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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 48 - Australien

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Vorsicht, Känguru-Gespräche!

Heute Ausfahrt in den australischen Busch. Der allerdings einer genaueren Erklärung bedarf. Aus der Sicht der australischen Städter ist alles Busch, was nicht Stadt ist. Somit sind auch die ausgedehnten Eukalyptus-Wälder nördlich von Sydney Busch. Der Busch ist in jedem Fall mit Vorsicht zu genießen: Historisch gewachsene Ortschaften mit einer ordentlich herausgeputzten Pfarrkirche, einem schmucken Dorfwirtshaus und satten Wiesen dazwischen gibt es natürlich nicht. Europa ist spätestens hier wieder in weiter Ferne. Australien wird nämlich auffallend schnell sehr flach. Das äußert sich auch in den Gesprächen mit den Menschen, die hier zu Hause sind. Wie geht es dir, Mann? Was treibst du gerade? Dann erzählt einer über die Sportart, die er mit großer Leidenschaft ausübt, Rugby zum Beispiel, und der andere erklärt, wie er an der Börse Geld verdient oder wann er zum letzten Mal mit dem Wagen ein Känguru tot gefahren hat. Tiefer gehende Gespräche, zum Beispiel über die Geschichte des Landes, führt man eher nicht. Gut, allzu viel Geschichte ist ja auch nicht vorhanden. Auffallend: Einige erklären vollmundig, dass sie Australien für das beste Land der Welt halten, um schon im nächsten Atemzug auszudrücken, für wie beschissen sie die australischen Behörden und auch die australischen Politiker halten.

Schwellenangst

Gerne hätten wir an dieser Stelle ein Portrait von einem Vertreter von Plasser & Theurer gebracht. Doch leider hält sich die weltweit extrem erfolgreiche Firma gegenüber Medien aus Österreich mehr als nur bedeckt. Bitte verstehen Sie das, wird einem zu verstehen gegeben: Keine Interviews! Keine Fotos! Die Linzer schweigen beharrlich. Bauen lieber ihre hochmodernen Gleisbaumaschinen - und verkaufen sie. Es gibt keinen Kontinent, auch nicht Australien, auf dem ihre Fahrzeuge nicht Bahngleise stopfen, planieren und stabilisieren. Das Unternehmen wurde im Jahr 1953 in Linz gegründet und hat bereits im Staatsvertragsjahr (1955) die erste Maschine nach Deutschland verkauft. Heute ist man Weltmarktführer. Selbst im bau- und kopierwütigen China führt im Moment kein neues Bahn-Projekt an diesem Giganten des Gleisbaus vorbei. Natürlich ist die Firma nicht gezwungen, im eigenen Land über ihre Erfolge zu reden. Würde ihr ja auch nicht viel fürs globale Geschäft bringen. Doch was uns schon einmal interessieren würde: Hat Plasser & Theurer eigentlich noch einen Mitbewerber? Oder muss die ganze Eisenbahn-Welt ihre gelben Stopfmaschinen kaufen? Was ja zumindest aus österreichischer Steuerzahler-Sicht nicht ganz übel wäre.

Gleisstopfer

Gerne bringen wir an dieser Stelle ein Portrait von einem Vertreter von Rhomberg. Diese Firma ist ebenfalls in Österreich zu Hause. Und ihre Mitarbeiter bedienen in mehreren Ländern der Welt die Gleisbau-Maschinen von Plasser & Theurer. Die Bregenzer sind quasi ein Stammkunde des Linzer Weltmarktführers. Sie kommen damit im beinharten globalen Baugeschäft auffallend oft zum Zug. Gut läuft es für Rhomberg derzeit auch in Australien, wie der dortige Geschäftsführer Garry Thuer ohne Vorbehalte gegenüber Journalisten ausführt. Seit 2006 im Land, sind seine Leute gut und gerne in die Verlegung von 1000 Kilometer Gleis pro Jahr involviert. Derzeit ist man bei einem Projekt im Hunter Valley in South West Wales und bei einem zweiten in Westaustralien gut im Geschäft. "Dabei haben wir uns in Australien eigentlich fünf Jahre Zeit gegeben, um die Füße auf den Boden zu bekommen", verrät der 37-jährige Dornbirner Manager. Thuer hat in Sankt Gallen Betriebswirtschaft studiert, war dann sieben Jahre externer Unternehmensberater für deutsche Firmen wie Kaufhof oder BASF, ebenso für einige Stadtverwaltungen. Bei einem Workshop für die Junge Industrie in Vorarlberg hat er dann den Juniorchef der Firma Rhomberg kennen und schätzen gelernt. Und vice versa. Jedenfalls arbeitet der Betriebswirt seit damals, 2002, für die Vorarlberger. Vier Jahre lang gemeinsam mit den Eigentümern in der äußerst gefinkelten Strategie-Abteilung, ehe er in Sydney ins kalte Wasser sprang. "Das erste Jahr war nicht einfach", erinnert sich Thuer. Nach der Übernahme eines recht maroden lokalen Unternehmens gab es Widerstände von den Australiern, erst innerhalb der Firma, dann auch von den Mitbewerbern. Doch Rhomberg ist ein Familienbetrieb von der alten Schule. Die Firmenleitung will nicht nur fair zu ihren Mitarbeitern sein, sondern auch zu Kunden und Konkurrenten. Außerdem fährt man die Strategie, beim Einsatz von Stahl Ressourcen zu schonen und dabei auch noch die Lebenszyklen der Schienen zu verlängern. Eine sehr erfolgreiche Strategie, wie sich zeigt: Die Vorarlberger haben derzeit 930 Mitarbeiter weltweit, davon 125 in Australien.

Die Stärke in Person

Wäre die Schule damals eine andere gewesen. Hätte sie seine Talente erkannt, nicht seine Neugierde bloß gestellt und als Schwäche gedeutet. Wer weiß, vielleicht hätten seine Eltern mehr auf ihn vertraut, und vielleicht wäre er dann ein ebenso erfolgreicher Geschäftsmann in Österreich geworden wie hier in Australien. Vielleicht aber auch nicht. Weil der Ehrgeiz, es seinen Eltern und denen, die ihn als Kind nicht Ernst genommen haben, zu beweisen, war umgekehrt die beste Antriebsfeder, die man sich nur vorstellen kann. Peter Brueckner sitzt heute zufrieden in seinem Weingarten, zwei Autostunden nordwestlich von Sydney, abseits einer abseitigen Landstraße im Howes Valley. Seinen Weingarten können nur jene finden, denen er zuvor minutiös den Weg beschrieben hat. Der Selfmade-Man traut nämlich nicht jedem über den Weg. Er ist bald nach seiner Lehrzeit als Bürokaufmann (in einer Spedition auf dem Wiener Deutschmeisterplatz) vom Land seiner Kindheit weggegangen. Um noch einmal bei Null beginnen zu können. Um sich selbst zu verwirklichen. Um sich sein eigenes Leben aufzubauen. Um dabei sehr gutes Geld zu verdienen. Man könnte auch sagen: Um das zu tun, was er am Besten kann. Brueckner, das ue in seinem Namen ist uebrigens ein Zugeständnis an das noch immer englisch dominierte Land, kam mit zwanzig nach Australien, 1972. Als ein unbeschriebenes Blatt. Er hat dann als Spediteur Millionen verdient. Das wunderbar großzügige Weingut, sein eigenes Level "Splitrock", das er in seiner Freizeit aufgebaut hat, all die Häuser, die er in Australien gekauft hat, sein geliebter dunkelblauer Porsche, sein Ansehen als Golfer und Charity-Organisator - das alles ist gewiss nett. Aber nur ein Nebeneffekt, wenig gegen die Gewissheit, dass er sich am Ende des Tages in den Spiegel eines guten Weinglases schauen kann. Weil er konsequent seinen Weg gegangen ist. Und weil dieser Weg gewiss nicht immer der bequemste Weg war. Brueckner hat sich vor mehr als zwanzig Jahren in Sydney selbstständig gemacht. Damals als One-Man-Show. Heute beschäftigt seine Spedition, Powerhouse Logistics, 125 Mitarbeiter, in sechs Büros in Australien und zwei Filialen in China. Der Umsatz lag im Vorjahr bei umgerechnet 40 Millionen €. Brueckner nicht ohne Stolz: "Wir wurden auch zur erfolgreichsten Spedition in der Region gewählt." Zu seinen engsten Mitarbeitern sagt er öfters: "Man muss die Stärke in einer Person finden." Und die Mitarbeiter dürften ihm diesen Satz abnehmen. Die meisten sind jedenfalls schon seit vielen Jahren bei der Firma. Seine Geschwister in Wien dürften ebenfalls zufrieden mit ihm sein. Und mit seinen Eltern, für die er sogar den Namen eines Sterns gekauft hat, den man auf der nördlichen ebenso wie hier auf der südlichen Halbkugel ausmachen kann, hat er sich noch vor deren Tod aussöhnen können. Solz ist er auch auf seine beiden Töchter: "Beide Akademikerinnen." Was den 58-jährigen Österreicher vielleicht noch freuen würde: Wenn die eine oder andere österreichische Firma mit ihm in Australien ins Geschäft kommen würde: "Wir sind ja nicht schlechter als die Mitbewerber." Begrüßen würde er es auch, würde sich ein österreichischer Weinhändler als Tauschpartner melden: "Ich biete meinen australischen Sémillon und mein Lagerhaus in der Nähe des Flughafens von Sydney, ich suche im Gegenzug einen guten österreichischen Grünen Veltliner."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.