Welt-Reise, Tag 34 - Japan

Welt-Reise, Tag 34 - Japan © Bild: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Alte Hüte

Ein Satz Briefmarken mit den Lipizzanern drauf, Postkarten von der Kaiserin Sissi, Hüte vom Bad Ischler k. und k. Hoflieferanten Bittner, ein vergoldeter Kronleuchter im Empire Style, Giesswein-Janker, Mozart-Bären, Kuhglocken, Edelweiß-Anstecker und noch einiges mehr, was sich der Japaner an den Hut stecken kann. Unglaublich, wie viel geballte österreichische Nostalgie Helmut Gieb in seinem 15 m² großen Laden im Tokioter Stadtteil Setagaya untergebracht hat. Setagaya ist das Döbling von Tokio - und nicht ganz zufällig Partner des 19. Wiener Gemeindebezirks. Hier wohnen nicht die Ärmsten. Und auch die Kundschaft des 62-jährigen Salzburgers ist als betucht zu bezeichnen. Der Souvenir-Händler und Gründer der Habsburger-Gesellschaft in Japan darf sich auch selbst als Hoflieferant bezeichnen: "Ich habe Ihrer Kaiserlichen Hoheit Prinzessin Hisako Takamado schon mehr als 15 Hüte verkauft." Gieb kam vor vierzig Jahren zum ersten Mal nach Japan. Damals als ein Abenteurer: "Ich war der jüngste Hotel-Portier Österreichs." Als Portier hatte er Geld angespart, um sich einen Traum zu erfüllen. Heute kann man sagen: Er hat das Abenteuer mit sehr gutem Erfolg bestanden. Acht Jahre nach seinem ersten Besuch gründete er in Tokio seine "österreichische Handelsgesellschaft". Und die führt er bis heute. Die Habsburger sind ihm gewiss ein Anliegen. Aber immer in Verbindung zu seinem Geschäft. Und so hat er in seine kleine Gesellschaft nur die betuchtesten Japaner aufgenommen, die man sich vorstellen kann. Multimillionär reicht da noch nicht. "Es müssen auch die charakterlichen Eigenschaften stimmen." Und wenn sich dann einer "um mehrere hunderttausend Euro Möbel aus Österreich bei mir bestellt", dann soll es ihm auch recht sein.

Warum sagt hier niemand was?

Im Namen nicht nur der Republik: Helmut Gieb verkauft Souvenirs aus Österreich in Japan
© Bild: Mario Lang

Die Menge drückt. So sehr, dass am Ende die Türen der U-Bahn nicht mehr auf- und nicht mehr zugehen. Die Menge drückt auch aufs Gemüt. Die Stille der Menschen, ihre ausdruckslosen Gesichter geben zusätzlich Rätsel auf. Was fühlt die junge Frau, die seit elf Stationen einen Mobiltelefon-Roman liest? Hat der Herr neben ihr auch am Vorabend wieder mit seinen Kollegen in der Bar gesoffen? Warum sagt hier niemand etwas? Warum gilt Lächeln in der U-Bahn als unhöflich? Warum wünscht man sich plötzlich heim in ein rollendes Volksfest namens U6? Was müssten wir tun, damit unser Gegenüber endlich einmal aus seiner Haut fährt? Ihm vielleicht sein Kommunikationsgerät aus der Hand nehmen? Gibt es im Japanischen Schimpfwörter? Würde Doris Knecht, wäre sie Japanerin, darüber schreiben, dass die Japanerinnen noch immer eine Weile weniger verdienen als die Japaner? Warum steht hier niemandem auch nur ein einziges Haar zu Berge? Warum tragen alle Männer im Wagon - ausnahmslos alle, außer zwei - Krawatten? Haben alle, die einen Mundschutz tragen, Sprechverbot? Warum sieht man auf den Straßen keine Kinder? Wer hat angeschafft, dass alle Klobrillen in Tokio beheizt werden müssen? Wohin verschwinden all die Autos, nachdem sie ihre Insassen ans Ziel gebracht haben? Was denken sich Japaner über uns? Auch ihren Teil?

Kristallklarer Kurs

Im Namen nicht nur der Republik: Helmut Gieb verkauft Souvenirs aus Österreich in Japan
© Bild: Mario Lang

Der Flagship Store von Swarovski in der Ginza, der bekanntesten Meile von Tokio: Hier zeigt sich kristallklar, in welche Sphären der österreichische Familienbetrieb inzwischen aufgestiegen ist. Sollen die Japaner nur weiterhin glauben, dass die Swarovskis Russen sind. Oder Schweizer. Hauptsache, sie kaufen in der wirklich sehr repräsentativen Kristall-Welt-Filiale weiterhin fleißig Geschmeide ein. So als hätte es nie eine globale Krise des Geldes gegeben. Für den französischen Diplomkaufmann Francis Belin, der seit drei Jahren in Japan ein international aufgestelltes Team führt, zählen sowieso mehr die Fakten. Und die sehen so aus: 2008 - 71 Swarovski-Shops in Japan; 2010 - 95 Shops; 2014 - 150 Shops. "Alleine in den nächsten drei Monaten werden wir elf neue Geschäfte eröffnen." Und wenn er wir meint, dann meint er inzwischen 500, vor Weihnachten sogar 600 Swarovski-Mitarbeiter in Japan. Der junge Franzose lobt die Eigentümer-Familie, muss er vielleicht auch, vielleicht aber auch nicht: "Ich mag es, dass sie langfristig denken und nicht beim ersten Gegenwind von ihrem Kurs abweichen. Sie haben in Japan zum richtigen Zeitpunkt Geld investiert, und damit gewonnen. Ich schätze auch ihre Verlässlichkeit."

Ode an Bösendorfer

Im Namen nicht nur der Republik: Helmut Gieb verkauft Souvenirs aus Österreich in Japan
© Bild: Mario Lang

Es ist ein weiter Weg von der Bösendorfer Klavierfabrik in Wiener Neustadt in den blitzblanken Showroom in Nakano, den die drei Sales Manager von Yamaha mit großem Respekt vor dem österreichischen Namen betreuen. Er wird weitgehend und ausschließlich mit dem Flugzeug überbrückt, denn im Bauch eines Containerschiffs würden die mit viel Fingerspitzengefühl gebauten Flügel schnell ihren besonderen Klang verlieren. Vielleicht erinnert sich noch wer? Vor drei Jahren hat der japanische Musikkonzern Yamaha den traditionsreichen, aber nach Millionenverlusten arg angeschlagenen österreichischen Klavierhersteller von der BAWAG gekauft. Mit einer Garantie, die Zentrale und den Produktionsstandort in Österreich zu erhalten. Damals gab es auch Misstöne. Der Boulevard vermutete den Ausverkauf einer ur-österreichischen Institution. Wie viel Wertschätzung Herr Noriyuki Kon, Herr Takao Tatsukawa und Herr Kenji Enomoto der Tochter aus Österreich entgegen bringen, ließe sich natürlich in Worte fassen. Besser aber mit einer Anekdote beschreiben: Kaum ist die Frage gestellt, ob sich die drei Herrschaften vielleicht für ein Foto um einen Flügel gruppieren möchten, lässt Herr Enomoto mit leuchtenden Augen bereits den Auftakt für eine kleine Sonate erklingen. Ode an den Flügel von Bösendorfer. Fröhlich lässt er seine Finger über die Klaviertasten tanzen, und man merkt sofort, wie sehr er mit diesem Klavier auch persönlich verbunden ist. Im Vorjahr hat Yamaha weltweit rund 200 Bösendorfer-Flügel verkauft, davon 15 in Japan. Das ist nicht so viel, wie man sich vor der Übernahme ausgerechnet, aber besser als man noch während der Wirtschaftskrise befürchtet hat. "Wien ist die Hauptstadt der Musik", sagt am Ende Herr Kon mit dem Brustton der Überzeugung. Und irgendwie ist es besser, er sagt das, als einer dieser unmusikalischen Investoren, die aus Bösendorfer schnell einmal Kleinholz gemacht hätten.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

Erstellt am 05.12.2011