Meinung | Blogs | In 80 Arbeitstagen um die Welt
05.12.2011

Welt-Reise, Tag 24 - Indien

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Das reale Indien

Heute Ausflug in die Wirklichkeit des indischen Subkontinents. In den Südosten von New Delhi. Aus dem Autofenster kann man das von den Analysten viel gepriesene Wirtschaftswachstum nicht erkennen, jedenfalls nicht mit freiem Auge. Vom Zentrum aus gerechnet, dauert es eine gute Stunde, bis sich die staubige, arg zerzauste indische Hauptstadt endlich ein wenig lichtet, und eine weitere halbe Stunde, bis auch all die lumpigen Vororte durchquert sind. Was aus dem Wagen auszumachen ist, stimmt nicht froh: Ausgehungerte Menschen im Müll, frierende Menschen um ein Feuer, Menschen unter notdürftig aufgespannten Zeltplanen, Hunde, Kühe, Esel, Schweine, Affen, die sich vom Müll der Müllmenschen ernähren, daneben ein schwarzer Fluss, dessen Farbe keine weitere Beschreibung benötigt. Incredible India! Der Slogan der indischen Tourismuswerbung schmeckt hier anders als in den wunderschönen Werbefilmen, die auf den internationalen TV-Kanälen gezeigt werden. Irrsinn Indien! Würde es vielleicht genauer beschreiben. Für die 200 km von New Delhi nach Agra benötigt der erfahrene Fahrer (selbst fahren ist eher nicht anzuraten) mehr als vier Stunden. Auf dem Weg zum Weltkulturerbe, dem Taj Mahal, warten auf die unbedarften Touristen etliche Raststellen, die das Armutspanorama durchbrechen. Die Refugien für Fremde lassen sich leicht ausmachen: Davor wartet zum Beispiel ein bunt angezogener Affe, dessen Lippen zu allem Überdruss auch noch grell angemalt wurden. Oder eine Cobra im Korb, die Schlange ohne Lippenstift. Und dazu auf alle Fälle jemand, der fragt: "You want picture?"

Das Ferne ist oft so nah

Die Kehrseite der farbenprächtigen Dokumentationen, die auf 3sat und ähnlichen erwachsenen Kanälen gezeigt werden: Nie können die schönsten Plätze dieser Erde den schönsten Bildern des Fernsehens gerecht werden. Nie zeigen sie sich im besten Licht, das zuvor die TV-Kamera-Leute eingefangen haben, auf das diese aber auch tage-, wenn nicht wochenlang gewartet haben. Wer sich zu Hause, in der warmen Stube, in die Ferne begibt, muss sich auch nicht in einer langen Schlange vor der Kassa anstellen. Muss auch nicht bis zum Eingang von Taj-Mahal-Land Dutzende selbsternannte Fremdenführer, Souvenirverkäufer, Fotografen, Taxifahrer, Kamel-Kutscher u. v. m. wieder los werden. Muss sich auch nicht von Uniformierten abtasten lassen. Muss vor allem nicht um den Rudl streiten. Unfassbar! Unserem Rudl, himself ein Heiligtum, Patron für alle österreichischen exportierenden Firmen, wollte man den Eintritt zum Kronen-Palast verwehren. Na mehr haben sie nicht gebraucht, die Herren uniformierten Inder. Hamma uns halt ein bisserl auf die Hinterfüße gestellt. Schon war er drinnen, der Rudl. Und hamma ihn natürlich auch fotografiert. Weil wenn hier jeder jeden ablichten darf, warum sollte dann ausgerechnet ein willkürlich verhängtes Rudl-Fotografier-Verbot gelten?

Fahrschulen für die Inder

Auf der Rückfahrt geraten Rudl und Co. in eine übliche New Delhische Rush Hour. Der Stau beginnt bereits 40 km außerhalb der Stadt. Und die Fahrkünste der Inder geben Anlass zur Sorge, sie liegen im internationalen Vergleich ungefähr auf dem Niveau der Nigerianer, die - wie schon zu Beginn unserer Reise erfahren - hinter dem Lenkrad auch nicht unbedingt mit Talent gesegnet sind. Wer hier um sein Leben fürchtet, muss sich dafür nicht genieren. Jeden Tag sterben auf Indiens Straßen 6000 Menschen. Auf der gebührenpflichtigen Autobahn kommen einem auch nach Einbruch der Dunkelheit Radfahrer, Rikscha-Fahrer, große Lkws, Pferdefuhrwerke entgegen. Welche der beiden Fahrbahnen die langsame und welche die schnelle ist, über diese Frage konnte bisher kein Konsens erzielt werden. Die Busfahrer fahren überhaupt so, wie es ihnen gerade gefällt. Während die Lkws gefährlich überladen sind. Nicht jeder Pkw verfügt über Licht. Das in Österreich vergebene Pickerl würde kaum ein Wagen bekommen. Auch schon egal. "Die meisten Autofahrer haben sich den Führerschein gekauft", erzählt unser Fahrer. Genau an dieser Stelle ist die Oberösterreicherin Susanne Ebner vorgeprescht. Sie hat schon vor zwölf Jahren in New Delhi die erste Fahrschule eröffnet. Und dann die ersten Schulungs-Unterlagen in Englisch und Hindi gedruckt. Sie ist mit ihrer Idee in Indien bisher sehr gut gefahren. Inzwischen bildet ihre Firma, die HE India, indische Fahrschullehrer aus, die ihr Wissen wiederum an deren Schüler weitergeben können. Der Schneeball-Effekt ist mehr als ein reines Geschäft, er ist Entwicklungshilfe in Reinkultur. In Indien arbeiten extrem viele Menschen als Chauffeur, Taxi-, Bus- oder Lkw-Fahrer. Jedes Jahr werden mehr als fünf Millionen Autos neu zugelassen. Es gibt also Bedarf, ohne Ende.

"Herzlich willkommen"

Zerknirscht geben wir es hiermit zu: Nach einem Tag im realen Indien kommt man am Abend gerne wieder zurück in den Goldenen Käfig. Ins Diplomatenviertel in Downtown New Delhi, in eines der schönsten Hotels der Stadt, unmittelbar neben dem Wohnsitz des Ministerpräsidenten und der Villa der Frau Ghandi, in ein Zimmer mit Warmwasser, Strom, Internet und noch ganz anderem Luxus. Und man freut sich auch, wenn jemand am Eingang in einer vertrauten Sprache sagt: "Herzlich willkommen!" Peter Leitgeb ist seit sechs Jahren ein anerkannter und gut bezahlter President & Ceo der Claridges Hotels & Resorts. Daher weiß er natürlich auch, dass Gäste aus Europa nach einem Tag im echten Indien irritiert sein können. (Selbst will er ja lieber mit dem Hubschrauber übers Land fliegen. Um sich, tralala & pipapo, die Begegnungen mit der Armut zu ersparen.) Was aber auch ihn anfangs verwundert hat: Dass die unteren sozialen Schichten in Indien keinen Aufstand wagen. Heute hat er eine Erklärung dafür: "Durch den Hinduismus glauben die Menschen, dass sie in ihrem nächsten Leben mit einem Mercedes fahren werden." Die Religion als hilfreicher Partner der Eliten - auch keine ganz schöne Vorstellung. Anderes echauffiert den 58-jährigen Sohn eines österreichischen Beamten: "Es ist die unglaubliche Ignoranz der Österreicher und Deutschen gegenüber Indien." Viel zu lange habe man in seiner alten Heimat den Boom am Subkontinent gar nicht mitbekommen. "Dabei ist seit einigen Jahren klar, dass an der größten Demokratie der Welt kein Weg vorbei führt."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.