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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 45 - Indonesien

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Du bist - Buddh-ist

Du bist - Buddh-ist. Der Schüttelreim von seinem Vater ist ihm heute noch im Ohr. Ob er sich deshalb im dritten Viertel seines Lebens so intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt hat, ist eine sehr vage Vermutung. Weitaus wichtiger war wohl, dass ihn die Lehre von der Toleranz als Lebensphilosophie fasziniert hat. Möglicherweise auch als ein Schlüssel, um dem schwelenden Konflikt der Welt mit dem Islam besser begegnen zu können. Der österreichische Filmregisseur Titus Leber lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Jakarta. Er ist bereits Anfang der 1990er-Jahre in Europa mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden. Ist nach Asien gegangen. Weil hier nicht nur für Wirtschaftstreibende, sondern auch für Kulturschaffende die Musi spielt. Leber hat im Auftrag des thailändischen Königshauses die Geschichte Buddhas mit all seinen Facetten multimedial aufbereitet. Das Film-Projekt hat Millionen gekostet und zeitweise hundert Menschen Arbeit gegeben. War erst nach vier Jahren endgültig abgeschlossen. Unvorstellbar für jeden Kreativen, der sich in Österreich mit Brosamen zufrieden geben muss. Leber hat in Wien Theaterwissenschaft studiert, hat sich dann in Hollywood zum Regisseur und später am angesehen Massachusetts Institute of Technology zu einem der ersten Multimedia-Spezialisten ausbilden lassen. Sein Streifen "Anima" wurde im Jahr 1981 in Cannes in der Reihe "Un Certain Regard" prämiert. Nach dem Mega-Projekt in Thailand wurde er von der indonesischen Regierung ins Land gerufen. Um auf der Insel Java den größten und gleichzeitig wohl auch unbekanntesten Buddha-Tempel der Welt, den Borobudur, angemessen in Szene zu setzen. Der Tempel wurde im Jahr 850 errichtet, ausführlich erzählt auch er die Geschichte des buddhistischen Gedankengebäudes. Auf insgesamt 1400 Reliefs. Er gilt heute als Weltkulturerbe. "Mich interessiert dabei auch die Parallele zu unserer Zeit", erläutert der Projektchef. "Beide Kulturen drücken sich in Bildern aus." Leber will daher mit einer eindrucksvollen Multimedia-Info-Show die pädagogische Brücke zur Generation Facebook schlagen. Die Indonesier lassen sich diesen Brückenschlag einiges kosten. Es gibt nicht viele Österreicher im Kulturbetrieb, die nach einem Interview vom eigenen Fahrer abgeholt werden. Titus Leber feiert in wenigen Tagen seinen 60. Geburtstag. Auf den Online-Seiten des Filmarchivs und auch des Filmmuseums sucht man vergeblich nach Hinweisen auf seinen Namen, seine Filme und seine Projekte. Jemand hat einmal in Wien zu ihm gesagt: "Auf Sie hamma vergessen." Vielleicht die geeignete Gelegenheiten, um sich den verschollen geglaubten Kollegen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Denn für einen Nachruf ist der vor Ideen sprühende Mann, der mit breiter Brust Österreich im Ausland repräsentiert, noch eindeutig zu jung.

Wer aller ein Eierschädl ist

Es war an einem Mittwoch, genau gesagt am Mittwoch, dem 16. Oktober 1991. Österreichs Teamkicker hatten nach schmerzhaften Niederlagen gegen die Fischer, Handwerker und Bankangestellten von den Färöer-Inseln, sowie gegen den späteren Europameister Dänemark und die von Gott und Ivica Osim verlassenen Brasilianer vom Balkan alle Chance auf die EM-Endrunde in Schweden verspielt. Und Alfred Riedl, der für die Negativ-Serie wenig konnte, war seit sieben Tagen nicht mehr Teamchef der Erfolglosen. Wir trafen uns daher vor dem vorletzten Gruppenspiel der Österreicher (auswärts in Belfast) im Hinterzimmer des Wirtshauses seines Freundes Karl Koller, in Blumau im nö. Steinfeld, um gemeinsam die nächste Niederlage aus der Ferne zu betrachten. Fotografiert hat damals der damals schon erfahrene Willi Schraml. Herausgekommen ist am Ende eine Reportage, aus der man einiges an Sympathie für den geradlinigen, nie Wadel beißenden Protagonisten herauslesen konnte. Bald zwanzig Jahre sind seit jenem Mittwochabend vergangen. Heute ist Alfred Riedl der gefeiertste Fußballtrainer Österreichs. Denn er hat mit seinem aktuellen Team, der A-Auswahl Indonesiens, das, was man im Fußball einen Lauf nennt: Elf Spiele, neun Siege, die Heimsiege stets vor 100.000 frenetischen Fußballfans. Riedl kann im Moment in Jakarta nicht mehr auf der Straße gehen, ohne dass wildfremde Leute ihn ausmachen und um ein gemeinsames Handy-Foto bitten. Selbst zum Training kommen mehrere Kamerateams und mehrere hundert Zaungäste. Jetzt will man sogar einen Werbespot mit dem Schnauzbart aus Blumau drehen. Dabei ist der 61-jährige Niederösterreicher der faire, nicht schmähstade, aber alles andere als mediengeile Sportsmann geblieben, für den man ihn schon in Österreich geschätzt hat. Die indonesischen Medienvertreter werfen ihm zwar vor, dass er zu wenig lächelt. Aber das hängt wohl auch damit zusammen, dass sie nicht wissen können, was ein "Eierschädl" ist. Denn wenn Alfred Riedl pointenreich darlegt, wer im indonesischen Fußballverband aller ein "Eierschädl" ist, würde auch bei ihnen kein Auge trocken bleiben. Nebenbei hat der als Spieler und Trainer weitgereiste Professional seiner Mannschaft jene Disziplin beigebracht, die heute in internationalen Bewerbsspielen unabdingbar ist. Schon als Teamchef im Vietnam genoss der Blumauer, der auch in Wien-Favoriten (FavAC), in Ägypten, Marokko, Kuwait, im Iran, in Liechtenstein, Palästina und Laos tätig war, dank seiner Kompetenz Kultstatus. Als bekannt wurde, dass der Trainer eine neue Niere benötigt, "haben sich achtzig vietnamesische Fußballfans gemeldet". Einer flog dann in der Tat mit dem Idol nach Wien. Zum Niederknien, wenn Alfred Riedl den indonesischen Verbandsfunktionären mit ernster Miene erklärt, wie sie auf Sicht ihre international nicht wettbewerbsfähige Abwehr verstärken können: "Ihr müsst größere Spieler zeugen." Sein Freund, der Wiener "Schneckerl", hätte es auch nicht besser analysieren können. Sein Vertrag in Jakarta läuft noch bis Mai 2012. Er wird also noch mit Verteidigern auskommen müssen, die bei jedem hohen Ball in den eigenen Strafraum einen Kopf zu klein sind. Das Famose am Fußballspiel: Auf dem Platz entscheidet nicht die Hautfarbe, auch nicht die Religion. Egal ob auf einem Dorfacker im südlichen Niederösterreich oder in einem der Nationalstadien Südostasiens: Mit elf Eierschädeln kann man keine Partie gewinnen. Der Fredl muss also auch in Jakarta irgend etwas richtig gemacht haben.

Spurlos verschwunden

Knapp 350 Jahre lang haben die Niederländer den indonesischen Archipel regiert. Den Chroniken zufolge landete Cornelis Hautman im Juni 1596 erstmals auf der Insel Java. Im Zweiten Weltkrieg kapitulierte das damalige Niederländisch-Indien - vor den übermächtigen Japanern. Bei einem Spaziergang durch das Stückwerk, das in Jakarta vom alten Batavia übrig geblieben ist, wird klar, wie wenig die Niederländer im Land hinterlassen haben. Drei, vier alte Häuser im alten Kolonialstil, in der Nähe des Hafens, das ist aber auch schon alles. Dazu vielleicht noch die Idee für ein paar ramponierte Holland-Fahrräder für die Touristen. Es heißt, die Niederländer waren nur Kaufleute, keine Krieger und keine Missionare. Sie haben in Indonesien nur abkassiert, aber keine Eisenbahn, keine Kirchen und keine Prachthäuser gebaut, und sie haben auch tunlichst darauf geachtet, sich nicht mit den Einheimischen zu vermischen.

Es sind die Menschen

Ihr Mann hat noch in Österreich studiert. Österreich galt damals als ein Land der Bildung. Heute gehen die jungen Indonesier lieber zum Studium nach Kanada, in die USA, Singapur oder sonst in ein Land, dessen Unis besser bewertet sind als die der Österreicher. Sie hat ihren Mann jedenfalls im Studentenheim in Wien kennen gelernt. Und es zeigt sich schnell, dass sie diesen Moment auch mit flotten 60 Jahren nicht bereut. Ihr Mann ist Indonesier mit chinesischen Wurzeln, um genau zu sein. Judith Kosasih, eine geborene Thonet (ihr Ur-Ur-Ur-Großvater hat den bekannten Sessel erfunden), ist mit ihm nach Hochzeit und Studium in seine Heimat gegangen. Hier hat Thomas Kosasih, ein Techniker durch und durch, die Zigarettenfabrik von seinem Vater übernommen, später unter anderem für die Zigaretten-Papier-Spezialisten Tann und Wattenspapier den indonesischen Markt aufbereitet. Seine Frau hat derweil vier Töchter groß gezogen und ihn als Buchhalterin, Controllerin und IT-Spezialisten unterstützt. Es sind die Menschen, welche die Wienerin in Indonesien so liebt. Doch es sind auch Menschen, die sie in Indonesien fürchtet. Zwei Pogrome gegen die chinesische Minderheit hat die Mutter von vier Kindern aus nächster Nähe miterleben müssen. Zuletzt hat sich der Mob im Jahr 1998 gegen die erfolgreichsten Geschäftsleute des Landes erhoben. Damals wurden deren Geschäfte geplündert, auch einige Frauen vergewaltigt. Es gab Tote. "So etwas vergisst man sein Leben nicht." Im Moment ist in Indonesien alles ruhig. Doch die Bilder aus Ägypten führen erneut vor Augen, wie schnell die Lage kippen kann. Die sieben Wochen durch Asien sind mit dem heutigen Blog-Eintrag und der Reportage im Samstags-KURIER Geschichte. Ab Montag neue Berichte und Eindrücke vom fünften Kontinent. Aus Sydney!

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.