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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 44 - Indonesien

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Nicht Tunesien

Indonesien? Ja, kenn' ich. In Tunesien war ich schon. Österreicher, die auf dem indonesischen Archipel zu tun haben, orten bei ihren Landsleuten allzu oft Unwissen. Daher hier ein kurzer Nachtrag zum Geografie-Unterricht: Mit 17.500 Inseln und drei verschiedenen Zeitzonen ist die Republik Indonesien der größte Inselstaat der Welt. Nach Einwohnern gemessen, im Moment sind es knapp 240 Millionen, ist Indonesien der viertgrößte Staat der Welt - auch mit dem höchsten Moslem-Anteil weltweit. Manche sprechen sogar von einem eigenen Subkontinent, nicht ganz zu Unrecht: Fliegt man vom östlichsten Zipfel der Inselkette zum westlichen Ende, ist man sieben Stunden in der Luft. Hauptstadt ist Jakarta, ein Moloch mit zehn Millionen Einwohnern, keinem Zentrum, dafür unzähligen unsäglichen Shopping Malls. Jakarta liegt im Osten der Hauptinsel Java. Woraus sich ergibt: Java ist nicht nur eine besondere Software, sondern auch eine Insel - so groß wie Österreich und die Schweiz, mit dem Unterschied, dass sich hier 130 Millionen Menschen oft im Weg stehen. Denn der Raum ist engst: 1 km² für 1000 Einwohner. Hat man endlich die Mega-Stadt Jakarta verlassen, offenbart sich entlang der Landstraße folgendes Szenario: Dorf - Reisfeld - Dorf - Reisfeld. Ab und zu auch: Dorf - Reisfeld - Dschungel. Ja, es gibt Armut, dank der Reisfelder aber keinen Hunger. Ja, es bebt hier jeden zweiten Tag die Erde, manchmal so, dass die Menschen so schnell sie können aus ihren Häusern rennen. Ja, es explodiert hier öfters als anderswo ein Vulkan, aber Indonesien ist nicht permanent im Notstand. Ja, es gab hier grauenvolle Anschläge, auch auf Hotelanlagen, und Pogrome gegen die chinesische Minderheit, immer von islamischen Fundamentalisten, doch seit einigen Jahren kann sich das Land relativ ruhig entwickeln. Was nicht zuletzt der Wirtschaft gut getan hat. Zuletzt ist sie stetig gewachsen. Das hat auch eine breiter werdende Mittelschicht begünstigt. Dominiert wird die Wirtschaft - wie in den meisten anderen südosteuropäischen Ländern auch - von einer kleinen chinesischen Minderheit.

Führungsriege in Batik

Termin beim staatlichen Energieerzeuger in Cirata, 110 km südwestlich von der Hauptstadt Jakarta. Elf Mann hoch sitzen uns gegenüber. Nicht im feinen Zwirn, sondern im bunten Hemd. Durch die Bank im seidigen Batik-Hemd. Auch wenn die Herrschaften einen recht entspannten Eindruck vermitteln, gerne scherzen, gerne lachen, sie sind nicht zum Spaß hier. Es geht auch heute ums Geschäft. Das Batik-Hemd gilt in Indonesien als ein nationales Kulturerbe - und im Wirtschaftsleben als absolut gleichwertig mit Hemd, Krawatte und Sakko. Bei aktuellen Temperaturen um die 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit an die 80 Prozent macht Batik durchaus Sinn. Das Schwitzen in den Anzug überlassen die Gastgeber den Neuankömmlingen. Der Stoff des traditionellen Hemdes kann Seide, aber auch Kunstfaser sein. Alles eine Frage des Preises. Der Stoff wird in stundenlanger Handarbeit mit unterschiedlichen Mustern (Blumen, Vögel, geometrische Figuren) beidseitig bemalt, dann gewachst und gewaschen. Der Energieerzeuger PJB betreibt übrigens neben kalorischen auch einige Wasserkraftwerke. Die Turbinen dafür bezieht er seit bald dreißig Jahren aus Österreich.

Schweiß treibender Job

Der Salzburger Hermann Ortner trägt - wenn geht - auch Batik-Hemden. Und er kann sie seinen Landsleuten nur wärmstens empfehlen: "Es hat ja keinen Sinn, wenn dir schon nach wenigen Minuten das Wasser aus den Ärmeln rinnt." Doch bis die österreichischen Firmen Indonesien auf ihrer Landkarte entdeckt haben, hat Ortner schon ordentlich geschwitzt. Seit dreieinhalb Jahren leitet er die Außenhandelsstelle in Jakarta. Hier gilt es für ihn deutlich mehr Überzeugungsarbeit zu leisten als zum Beispiel auf seinem Posten zuvor. Obwohl mancher Anrufer dort Sofia für die Hauptstadt von Rumänien hielt. Maschinen und Anlagen. Kaum ein Land dieser Welt, wohin die Österreicher nicht ihre Paradeprodukte liefern. In Indonesien sind es speziell Maschinen für die Nahrungsmittel-, die Kunststoff- und die Textilindustrie. Ein gutes Geschäft für die Andritz Hydro sind, wie schon erwähnt, die Wasserkraftwerke. Achtzig Prozent aller Turbinen im Land kommen von Andritz. Und der Markt hat Potenzial. Während etwa in Österreich mehr als 90 Prozent der gesamten Wasserkraft in Strom umgewandelt wird, sind es in Indonesien gerade einmal sechs Prozent. Dazu kommt, dass die Regierung vermehrt auf Erneuerbare Energien setzen möchte. Gefördert werden soll auch der Ausbau von Biodiesel-, Solar- und Geothermik-Anlagen. Der dicht besiedelte Insel-Staat ist de facto ein riesiger Wachstumsmarkt, zählt aktuell auch zum illustren Kreis der G-20. In Kürze erwartet Ortner österreichische Eisenbahn-Ingenieure in Jakarta, die ja - wie diese Serie deutlich vor Augen führt - fast weltweit im Geschäft sind. In der indonesischen Hauptstadt soll noch in diesem Jahr die erste Phase des U-Bahn-Projekts ausgeschrieben werden. Gut, die U-Bahn wollen die Japaner finanzieren. Womit auch klar sein sollte, wer die größten Aufträge bekommt. Doch es gibt auch in Jakarta ausreichend Arbeit. Nebenbei sollen auch die landesweiten Bahnlinien erneuert und ausgebaut werden.

Mit allen Wassern gewaschen

Da sitzen sie wieder einmal gemütlich beim Mittagessen. Die Indonesier und die Österreicher. Der Umgangston ist höflich, für asiatische Verhältnisse sogar leger. Es wird viel gescherzt, gelacht, gelächelt. Diese Vertrautheit kommt auch nicht von ungefähr: Seit dreißig Jahren verkaufen die Energietechniker aus Österreich den Energieversorgern aus Indonesien ihre Turbinen. Man könnte beinahe meinen: Unter Ausschluss der Konkurrenz. Beide Seiten betonen, dass sie sehr zufrieden mit sich sind. Man kennt sich. Man hat auch schon so manche Kontroverse hinter sich gebracht. Manches Gelage. Manche Präsentation und manche Eröffnung. Man hat jedenfalls viel Zeit investiert, um dem Gegenüber so weit als möglich entgegen zu kommen. Seit ein paar Jahren ist Erntezeit. Für beide Seiten. Dabei gilt der Handschlag - mehr als der Vertrag. Jedoch: Mach' das einmal einem Kollegen aus der Zentrale in Europa klar. Der will Belege - ein freundliches Lächeln wird der niemals als Beleg akzeptieren. Und mach' das dann wiederum dem Kunden klar, dass der Kollege in Österreich keine Belege des Vertrauens, sondern Belege der Kontrolle benötigt. So müssen sich die beiden Ingenieure, der Weinviertler Josef Ullmer und der Mühlviertler Gerhard Enzenhofer, Tag für Tag durchlavieren. Ullmer seit 25 Jahren, Enzenhofer seit zwanzig Jahren. Ullmer ursprünglich noch für die Elin, Enzenhofer für die Voest. Doch der Erfolg hat ihnen bisher immer Recht gegeben. In Summe haben sie den Indonesiern bisher Turbinen mit einer Gesamtleistung von 5000 Megawatt verkauft. Für zehn große und zehn kleinere Kraftwerke. Von Sumatra bis Papua Neuguinea. Achtzig Prozent des Markts zu kontrollieren, das ist schon eine verkaufstechnische Meisterleistung. Auf einem Chart steht ein bisserl schlecht übersetzt: "Qualität, Verlässlichkeit, Sicherheit, Verantwortung und Garantie haben uns überzeugt." Die Andritz Hydro ist heute Weltmarktführer in der Wasserkraft-Technologie. Die Österreicher können auf eine Erfahrung, die mehr als 170 Jahre zurückreicht, vertrauen. Sie haben bisher 30.000 Turbinen weltweit verkauft. Ihre knapp 6000 Mitarbeiter sind auf alle fünf Kontinente verstreut. Einmal ganz abgesehen von der immanenten Kraft des fließenden Wassers, nach zwei Wochen Afrika und neun Wochen Asien lichtet sich langsam so mancher Nebel: Die Baubranche ist nix für Warmduscher wie uns. Hier darf man nicht zimperlich sein. Auch nicht ständig an das Gute im Menschen glauben. Hier muss man mit allen Wassern gewaschen, auch zu Kompromissen bereit sein. Wer meint, die besten Referenzen, der günstigste Preis und die gediegenste Leistung würden immer und überall den Ausschlag geben, der wird nur selten ein Geschäft abschließen. Nicht in Österreich, und noch viel weniger im harten globalen Wettbewerb.

Der Vorreiter

Willi Goldschmidt ist einer von jenen glorreichen Österreichern, die ihrer Zeit immer um einen Schritt voraus sind. Als der gelernte Mittelfeldspieler und Ingenieur für Betriebstechnik erkannt hat, dass man im Ausland mehr bewegen kann als beim Wiener Sportclub und bei General Motors in Aspern, ging er als Legionär in die Schweiz. Allerdings nicht als Fußballer, sondern als Vertreter für Textilmaschinen. Als der Vertreter für Textilmaschinen neun Jahre später erkannt hat, dass Indonesien nach einer Wirtschaftskrise dringend Textilien benötigt, hat er sich selbstständig gemacht, in Europa nicht mehr benötigte Maschinen gekauft und ins indonesische Textilzentrum Bandung transferiert. Als der Fabrikbesitzer früher als Andere das enorme Potenzial für Erneuerbare Energien erkannt hat, hat er die ersten Jenbacher Gasmotoren, die aus Gas Strom erzeugen, nach Indonesien exportiert. Inzwischen hat er 200 Motoren für Shopping Malls, Hotelanlagen und Industriebetriebe verkauft, acht Firmen gegründet, einen Umsatz von 70 Millionen € pro Jahr erreicht und 350 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste. Und was kommt jetzt? Willi Goldschmidt, der im südlichen Burgenland aufgewachsen ist und nach dem Tod seiner Eltern von Österreich weggegangen ist, spricht ruhig, sehr konzentriert, nie angeberisch. Natürlich hat er schon wieder mehr als nur eine Idee: Indonesien hat mehr als 17.500 Inseln. "Doch nur 55 Prozent der Insulaner haben Strom", erklärt der Österreicher. Ihnen kann geholfen werden. Die Firma GE Jenbacher hat auch Motoren, die das Abgas in Industrieanlagen und auf Mülldeponien, das Biogas bei der Lebensmittelerzeugung und selbst Grubengas für das Brennen der Glühbirnen und das Laufen der TV-Geräte aufbereiten können. Inzwischen orientiert sich der 50-jährige Stratege auch in Richtung Bali und Papua Neuguinea. Denn er weiß: "Das Land braucht heute auch dringend den Strom, den die Privaten erzeugen." Beachtlich: Indonesien ist für die Jenbacher bereits der drittgrößte Markt. Und Goldschmidt sagt offen: "Hier wäre sicherlich auch noch für andere österreichische Umweltfirmen einiges zu holen."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.