Welt-Reise, Tag 22 - Indien

Incredible India (Werbeslogan): Unglaublich ist hier immer noch die Armut
Foto: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure


Das andere Bild

Abu Dhabi - New Delhi: dreieinhalb Stunden mit dem Flugzeug. In der Sitzreihe vor uns stirbt kurz nach dem Start ein alter Mann. Die Betroffenheit der Mitreisenden hält sich in Grenzen, konzentriert sich mehr auf die Schuldfrage. Indien, 1,1 Milliarden Menschen, einer mehr oder weniger? Der Einzelne scheint hier nicht viel zu zählen. Eine düstere Vorahnung. Dennoch vergeht der Nachtflug wie im Flug.

Das Problem ist am Ende auch: Man landet in Indien, ist jedoch noch gar nicht da. Der Körper schon, doch das Hirn läuft noch auf Emirate-Modus: Gestern noch zu jeder Palme eine eigene Wasserleitung, Menschen, die nicht wissen, was sie mit sich und ihrem Geld anfangen sollen, heute Menschen, die nicht wissen, was sie ganz ohne Geld anfangen sollen. Man kennt die dramatischen Bilder von der Armut der Inder. Auch wir bekommen diese Klischees von Anfang an vor unsere Linsen. Zum Einstieg haben wir dennoch ein weniger brutales ausgewählt.

Willkommen in Indien!

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Nicht weit vom neuen Internationalen Flughafen entfernt, in der Satellitenstadt Gurgaon, wartet Klaus Maier auf Neuankömmlinge, auch aus Österreich. Maier holt sie, sofern sie das möchten, noch vor dem ersten Scheitern ab. Schon die unruhige Fahrt vom Airport zu seinem Bürohaus - durch die Schluchten des wild gewachsenen Gurgaons - gibt ihnen ein ungefähres Gefühl, was sie in Indien erwartet.

Der Steirer, dessen Aussprache mehr an Köln denn an Haus im Ennstal erinnert, weiß, was Scheitern in Indien bedeutet. Er arbeitet seit 1995 in einer Welt, in der schon der Ankauf eines Kopiergeräts zum Problem werden kann. Und da reden wir noch nicht einmal von der Gründung einer Firma, der Suche nach einem geeigneten lokalen Partner oder gar der Eröffnung eines eigenen Produktionsstandortes.

"Indien ist ein spannender Markt, aber es ist nicht so, dass man heute ankommt, und morgen sein Glück findet", weiß Maier aus eigener Erfahrung. Er hat in den ersten fünf Jahren viel Lehrgeld bezahlt, als Manager eines westdeutschen Stahlriesen. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er selbstständig. Mit einer bestechenden Idee: Er betreut mit seinen mehr als 500 lokalen Mitarbeitern Exporteure aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. 500 ist eine stolze Zahl, doch der Chef-Berater gibt zu bedenken: "Man braucht in Indien überall seine Helfer." Der Erfolg gibt ihm inzwischen Recht. Seit 2004 kann er seinen Umsatz jedes Jahr weiter verdoppeln. Inzwischen arbeitet er mit 60 Firmen regelmäßig zusammen, darunter auch Trodat und Geoconsult.

"Es wird immer gefeilscht"

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Bereits angekommen in Indien ist der Grazer Motoren-Hersteller AVL. Das größte Werk der AVL India (mit 250 Mitarbeitern) befindet sich ebenfalls in Boomtown Gurgaon. Die Entwicklungsabteilung wird von einem erfahrenen Grazer Techniker geleitet. Markus Feichtner hat an der Technischen Universität in Graz studiert und unterrichtet, ehe er dem Ruf ins Ausland gefolgt ist. Er hat sich auch in Taiwan und in Indonesien mit der Entwicklung von Motoren beschäftigt. Vor elf Jahren kam er dann nach Indien.

Feichtners Arbeitgeber ist seit mehr als 25 Jahren im Land. AVL gilt heute als ein verlässlicher Partner der großen indischen Zweirad- und Automobilhersteller. Auch fertige Pakete für neue Lkw- und Traktor-Motoren werden von den Österreichern gerne gekauft. Die Zeitspanne von der Erstberatung bis zur Serienreife gibt der Ingenieur mit drei Jahren an. Indien gilt als ein äußerst preissensitiver Markt. Der Grazer Motorenbauer kann dies bestätigen, in den Gesprächen mit den hiesigen Kunden dreht sich vieles um den Preis: "So günstig können wir gar nicht anbieten, es wird immer gefeilscht."

Zigarettenpapier für Indien

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The Ashoc Hotel, New Delhi, Diplomatic Enclave, 50-B. In diesem Hotel haben nur Leute aus der Kaste "ausreichend Vermögen" Zutritt. Und dazu gehören auch die 19 Rotarier, die heute Abend zusammen gekommen sind. Ihr Vorsitzender, Pratab Burman, erklärt gleich zur Begrüßung, was ihm an den Österreichern gefällt: "Dass man mit ihnen so herzlich lachen kann." Burman arbeitet seit dem Jahr 1982 mit Firmen aus der Alpenrepublik, zuvor hat er einen Teil seiner Ausbildung im Norden von Deutschland (Braunschweig, Niedersachsen) über sich ergehen lassen. Der Vergleich macht den Geschäftsmann sicher: "In Österreich kann ich so sein, wie ich bin. Bei den Deutschen muss ich so tun, als wäre ich ein anderer."

Burman ist mit der Tann-Gruppe und mit Wattenspapier gut im Geschäft. Er war der erste Inder, der Zigarettenpapier aus Europa importiert hat. Heute bringt er pro Jahr 60 Container Zigarettenpapier und 40 Container Mundstück-Belagspapier nach Indien. Und das trotz starker Konkurrenz im eigenen Land. Im Mai will der Österreich-Fan mit seinen Rotariern nach Europa kommen, um ihnen in acht Tagen das Land zwischen Bregenz und Wien näher zu bringen. Stolz sagt er: "Auch meine Kinder lieben Österreich. Sie haben mir sogar den Vorwurf gemacht, dass ich nicht als Österreicher zur Welt gekommen bin."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium.

Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

(kurier) Erstellt am
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