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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 28 - China

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Eine Stadt namens Wuxi

Heute erster Tag in China: Mit dem Flugzeug geht es gleich einmal drei Stunden von Peking die Landkarte hinunter, in die südchinesische Handelsstadt Guangzhou, wo sich auch eine Dependance der Wirtschaftskammer befindet. Aus gutem Grund: Der Süden der Volksrepublik wird zunehmend auch für österreichische Exporteure ein Thema. Schon beim Anflug zeigt die Stadt mit den Wolkenkratzern im Zentrum ihre wahre Größe. Mit mehr als zehn Millionen Einwohnern zählt Guangzhou zu den nicht ganz kleinen Städten in China. Guangzhou? Gwang-schau, oder so ähnlich. So unaussprechlich der Name des Provinzstädtchens für uns Langnasen, den Namen sollten wir uns dennoch merken. Anders verhält es sich da schon mit Wuxi (ausgesprochen: Wuschi, oder so ähnlich). Diesen Namen kann man sich merken. Muss man aber nicht. Das kleine Wutzi-Wuxi in der Nähe von Shanghai ist nämlich nur eine von insgesamt 120 Millionen-Städten in China. Ein Durchlaufposten sozusagen. Zuletzt hat man in Wuxi gerade einmal vier Millionen Wuxi- bzw. Wuschianer gezählt.

China traditionell

Man hat in der Vorbereitung auf die Reise einiges vom modernen China gelesen. Das in allen Wirtschaftssegmenten kräftig wächst. Das den Europäern und Amerikanern mit seinen neuen Autos längst um die Ohren fährt. Das Infrastruktur-Projekte nicht nur auf dem Reißbrett plant, sondern auch wie auf dem Reißbrett umsetzt. In einem Tempo, das auf allen Kontinenten für eine Art Schock-Starre sorgt. Das längst über eine Autobahn und eine Eisenbahn von Peking nach Europa mehr als nur nachdenkt. Und dann der alte Kolonialmarkt von Guangzhou. Hier werden getrocknete Schlangen gegen allerlei Schmerzen, wilde Kräuter für den Tee, knorrige Wurzeln für die Suppe so wie eh und je gehandelt. Die Leute hier sitzen in ihren und vor ihren Läden. Oder sie tragen etwas. Alle tragen etwas. Und sie haben Zeit. Viel Zeit. Es hat nicht den Anschein, als würden sie am Hochgeschwindigkeitschina teilnehmen. Auffallend: Schlag zwölf Uhr sind dann alle beschäftigt. Weil um zwölf wird auch in China traditionell Mittag gegessen.

Bahnhofsoffensive

Wir haben die 3-D-Grafiken vom neuen Wiener Zentralbahnhof gesehen. Ganz lieb. Verglichen mit den chinesischen Provinzbahnhöfen wirkt er jedoch recht mickrig. Zum Beispiel die Bahnhöfe von Guangzhou und Wuhan, die sind vorläufige Endstellen einer Hochgeschwindigkeitsstrecke im Süden von China. Dementsprechend wuchtig wurden sie konzipiert. Wie Terminals von international nicht ganz unbedeutenden Flughäfen. Anders als in Wien-Meidling: Eine Fahrkarte und auch einen Sitzplatz kann man sich nicht einfach auf dem Bahnhof organisieren. Viele Züge sind über mehrere Tage im voraus ausgebucht. Vor den Gates, die hinunter zu den Gleisen führen, bildet sich dann, eine Viertelstunde vor Abfahrt, eine Menschenschlange, ganz ohne Stress. Zehn Minuten vor Abfahrt öffnen sich die Gates. Drei Minuten vor Abfahrt sitzt jede/r Fahrgast auf seinem/ihrem reservierten Sitzplatz. Kleiner Schönheitsfehler: Beide Bahnhöfe erinnern nicht nur an Airports, sie liegen auch ebenso weit außerhalb der Stadt. Womit ein wichtiger Startvorteil der Bahn (der Bahnhof in der Stadtmitte) im Wettrennen gegen die Fliegerei auf der Strecke bleibt.

Ungedämpfter Optimismus

Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. David Schulte geht zügigen Schrittes über den blank geputzten Bahnsteig. Sein Optimismus ist weiterhin ungedämpft. Heute wird er zum ersten Mal mit dem neuen Super-Schnellzug von der Mehr-als-zehn-Millionen-Stadt Guangzhou in die Mehr-als-zehn-Millionen-Stadt Wuhan fahren. Für die 967 km lange Strecke ist eine Fahrzeit von drei Stunden und 16 Minuten anberaumt. Das ist ungefähr so, als würde man von Wien West nach Salzburg unter einer Stunde bleiben. Railjet, auf chinesisch halt. "Diese Strecke war unser erster Großauftrag", erklärt General Manager David Schulte, während am Fenster eine weitere kleine Großstadt vorbeifliegt. Seine Firma, Getzner Werkstoffe aus Bürs bei Bludenz, hat für die 967 km 6,4 Millionen Dämpfungselemente geliefert. Gefertigt wurde die im Getzner-Werk bei Schanghai. "Eine Einheit ist so groß wie eine 300-Gramm-Schokolade. Nur doppelt so dick." Und natürlich nicht schmackhaft. Der "Harmony" erreicht inzwischen seine maximale Geschwindigkeit am heutigen Tag. 350 km/h. Das Erstaunliche dabei: Er rüttelt dabei deutlich weniger als der Südbahn-IC zum Beispiel zwischen Mürzzuschlag und Bruck an der Mur. Dem erfolgreichen jungen Geschäftsmann bleibt Zeit zum Erzählen. Getzner ist eigentlich ein traditionsreicher Textil-Produzent. Liefert heute noch den Stoff für die Desginer-Hemden und -Blusen von Lacoste, Boss und Armani. Doch die Vorarlberger haben sich rechtzeitig ein neues Geschäftsfeld erschlossen: Das Dämpfen aller möglichen Geräusche, auch jener der Eisenbahn. Erreicht wird das mit einem speziellen Kunststoff, dessen Rezeptur natürlich top secret ist. Die knapp 1000 km vergehen weitaus angenehmer als im Flugzeug. Schon bereiten die chinesischen Eisenbahner die nächste Attacke gegen die Fluggesellschaften vor: Mitte Juni soll ein fast 400 km/h schneller Zug die Hauptstadt Peking mit Schanghai verbinden. Fahrzeit: Vier Stunden. David Schulte lehnt sich knapp vor der Ankunft in Wuhan noch einmal entspannt zurück. Er erklärt: "Wir haben auch für diese Strecke geliefert."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.