher eine zweite Generation, die kaum noch Deutsch spricht. Und heute - die jungen Wilden: Sie steuern Australien zum Surfen oder Studieren an, und bleiben dann oft als Gründer einer Firma, siehe dazu die Einträge der Weltreise-Tage 47 und 48: Über Martin Kratky und Garry Thuer. Es bleibt ihnen auch nicht viel über: Nur wenn sie nachweisen können, dass sie Australien etwas bringen, zum Beispiel die Schaffung von Arbeitsplätzen, dass sie auch noch nicht zu alt sind, um dem Land allzu schnell auf der Tasche zu liegen, erhalten sie die höchste Punktezahl, die notwendig ist, um an diesem Platz der Sonne länger bleiben zu dürfen. Sind sie Wirtschaftsflüchtlinge, wie man in unseren Breitengraden Menschen nennt, die ihre Heimat aufgegeben haben und nach Österreich kommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben? Im Grunde genommen ja. Nur ist ihr Leidensdruck geringer; gleichzeitig ist aber der politische Druck, sich in Australien anzupassen, stärker.

Wirtschaftsflüchtling

You kill it - we grill it! Tankstellen-Idylle im australischen Busch
© Bild: Mario Lang

Der österreichische Club in Sydney befindet sich in einer Sackgasse. In einem stillen Wohnviertel, das sich Frenchs Forest nennt. Mehr Symbolik braucht es nicht! Das Clubhaus, 1980 von damals bärenstarken Männern in ihrer Freizeit errichtet, ist ebenfalls in die Jahre gekommen. Im März gibt es wieder eine Tyrolian Night, im April einen Salzburger Abend, im Mai einen Maibaum und einen May Dance, im Juni auch eine Italian Night. Im Juli will man dann das 50-jährige Club-Jubiläum feiern. Doch wer wird da noch kommen? Die Fußballer bringen noch mit Ach und Weh zwei Mannschaften zusammen: Die Alten und die Ur-Alten. Die Ur-Alten könnten durchaus als "Ü 70" antreten. Kaum einer soll unter 70 sein. Man muss kein Prophet sein. Doch dieser Club hat ein natürliches Ablaufdatum. Die Alten können nicht mehr, und "die Herren Söhne" betreiben lieber Sport. Weil sie eben schon mehr Australier sind. Hermann Wandl, der Vizepräsident, weiß das. Doch wenn er seine Sorge wieder einmal bei einer Sitzung am Stammtisch einbringt, dann nicken ihm die Anderen nicht zustimmend zu. Der Club erinnert an das Österreich vor der Globalisierung. Die Kroaten, eine andere Gastarbeiter-Enklave in Sydney, werden hier noch seelenruhig als Jugoslawen bezeichnet. Während die Österreich-Bilder an den Wänden schön langsam vergilben. Herr Wandl ist "eigen-lich" (ein Wort, das er oft verwendet), bereits im Jahr 1954 aus Österreich weggegangen, ein Jahr vor dem Staatsvertrag. Als ein "Wirtschaftsflüchtling", wie er offen zugibt. Alles wirkte damals in seiner Heimat, dem Waldviertel, trostlos auf ihn: Die Besatzung durch die Russen, der nahe seines Heimatdorfs Großgerungs gezogene Eiserne Vorhang, vor allem aber, dass er als gelernter Zuckerbäcker kein anständiges Geld verdienen konnte. Mit seinem Ersparten kaufte er sich eine Zugkarte in die Schweiz. Wo er zunächst in Sankt Gallen Arbeit fand. Von der Schweiz ging seine Reise bald nach London weiter. Wo er seine Frau, eine Neuseeländerin, kennen gelernt hat. "Im kommenden Jahr sind wir fünfzig Jahre verheiratet", erklärt der Vizepräsident nicht unzufrieden. Gemeinsam haben sie es dann in Australien versucht. Der Flug hat gerade einmal zwanzig Dollar gekostet. Dafür musste man sich aber verpflichten, mindestens zwei Jahre lang zu bleiben. Am 15. Mai 1963 hat ein noch relativ frischgebackener niederösterreichischer Konditormeister in Willoughby, einem Vorort von Sydney, sein erstes Geschäft eröffnet. Dabei musste er sich schnell an den neuen Markt anpassen: "Linzer Torten sind immer gegangen, auch der Guglhupf und die Sacher-Torten. Doch die Kunden wollten von uns auch Schinken und Fleisch im Blätterteig." Die Anpassung gelang: "Damals hamma schon schwer gearbeitet. Aber ich habe mir gedacht: Wenn du es in der peniblen Schweiz ausgehalten hast, dann wirst du es überall aushalten." Im Jahr 1966 konnte er gemeinsam mit seiner Frau die Liegenschaft kaufen. Bevor er dann viele Jahre später in Pension gehen konnte, hatte er sieben Angestellte. Heute führt sein Sohn den Familienbetrieb. Und der bald 77-jähriger Firmengründer steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Den Slogan "Die beste Linzer Torte südlich vom Äquator" gibt es immer noch, auch die alte Firmenphilosophie: "Mit Liebe zubereitet." Hermann Wandl ist einer von jenen, die es geschafft haben, die in Australien auch mental angekommen sind. Er sagt: "Es gibt eigentlich nichts, über was ich mir hier ärgern müsste. Das Wetter ist besser als in Österreich. Und mir gefällt auch die lockere Lebenseinstellung der Australier." Heute trinkt er das australische Bier ebenso gerne wie das österreichische. Nur das "heimische Zwettler" ist für ihn weiterhin "unerreicht".

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

Erstellt am 05.12.2011