Welt-Reise, Tag 39 - Singapur

Welt-Reise, Tag 39 - Singapur © Bild: Mario Lanng

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Letzte Station

Gerhard Meschke hat viel von der Welt gesehen. Singapur ist seine letzte Station. Ob als Handels- oder als Wirtschaftsdelegierter? Ihm kann das jetzt egal sein. Er kann auf alle Fälle von sich behaupten, dass er die längste Zeit seines Lebens (seit 1975) ein Handelsdelegierter war. Sechs Monate noch, dann wird der Wiener auch von hier weg gehen. Knapp vor seiner Pensionierung zieht er zufrieden Resümee: "Wo immer ich gearbeitet habe, ich habe keine einzige Station bereut." Mit 35 Jahren Auslandserfahrung darf sich der Senior unter den Export-Experten auch einen Ratschlag erlauben: "Es gibt österreichische Firmen, die müssten eine realistischere Haltung in Exportfragen einnehmen. Manche könnten jederzeit im Ausland Geld verdienen, trauen sich aber nicht. Und andere wollen gleich in die USA, haben es zuvor aber noch nicht einmal in der Schweiz probiert." Seit siebeneinhalb Jahren begleitet Meschke die wirtschaftliche Erfolgsstory des Stadtstaat-Insel Singapur, die übrigens nur ganz knapp oberhalb vom Äquator liegt. Erst im Vorjahr wurden wieder 15 Prozent Wachstum verzeichnet. Mit dem angesparten Geld der vergangenen Jahre könnte die Regierung hier gleich mehrere globale Krisen hintereinander bewältigen. Anders als in Japan, China und in Südkorea bittet man ausländische Investoren ins Land und stellt ihnen eine perfekte Infrastruktur für deren Arbeit zur Verfügung. "Kopieren will man sie eigentlich nicht." 7000 multinationale Unternehmen haben dieses Angebot bisher angenommen, 8000 Firmen aus Europa, darunter 63 aus Österreich. "In Singapur haben Sie gleich mehrere Vorteile", erklärt der Delegierte. "Zunächst einmal Rechtssicherheit und auch persönliche Sicherheit, dazu niedrige Steuern und keine Einfuhrzölle, einen perfekt geführten Hafen und einen ebenso perfekten Flughafen. Außerdem gibt es hier auch eines der besten Schulsysteme der Welt."

Lilly forscht jetzt in Singapur

Der Senior unter den Wirtschaftsdelegierten: Gerhard Meschke im Büro in Singapur
© Bild: Mario Lanng

Eigentlich heißt sie mit Vornamen Eva Maria, doch schon ihre Eltern haben lieber Lilli zu ihr gesagt. Und auch für die Chinesen ist Lilli irgendwie einfacher auszusprechen. Also, die Biologin Lilli Brandtner arbeitet seit dreieinhalb Jahren als Senior Scientist für die Biotech-Firma SG Austria. Warum die Firma von Wien nach Singapur gezogen ist? Ganz einfach: Weil die hiesige Regierung massiv in Biotechnologie investiert. Und dazu auch einige beste Köpfe in diesem Metier angelockt hat, darunter den Embryologen Ian Wilmut (der Schotte gilt als geistiger Vater des Klon-Schafs Dolly). Der hochmoderne Campus am Biopolis Way misst 222.000 m² und soll rund 5000 Forschern ein kompaktes Betätigungsfeld bieten. Experimente im Labor oder Studien unter speziellen Mikroskopen sind hier kein Problem. Anruf genügt, die beste Infrastruktur, die sich Forscher nur vorstellen können, ist jederzeit verfügbar. Meinungsaustausch mit Kollegen aus anderen Firmen und Forschungsdisziplinen ist ebenso easy. Man lernt sich am Campus spätestens beim Mittagessen kennen. Die SG Austria ist im Bereich der Zell-Verkapselung tätig. Dieser Prozess ist natürlich viel komplizierter als ihn Weltreisende im Vorbeigehen fassen können. Im Wesentlichen geht es darum, lebende Körperzellen im Labor mit einer Schutzkapsel auszurüsten, damit sie durch diese genetische Veränderung am Ende in der Medizin, in der Landwirtschaft, in der Kosmetik und sogar beim Umweltschutz neuen Nutzen bringen. Am Plakativsten ist derzeit ein Projekt in der Krebsforschung. Erklärt Brandtner. Dort will man am Ende den Kampf mit aggressiven Pankreas-Krebszellen gewinnen. So weit ist man noch nicht. Doch das Ende rückt langsam näher. Es gibt bereits klinische Studien, und die sind Erfolg versprechend. "Im Moment suchen wir wieder einmal nach Investoren", sagt die Biologin. Diese müssten bereit sein, im Dienste der Menschheit ein gewisses finanzielles Risiko auf sich zu nehmen. Denn die Krebsforschung bietet, keine Frage, weniger Vermögenssicherheit als der herkömmliche Immobilienmarkt. Abseits der spannenden Arbeit am Campus lebt Lilly Brandtner, die in Bregenz aufgewachsen ist und in Innsbruck studiert hat, gerne in Singapur: "Ich bin hier nicht im Ghetto. Ich kann mit allen Leuten Englisch reden, kann daher hier auch jederzeit Freunde haben." Und was ihr am meisten an Singapur taugt, sie strahlt, "ist das ganzjährig schöne Wetter".

Die Firma

Der Senior unter den Wirtschaftsdelegierten: Gerhard Meschke im Büro in Singapur
© Bild: Mario Lanng

Fast so steril wie die Labors auf dem Biopolis-Campus ist die Stadt Singapur selbst. Hier raucht niemand auf der Straße, hier geht niemand bei Rot über die Straße, hier scheißt kein Hund auf den Gehsteig, hier schmeißt niemand einen Tschickstummel weg. Aus gutem Grund. Alles ist hier streng reglementiert (Tschickstummel-Wegschmeißen kostet rund 100 €, oder einen ganzen Tag Strand-Saubermachen als Wiedergutmachung). Auf der Benutzeroberfläche wirkt Singapur daher sehr geordnet. Eine Art Disneyland für Asiaten. Doch wehe, man streift mit der politischen Macht an. Fragt, warum es hier keine Demokratie, keine freie Meinungsäußerung, keine Pressefreiheit gibt. Fragt vielleicht auch, was mit all den politischen Gegnern passiert. Niemand kann oder will einem genau sagen, wie viele Todesstrafen im Vorjahr verhängt worden sind. Doch Singapur ist nicht nur sauber pfui. Singapur wird geführt wie eine große Firma. In der Regierung sitzen keine blutarmen bzw. korrupten Parteisoldaten, sondern fürstlich bezahlte Fachleute. Man spricht von der best bezahlten Regierung der Welt. Die Regierung denkt auch nicht an aktuelle Sympathiewerte (muss sie auch nicht, von den 84 Mandataren, die im Parlament sitzen, sind nur zwei Opposition). Vieles, was die besten Köpfe in der Regierung beschließen, ist allerdings nicht das Schlechteste für das Volk. Beispiel sozialer Wohnbau: Der soll angeblich für einen auffallend breiten Mittelstand leistbar sein. Der Staat baut auf öffentlichem Grund Wohnhäuser, jeder Bürger hat dann die Chance, sich darin das Wohnrecht auf 99 Jahre zu erkaufen. Das Geld dafür kann er sich vorzeitig aus seiner Pensionskassa entlehnen. Apropos staatliche Pension: Jeder hier hat die Garantie, dass er genau das, was er im Laufe der Jahre eingezahlt hat, am Ende auch ausbezahlt bekommt.

Ein Prost aufs Exportbier!

Der Senior unter den Wirtschaftsdelegierten: Gerhard Meschke im Büro in Singapur
© Bild: Mario Lanng

Manchmal steht Martin Bém auf der Terrasse im 33. Stock des Tower one, blickt erst in sein gut besuchtes Lokal, dann hinunter auf die Marina Bay im Abendlicht - und kann es noch immer nicht ganz fassen: Die Gäste mögen sein Bier, die Gäste mögen seine Küche, die Gäste mögen sein Konzept. Das postmoderne Bier-Lokal LeVel 33, 33 Stockwerke bzw. 156 Meter über dem Meeresspiegel, wurde erst vor wenigen Tagen eröffnet. Und es ist auf dem besten Weg zu einem neuen In-Lokal. Dabei hat Bém den Zuschlag für die Bespielung des 710 m² großen Hot-Spots erst vor etwas mehr als einem halben Jahr bekommen. Dabei hat es ihm einige Nerven gekostet, die aus Wien gelieferte Salm-Brauanlage mit dem Kran in den 33. Stock hieven zu lassen. Dabei beginnt er erst jetzt, systematisch Werbung zu machen. Der Wirt hat nach dem Betriebswirtschaftsstudium an der WU in Wien zunächst italienisches Mineralwasser vermarktet, um dann bald einmal auf Bier umzusteigen. Heute ist er Paulaners Mann im Viereck Singapur - Sydney - Hongkong - Tokio. Und mit seiner Erfahrung und seinem Ehrgeiz eigentlich gar nicht bezahlbar. Zudem führt er in Singapur vier Lokale mit dem programmatischen Titel "Brotzeit". Das LeVel 33 mit Blick auf die modernste Ecke der Stadt ist inzwischen weltweit eine Einzigartigkeit. Die höchste, in einem Büroturm eingebaute Wirtshaus-Brauerei der Welt. Hier gibt es selbst gebrautes Bier nach alter europäischer Tradition (Salm aus der Apollogasse in Wien-Neubau liefert seine wunderbaren Anlagen inzwischen in die ganze Welt, von Kuba über Kaliningrad und Singapur bis auf die Insel Bali). Dazu besticht das Flair eines absolut modernen Clubs sowie eine Küche, die nicht so schwer im Magen liegt als die übliche Wiener Bierkutscher-Kost. Was dem 43-jährigen Mödlinger hier fehlt, was er aufgrund der Mentalität der Menschen, die in Singapur geboren wurden oder in Singapur Geschäfte machen, wohl auch nicht so schnell bekommen wird, ist mit drei Wörtern zusammengefasst: "Der Wiener Schmäh." Bitte an alle, die gerade auf der Durchreise sind: Unbedingt bei Martin Bém vorbeischauen. Und ihm vielleicht auch ein Bonmotscherl mitbringen.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

Erstellt am 05.12.2011