Welt-Reise, Tag 47 - Australien

See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte
Foto: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure


Rudl am Bondi Beach

Beach Boys unter sich. Schon am Vormittag verlassen sie ohne Schuhe, dafür mit einem Brett unterm Arm ihre Arbeit. Oder auch nur das Haus. In Richtung Strand. In Richtung Wasser. In Richtung 100 % Fun. Bondi Beach, die Beach Boys sagen übrigens Bondei, ist das El Dorado für alle Surfer, die auf der selben Welle sind. Und die lautet: Man lebt nur einmal, also lasst uns so oft als nur möglich ins Wasser gehen!

Der weltbekannte Strand liegt bei einigermaßen gutem Wind (wenig Verkehr) nur zwanzig Autominuten vom zentralen Finanzdistrikt in Sydney entfernt. Er ist damit eine echte Option für jeden, der zwischendurch gerne einmal eine Stunde oder zwei abtauchen möchte. Dass jeden Sommer Surfer vor der australischen Küste von Haien angeknabbert werden, weil die deren Bretter an der Wasseroberfläche irrtümlich für Robben halten, come on, wen stört das?

Der Rudl, ein Arbeitsviech durch und durch, traut jedenfalls seinen Augen nicht: So viele trainierte, von der Sonne vergoldete Körper hat er sein Lebtag noch nicht gesehen! Und was ihn dabei besonders irritiert: Gar nicht wenige, die sich Zeit für ein bisserl mehr Abwechslung in ihrem Leben nehmen, sind im Job sehr erfolgreich. Hat er etwas falsch gemacht? Frage an das Meer. Doch das Meer weiß heute auch keine Antwort.

Eistraum am Strand

See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte Foto: Mario Lang See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte

In Wien wird im Sommer der Eislaufverein tonnenweise mit künstlichem Sand aufgeschüttet. In Sydney wird zur selben Zeit auf dem Bondi Beach sehr viel Wasser gefroren. Für die Wintersportler. Heute geht scheinbar alles. Auch der Import-Export von an sich einzigartigen Jahreszeit-Genres.

Der Wiener Unternehmensberater Martin Kratky ist gerade dabei, den Australiern eine neue Facette des Winters näher zu bringen. Durchaus erfolgreich: Wenn die Menschen heute in Sydney Eis sagen, dann meinen sie nicht automatisch Eis am Stil, sondern kennen inzwischen auch das Eis, auf dem sie laufen können.

Es war im australischen Winter 2009. Da hat Kratky für sich und seine Firma einen neuen Markt aufbereitet: Den Eislauf-Event für Australier. Im ersten Jahr waren es gerade einmal vier Tage - auf dem Platz vor der Saint Mary's Cathedrale im Stadtzentrum von Sydney. Der ebenso romantisch beleuchtet wurde wie der Wiener Rathaus-Platz. Doch der große Andrang machte sofort Lust auf mehr. Im Vorjahr waren es dann schon zehn Tage, zusätzlich gab es einen Eislaufplatz auf dem Bondi Beach sowie einen in Melbourne. Dazu Glühwein und eine echte Almhütte.

Der 38-jährige Wiener ist weiterhin Feuer und Flamme für sein Eis. Dabei ist er selbst ein leidenschaftlicher Wassersportler. Ein Surfer. Siehe oben. Erst heute Früh hat er wieder mit großer Freude auf den Wellen geritten. Was für ein gutes Gefühl! Nach dem Studium an der Wiener Wirtschaftsuni hatte er in Wien, in Darmstadt und in London gearbeitet. Im Bereich Performance Management, ehe er 2001 nach Sydney kam.

Mit der Eintrittskarte bekommen die Besucher auch Leih-Eislaufschuhe. Eine Notwendigkeit, wie der Wintersport-Pionier erklärt: "Die Aussies besitzen eher zehn Surfbretter als ein Paar Skates fürs Eis." Was aufgrund des milden Klimas wohl auch verständlich ist. No problem! Im Vorjahr konnte er bereits 40.000 Gäste begrüßen. Drei von vier sind laut Umfragen zum ersten Mal aufs Eis gegangen.

Die Bilder von den Eisläufern im Vorder- und den Surfern im Hintergrund sind damals sogar durch die Weltpresse gegangen. Derzeit bereitet Kratky das dritte Winter-Spektakel vor. Heuer erstmals auch in Brisbane. Inzwischen sind 15 Mitarbeiter fix mit dem australischen Eistraum beschäftigt. Und es könnten mehr werden. Denn im Moment wird gerade das Potenzial in anderen großen Städten im asiatisch-pazifischen Raum geprüft.

Bei der Aufbereitung des Eises arbeitet der Exporteur einer kühnen Idee eng mit seinen Landsleuten von der Firma AST Eis- und Solartechnik GmbH in Reutte zusammen. Begrüßen würde er es übrigens auch, wenn österreichische Firmen und Tourismus-Organisationen gemeinsam mit ihm die von ihm geschaffene Werbe-Plattform nützen würden.

Austria? Ist für den australischen Winter-Sport-Experten inzwischen in weite Ferne gerückt. Weil Hand aufs Herz: Es ist Februar. Und morgen in der Früh hat er wieder einen Termin mit dem Meer. Bei derzeit relativ kühlen Wassertemperaturen - von sagen wir 22 Grad.

Lauter Ausländer

See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte Foto: Mario Lang See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte

Die Australier haben - im Gegensatz zu den Austrianern - kein Ausländerproblem. Denn wenn sie etwas wissen, dann ist es das: Mit Ausnahme der Aborigines sind hier alle Ausländer. Fragt sich nur, seit wie vielen Generationen. Die, die schon länger da sind, fühlen sich nicht unbedingt als bessere Menschen. Sie beschleicht ab und zu sogar die unangenehme Idee, dass ihre Vorfahren den Ureinwohnern mehr angetan haben könnten als die Anderen, die erst später eingewandert sind.

Gewiss, wenn man ein bisserl an der stets freundlichen Oberfläche kratzt, kann schon das eine oder andere Ressentiment zum Vorschein kommen, Vorbehalte hat man hier speziell gegenüber Asiaten.

Anders als in Österreich wird jedenfalls über eine restriktive Migrationspolitik nicht lange diskutiert. Ins Land gelassen wird nur, wer jung und gut ausgebildet ist - und vor allem als Arbeitskraft gebraucht werden kann. Humanitäre Aspekte spielen für die Einwanderungsbehörden so gut wie keine Rolle. Wer gut ausgebildet, aber bereits über 40 ist, kann bzw. muss sich die notwendige Punkte-Anzahl, die zu einem permanenten Aufenthalt berechtigt, teuer erkaufen. Man will sich ja kein Heer von Pensionisten züchten ...

Im Austrian Schnitzel Haus

See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte Foto: Mario Lang See-Pferd - kurz bevor das Meerwasser kam und sich der Fotograf nasse Schuhe holte

Eigentlich wollte er für die Aussies "so richtig schön aufkochen". So wie er es daheim gelernt hat, so wie es seine Gäste in Österreich, in der Schweiz, in Liechtenstein, Norwegen und Südafrika immer geschätzt haben. Doch nach ein paar Wochen hat er es aufgegeben. Das einzige, was seine Gäste im Austrian Schnitzelhaus in Gladesville, einem westlichen Stadtteil von Sydney, verlangt haben: "Schnitzel, Schnitzel und wieder Schnitzel."

Für einen Geschäftsmann ein Lotto-Sechser. Denn Fleisch rausbacken ist keine allzu schwierige Übung. Doch für einen Koch aus Leidenschaft und einen Wirt mit Herz sind Menschen, die schnell ein Schnitzel reinhabern und dann ebenso schnell wieder einen Schuh machen, nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Abgesehen davon, dass ein Wirt auch hier nicht mit dem Essen, sondern mit den Getränken auf seine Rechnung kommt.

Australier haben das Känguru, und Österreicher das Schnitzel. So einfach ist die Welt manchmal aufgestellt. Das Schnitzel ist in jedem Fall ein Exportgut ersten Ranges. Und man fragt sich, warum wir es nicht ebenso ausgeschlachtet haben wie die Italiener ihre Pizza, die Deutschen ihre Automobile, die Franzosen ihren Wein oder auch Red Bull Red Bull.

Gerry Jansenberger, ein Vorarlberger aus Götzis, ist dennoch nicht unzufrieden. Er sagt, dass er in den sieben Jahren Sydney so viel verdient hat wie in den 17 Jahren in Johannesburg zuvor. Und dass er in den nächsten fünf Jahren auch noch den ganz großen Coup landen möchte: Er will eine eigene Austrian-Schnitzelhaus-Kette in Down Under aufbauen. Alleine in Sydney plant er vierzig (!) Franchise-Filialen. Drei solcher Häuser gibt es bereits, und auch die dazu notwendige Schnitzel-Fabrik, in der das Kalbs-, das Schweine- und das Hühnerfleisch zum Rausbacken portioniert wird.

Und wenn der ganze Laden dann so richtig brummt, will ihn der 47-Jährige so schnell wie möglich Gewinn bringend an den Mann bringen. Um sich oben in Queensland eine Farm zu kaufen, und dort ein kleines Restaurant einzurichten, mit einer Küche, die alle Stückerln spielt, aber mit maximal drei Tischen. Wo er dann wirklich nur das kocht und serviert, was er selbst für gut und richtig hält. Und es ist an dieser Stelle vielleicht auch zu sagen, dass er sich diese persönliche Freiheit mehr als nur verdient, weil er über viele Jahre sehr hart gearbeitet hat.

Sydney ist für den Vorarlberger Koch zumindest beruflich eine Traumstadt: "Wenn du willig bist zu arbeiten, bist du hier schnell der King. In Österreich steigt dir sofort das Finanzamt drauf." Zurück in seine alte Heimat will der Gerry jedenfalls nicht mehr: "Österreich ist für mich ein schönes Urlaubsland. Doch dort leben, das geht nicht mehr. Ich wäre dort ein Rebell. Weil ich das machen möchte, was mir Spaß macht, und nicht das, was dir von Anderen vorgegeben wird."

(kurier) Erstellt am
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