Welt-Reise, Tag 41 - Thailand

Welt-Reise, Tag 41 - Thailand © Bild: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Cross Cultural Management

Heute ganztägiges Einführungsseminar auf der angesehenen Mahidol Universität in Bangkok. Unsere Kursleiterin stellt sich - wie das in Thailand üblich ist - nur mit ihrem Vornamen vor. Erste Lektion: Freundlich nicken. Nett, Sie kennen zu lernen! Khun Astrid - Frau Astrid, Ajarn Astrid - Lehrerin Astrid! In Österreich würde man Dr. Astrid Kainzbauer sagen. Die Expertin für die feinen Unterschiede in unterschiedlichen Kulturkreisen forscht und unterrichtet am College of Management. Ihr Seminar nennt sich dementsprechend Cross Cultural Management. Sie gibt auch international orientierten Firmen Unterricht. Damit sich deren Mitarbeiter beim Aufenthalt in fremden Welten und Märkten besser, schneller zurechtfinden. Die 40-jährige Niederösterreicherin aus Prinzersdorf im Bezirk Sankt Pölten hat sich schon während ihres Studiums an der Wirtschaftsuniversität in Wien mit kulturellen Eigenheiten im globalen Wirtschaftsleben intensiv beschäftigt. Hat dann zehn Jahre lang am Zentrum für Auslandsstudien in Wien gearbeitet, ehe sie im Jahr 2005 dem Ruf eines thailändischen Professors an die Universität nach Bangkok gefolgt ist. Beruhigend für alle Schüler: Ajarn Astrid gibt zu, dass auch sie nicht über alle Zweifel erhaben ist. Speziell am Anfang habe ihr das theoretische Wissen nicht immer weiter geholfen: "Gut, man weiß gewisse Dinge, aber man kann sie nicht umsetzen." Auch in Thailand gilt das System von Versuch und Irrtum, allerdings mit Einschränkungen: "Je länger man hier lebt, umso mehr versteht man, wie wenig man eigentlich versteht." Der Punkt ist: "Vieles kann man gar nicht verstehen." Weil: "Alles, was wir Europäer als gegeben annehmen, ist in Thailand nicht gegeben." Das Missverständnis ist quasi das Hobby der Miss Verständnis: "Ich betrachte mich selbst als Fallstudie. Deshalb ist es für mich auch nicht frustrierend." Ihre Gelassenheit nimmt ihr den Druck, immer alles richtig machen zu müssen. "Was ist schon richtig? Man soll das alles nicht so Ernst nehmen. Wenn man über sich selbst lachen kann, dann können auch die Anderen darüber lachen." Die allgemein gute Laune scheint sich auch auf den Einzelnen zu übertragen, die Lektorin aus Österreich lächelt: "Ich meistere jetzt manche Situation mit meinen Landsleuten leichter." In der Wiener U-Bahn happy sein, das sei aber auch für sie eine echte Herausforderung. Gleich noch eine Spezial-Lektion für Fotografen: Den normalsterblichen Khun muss man in Thailand so fotografieren, dass er auf dem Bild nie mächtiger wirkt als der allseits verehrte König. Der Glaube an das Königshaus ist in Thailand absolut Ernst gemeint. Und ein Wort zur persönlichen Zukunft von Astrid Kainzbauer: "Ich habe hier in Thailand gelernt, dass man absolut nichts planen kann."

10 Regeln, oder: Was man wissen sollte

Kultur-Kennerin Astrid Kainzbauer darf sich nur unterhalb des Königs ins Bild rücken lassen
© Bild: Mario Lang

Regel Nr. 01: Wer in Thailand und auch in anderen asiatischen Ländern ein gutes Geschäft machen möchte, muss zunächst einmal eine gute Beziehung zu seinem Geschäftspartner aufbauen. Ja, er muss mit ihm Freund werden. Zumindest so, dass ihn sein Gegenüber als Freund wahrnimmt. Das weltbeste Produkt hilft hier in Bangkok nix, wenn sein Produzent als Ungustl wahrgenommen wird. Denn die Thais wollen nur mit einem Menschen ins Geschäft kommen, den sie als nett einschätzen. Und wie wird man ein Freund? Nicht anders als in Österreich. Man muss sich für das Gegenüber Zeit nehmen, sich auch für seine Kultur und sein Land interessieren. Auf dem Weg zur Freundschaft warten allerdings in Thailand zahlreiche Stolpersteine. Nicht zuletzt die Sprache. Höflichkeit kann hier schnell einmal in die Hose gehen: Wenn die Thailänder rot anlaufen, dann weiß man, dass man ordentlich daneben gehauen hat. Ein und dasselbe für uns fast gleich klingende Wort kann nämlich fünf verschiedene Bedeutungen haben. Der Schnee liegt im Thailändischen dummerweise sehr nahe beim weiblichen Geschlechtsorgan ... Regel Nr. 02: Thais sind sehr loyale Menschen. Freundschaftliche Beziehungen werden nie zu einer Firma, immer zu deren Vertreter aufgebaut. Kündigt der, ist es durchaus möglich, dass auch alle Mitarbeiter kündigen. Deshalb sind auch viele Verträge das Papier nicht wert, auf dem sie ausgedruckt wurden. Wie gesagt: Viel wichtiger ist das gute Einvernehmen. Regel Nr. 03: Ein Ja muss auch in Thailand keineswegs Ja bedeuten. Denn wie bei vielen anderen Asiaten auch gibt es kein Nein. Und schon gar keinen Widerspruch. Man will hier immer schön höflich sein. Ein Thai sagt einem auch nie, dass er etwas nicht verstanden hat. Das kann man nur anhand seiner Körper-Sprache erkennen. Das Lesen der Körper-Sprache will gelernt sein. Regel Nr. 04: Es gibt in Thailand zwölf verschiedene Formen von Lächeln. Und auch wenn das selbst Ajarn Astrid noch immer sprachlos macht, man lächelt hier sogar auf einem Begräbnis. Aus Verlegenheit. Oder, um dem Anderen Mut zu machen. Oder sein Mitgefühl auszudrücken. "Das Gute an Thailand andererseits: Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann lächelt man. Das geht immer." Anders als in Österreich, wo selbst ein freundliches Lächeln gerne einmal mit einem Vogelzeig quittiert wird. Regel Nr. 05: Das Lebensmotto der Thai heißt Sanuk. Das soll heißen: Die Leute hier wollen Spaß haben. Wenn sie schon in diese Welt geboren wurden, dann wollen sie sich nicht bis zu ihrem Tod ärgern. Dies gilt nicht zuletzt bei der Arbeit. Wenn schon Putzfrau, dann mit Vergnügen Putzfrau. Hört man erst einen Österreicher und dann einen Thai reden, könnte man daher manchmal den Verdacht haben, dem Österreicher geht es dreckig. Regel Nr. 06: Korrespondiert stark mit Regel Nr. 05. Thais sind vom Buddhismus fasziniert. Und der Buddhismus blockiert die Neidgenossenschaft. Die Menschen sind zufrieden mit dem, was sie haben. Sie nehmen die Dinge gelassen. Heute noch unterprivilegiert, kein Problem, im nächsten Leben kommt man eh wieder als König zur Welt. Keinem armen Wurm können sie etwas anhaben. Könnte ja früher einmal der verstorbene Großvater gewesen sein. Oder aber ein böser Kolonialherr. Regel Nr. 07: Frauen sind in Thailand willkommene Mitarbeiterinnen. Es wird sogar gesagt, dass sie mehr arbeiten als die Männer. Während der gute Herr mehr auf die Wahrung seines Status achtet, macht die Frau in Ruhe ihren Job. Regel Nr. 08: Im Straßenverkehr gilt der Misstrauensgrundsatz. Wer konzentriert fährt, ist auf der sicheren Seite. Regel Nr. 09: Thais sind militant tolerant. Jede Verunglimpfung einer anderen Religion gilt per Gesetz als Straftat. Die Mehrheit in Thailand glaubt an einen Buddha, die größte Minderheit an Allah. Die Mehrheit der muslimischen Minderheit lebt im Süden, im Grenzgebiet zum ebenso von Moslems dominierten Malaysia. Regel Nr. 10: Aus der Ferne sein Exportgeschäft zu organisieren, womöglich nur per Mail, das funktioniert in Asien garantiert nicht. Anderswo übrigens auch nicht. Astrid Kainzbauer beschließt den Regelkatalog mit den Worten: "Jedes Land, jeder Mensch will Ernst genommen werden."

Was absolut nicht geht

Kultur-Kennerin Astrid Kainzbauer darf sich nur unterhalb des Königs ins Bild rücken lassen
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Dem Mitarbeiter seine Meinung, sei sie auch noch so fundiert und berechtigt, ins Gesicht sagen, ui, das geht in Thailand wirklich nicht. Wer nicht diplomatisch genug vorgeht, gelangt nie zu seinem Geschäftsziel. So kommt es immer wieder vor, dass der zu harsch gemaßregelte Mitarbeiter eine ganze Woche lang eingeschnappt ist. Überhaupt: Auszucken gilt in Asien als Zeichen der Schwäche. Als absolut unhöflich. Wer sich allzu sehr von seinen Emotionen leiten lässt, hat mehr als nur sein Gesicht verloren. Und es sind Fälle von Fremden und ihren Firmen bekannt, die nie mehr den Weg zurück in die schwarzen Zahlen gefunden haben ...

Was sie den Thais rät

Kultur-Kennerin Astrid Kainzbauer darf sich nur unterhalb des Königs ins Bild rücken lassen
© Bild: Mario Lang

Thailand, eine eigene Welt, eine Welt für sich. Aber was, wenn die Bewohner dieses einzigartigen Landes einmal mit der Welt ins Geschäft kommen möchten? Auch mit dieser Frage hat sich Astrid Kainzbauer beschäftigt. Sie kann das den Thais so natürlich nicht sagen, aber uns Österreichern schon: "Sie müssen lernen, in Europa und in den USA selbstbewusster aufzutreten. Sie sind irgendwie zu schüchtern, zu höflich, zu zurückhaltend. Der typische Thai sagt in einem Meeting gar nichts. Damit bleibt man aber speziell im internationalen Wettbewerb unberücksichtigt." Schwierig genug, das notwendige Aufblühen gegen jahrelang eintrainierte Verhaltensmuster zu erwirken. Die Lehrerin: "Sie müssen ihrem Gegenüber auch einmal in die Augen schauen." Unmöglich sei das nicht: Die selbe Person, die sich im Büro scheinbar nur unter dem Teppich bewegen will, steigt am Abend beim Karaoke-Singen zum Rockstar auf.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

Erstellt am 05.12.2011