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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 38 - Hongkong

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Internationaler Star

Das Büro von Henry Steiner liegt oben am Berg, in den so genannten Mid-levels von Central Hongkong. Es ist für Hongkonger Verhältnisse mehr als nur geräumig. Der Firmenbesitzer freut sich - wie immer - über Besuch aus Österreich. Er erinnert sich noch, wie er in Baden von seinem Dreirad aufgesprungen und quer über die Straße gelaufen ist, "weil mich damals die Omo-Werbung so magisch angezogen hat". Er kann sich auch erinnern, dass er fünf Jahre alt war, als seine Familie von Baden weg musste. 1939. Als die Hitleristen daran gegangen waren, ihren mörderischen Plan in die Tat umzusetzen. Und er hat auch nicht vergessen, wie er in New York gelernt hat, aus den Umrissen von zwei Tellern Micky-Maus-Ohren aufs Papier zu zaubern. Omo, die jüdische Diaspora und Micky Maus - prägende Erfahrungen im Leben des jungen Henry Steiner, der sich später in Hongkong vielleicht nicht ganz zufällig als Designer einen Namen machen konnte. Er hat unter anderem das weltweit präsente Logo der bekanntesten Bank Asiens entworfen, das rot-weiße Sechseck der HSBC. Er hat sich Motive für neue Hongkong-Dollar-Scheine ausgedacht. Er hat zig potenten Firmen eine eigenes Corporate Design gegeben. Er könnte sich also zurücklehnen, und sich allerhand einbilden auf seine bald 77 Jahr'. Genau das Gegenteil ist der Fall. Henry Steiner ist hellwach. Man darf ihn wirklich alles fragen. Und es ist damit zu rechnen, dass auch er Fragen stellt. Was auffällt: Er hat keinen Groll gegen Österreich. Im Gegenteil, er spricht gut über das Land, in dem er geboren wurde. Als man ihm vor einigen Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft angeboten hat, hat er sich geehrt gefühlt. Und nahm an. Die amerikanische hat er inzwischen zurück gegeben. Schade eigentlich, dass er nie gefragt wurde, seine Kreativität und seine Erfahrung in ein österreichisches Unternehmen einzubringen. Der Mann ist in seinem Metier ein internationaler Star. Und er sagt, dass es für ihn eine Ehre wäre, für Österreich zu arbeiten. Braucht die österreichische Wirtschaft ein ähnlich starkes Logo wie zum Beispiel die Schweizer mit ihrem Schweizerkreuz, fragen wir Henry Steiner am Ende. Er antwortet österreichisch: "Es würde jedenfalls nicht weh tun, wenn wir eines hätten." Und er sagt mit einem Hinweis auf seine erfolgreichen Kunden: "Man müsste es dann aber auch intensiv verwenden."

Auf der Jagd nach Aktien

Elke Schöppl-Jost arbeitet in einer Branche, die selbst nichts produziert, die mehr davon lebt, dass Andere Erfolg oder auch keinen Erfolg haben. Die 36-jährige Oberösterreicherin leitet eine 15-köpfige Abteilung in einer Investment-Bank, die von Deutschen und Hongkongchinesen gemeinsam gegründet wurde. Ihren Job zu beschreiben ist eine intellektuelle Herausforderung. Im Großen und Ganzen: Sie sondiert Tag für Tag börsennotierte Unternehmen, und dazu alle relevanten globalen wirtschaftlichen Entwicklungen in Asien, um am Ende des Tages herauszufinden, welche Aktien für Anleger in Hinkunft Potenzial versprechen. Erfolg bedeutet für sie zum Beispiel, wenn sie aufgrund ihrer Erfahrung eine zu Unrecht unterbewertete Aktie ortet, die in weiterer Folge tatsächlich an Wert gewinnt. Ein abstrakter Job in einer abstrakten Stadt, in der sich auffallend viele Gespräche ums Geld drehen. Und die etwas schneller tickt als Europa. Schöppl-Jost hat zuvor in Wien und in Frankfurt gearbeitet. Sie sagt so: "Frankfurt ist deutlich schneller als Wien. Doch Hongkong ist zehn Mal schneller als Frankfurt." Das Schöne an ihrem Beruf beschreibt sie so: "Wenn wir besser performen als die Anderen." Und das Anstrengende: "Man ist nie fertig, denn die Welt dreht sich immer weiter." Zum Ausgleich macht sie im Moment eine Ausbildung zur Pilates-Trainerin. Weil wenn sie ihr Powerhouse (Muskelgruppe im Bauchbereich) zu aktivieren versucht, kann sie nicht gleichzeitig an die Baumwollpreise denken. Und auch die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man sich auf der Matte nicht jedes Mal neu.

Klein-klein

In Hongkong leben nicht nur Milliardäre auf großem Fuß. Sechzig Prozent der Wohnungen werden von der Stadt verwaltet. Doch diese Gemeindewohnungen sind außerordentlich klein. Eine durchschnittliche Familie lebt hier zu viert und manchmal auch zu mehrt auf 30 m² (die chinesische Ein-Kind-Politik gilt in Hongkong nicht). Eigene Küche gibt es nicht, nur den obligatorischen Mikrowellenherd, gegessen wird daher fast jeden Tag in den Küchen der Straße.

Eine Bilderbuch-Karriere

Michael Neugebauer ist ein Bad Goiserer wie er im Buche steht. Und deshalb ziehen auch wir heute die Goiserer an. Und marschieren mit ihm hinauf auf den Peak von Hongkong. Der deutlich macht, dass diese Stadt noch auffallend viel Regenwald nicht angetastet hat. Unser heutiger Wanderführer liebt den Hausberg der Hongkonger. Er ist übrigens einer der erfolgreichsten Buchverleger Österreichs. Die Michael Neugebauer Edition hat in den vergangenen sechs Jahren eine Million Bilderbücher für Kinder verkauft. Weltweit, die Bücher wurden bisher in 33 Sprachen übersetzt. Wichtiger als die Quantität ist dem Oberösterreicher jedoch die Qualität: "Wir machen nur hochwertige Bücher." Die werden in Druckereien in Südchina gedruckt, immer unter seiner Aufsicht. In mancher stillen Stunde, daheim in seiner 27-m²-Wohnung, fehlt dem 60-jährigen Verleger seine Heimat. Und auch sein Jugendfreund, der Hubert von Goisern. "Warum hast du das Paradies verlassen?" Stellt er sich dann selbst die Frage. Und die Antwort, die er sich gibt, beruhigt ihn dann wieder: "Ich bin nicht zum Leben, ich bin zum Arbeiten hier." Er hat es mit dem Buchverlag zuvor auch lange in Österreich versucht: "Chancenlos." Die Auflagen der Behörden hätten ihn erdrückt. So ist er zumindest in Österreich heute mehr ein Im- als ein Exporteur seiner Kinderbücher. Und dennoch darf er in diesem Panoptikum der erfolgreichen Auslandsösterreicher auf keinen Fall fehlen. Denn mit seinem Verlag symbolisiert er auch ein Stück aufgeklärtes Österreich im Ausland.

Bei den Geldmenschen

Schon um sechs Uhr hat es heute den Rudl aus dem Schlaf gerissen. Weil der Zimmer-Nachbar im Renaissance Hong Kong Harbour View Hotel (gar nicht wenige Gäste schauen dort auf einen recht dunklen Hinterhof) mit seinem Geschäftspartner lautstark streitet. Und das geht dann den ganzen Tag so! Beim Frühstück, beim Mittagessen, in der Straßenbahn, auf der Straße sind die meist aufgeschnappten sechs Wörter: "Geld", "Markt", "Kauf", "Verkauf", "Börse" und "Kunde". Wichtig ist auch der Begriff Netzwerk, und das Besitzen einer eigenen Visitkarte. In Hongkong gibt man einem Fremden niemals die Hand, ohne ihm gleichzeitig auch seine Karte aufzuzwingen. Hier wird man auch nicht Freund, weil man sich einfach sympathisch ist, sondern weil man möglicherweise miteinander ein Geschäft machen könnte. Als Pferd hat man es in gewisser Weise besser in Hongkong. Denn wenn sich die Hongkonger für etwas außer Geschäftemachen begeistern können, dann sind es die Pferde. Die schnellen Pferde, wohlgemerkt. Jeden Mittwochabend, also auch heute Abend, tragen selbst die Taxifahrer ihr Erspartes auf den Rennplatz, um dort einmal ordentlich Dampf abzulassen.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.