Meinung | Blogs | In 80 Arbeitstagen um die Welt
05.12.2011

Welt-Reise, Tag 18 - Türkei

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteur

Sein Lebenswerk

Franz Kangler steht auf der wundervollen Terrasse und genießt wieder einmal den grandiosen Rundblick. Vor sich hat er das Goldene Horn, dahinter die großen Istanbuler Moscheen, linker Hand den Bosporus und das asiatische Istanbul. Und wenn er sich noch ein Stück weiter dreht, hat er von hier heroben freie Sicht auf den alten Galata-Turm. Der 60-jährige Grazer Priester ist eigentlich schon in Pension. Doch so leicht lässt ihn Istanbul nicht ziehen. Seit 33 Jahren lebt er im und für das Sankt-Georgs-Kolleg. 33 Jahrgänge hoffnungsvoller Schüler und Schülerinnen hat er durch diese traditionsreiche Institution gehen gesehen. Von vielen weiß er, was nach der Matura aus ihnen geworden ist. Stolz ist er vor allem auf jene Absolventen, die der privaten türkisch-österreichischen Kaderschmiede (ein Schuljahr kostet hier umgerechnet 7000 €) später alle Ehre erwiesen haben. Seit 1882 versteht sich das Kolleg des Heiligen Georg als geistiger Brückenschlag am Bosporus, als ein Vermittler zwischen Orient und Okzident. "Die Schule ist zu meiner Lebensaufgabe geworden", erklärt Kangler. Er ist somit auch eine Art Exportleiter für eine friedfertige österreichische Idee. Vor einigen Monaten ist er einen Schritt zurück getreten. Hat die Direktion für einen anderen erfahrenen Pädagogen frei gemacht. Immerhin bleibt Kanglers Erfahrung bis auf Weiteres dem Kolleg erhalten. Als Vertreter des Schulerhalters, das ist der Orden der Lazaristen, dem er seit seiner Studienzeit angehört, hat er jetzt auch mehr Zeit, um die traditionell guten Kontakte zur islamischen Welt weiter zu intensivieren. Außerdem hilft er bei der Suche österreichischer Lehrer, die in Istanbul eine Zeitlang arbeiten möchten. Dringend gesucht werden im Moment übrigens: Chemiker, Mathematiker sowie Lehrer für die Handelsfächer.

Die Türkei den Türken

"Es darf hier kein neuer Eiserner Vorhang entstehen", betont Schulleiter Kangler zum Abschied. Seine sozialpolitische Analyse gibt Anlass zur Sorge. Auf der einen Seite werden Schulabgänger, denen man aufgrund ihres ausgezeichneten Schulerfolgs ein Stipendium in Österreich gewährt, von den Behörden in Wien regelrecht schikaniert ("Schade, dass in Österreich so kleinkariert gedacht wird"), auf der anderen Seite fürchtet er einen neu aufkommenden Nationalismus in der Türkei. Weniger als die religiös motivierte Regierungspartei fürchtet Kangler die Militärs im Land, die schon öfters die Macht an sich gerissen haben. Im Namen von Kemal Atatürk. Über den sollte man übrigens im Small talk mit türkischen Gastgebern besser nicht spotten. Auch wenn man seinen Heiligen-Bilder ähnlichen Abbildungen und Skulpturen alle 500 Meter auf der Straße begegnet. Der ist nicht Folklore. Weder in Istanbul noch in Ankara. Den sehen viele Türken als ihren nationalen Über-Vater. In diesem Sinne klärt auch eine große türkische Tageszeitung ihre Leserschaft jeden Tag aufs Neue auf Seite 1 auf: "Die Türkei den Türken."

Blind Melone - alles dreht sich

360 Istanbul. Für die Neue Zürcher Zeitung eines der elegantesten Dächer dieser Stadt. Für die New York Times ein legendäres, für das deutsche Geo-Magazin ein spektakuläres Club-Restaurant. Für das US-Magazin Newsweek ein Teil vom hippen Istanbul. Und für uns? Ein wunderbarer Ausklang des 18. Arbeitstags. Ungewollt auch eine Anspielung auf unsere Reise. 360 Grad heißt wohl auch: Ein Mal rund um den Erdmittelpunkt, ein Mal rund um die Welt. Auf der Terrasse des angesagten Club-Restaurants liegt einem das abendliche Istanbul zu Füßen. Beleuchtete Schiffe auf dem Bosporus, zum Greifen nahe Asien, rechter Hand die Dächer des alten Genueser-Viertels mit dem Galata-Turm. Knapp 20 Grad Außentemperatur. Windstill. Hier lässt es sich schon aushalten! Drinnen: Internationale Club-Atmosphäre. Internationales Publikum. Ausgewähltes auf dem Teller. Ausgeklügelt auch die Drinks. Prickelnd das Design der türkischen Mineralwasser-Flaschen. Zwischendurch Show-Einlagen eines Jongleurs. Flippiges Detail am Rande: Die leise dahinschmelzenden Eiswürferln im Urinal. Schon winkt uns der sympathische Herr im weißen Sakko mit der Dschingis-Khan-Frisur näher. Sasha Anton Khan ist einer der vier Inhaber des 360 Istanbul. Seine Mutter ist Wienerin, sein Vater Afghane. Er ist in London zur Schule gegangen, hat in der Hotelfachhochschule am Semmering sein Handwerk gelernt, dann in Las Vegas, bei Do & Co in Wien und in Istanbul gejobbt, in Istanbul als DJ und Radiomoderator. Gemeinsam mit einem Schulfreund aus Londoner Tagen, einem Architekten, hat Khan das gemacht, wozu Wirtschaftstheoretiker anraten: Sie haben in der Krise investiert und mit dem 360 einen neuen Trend gesetzt. Heute, im Jahr 4, hält ihre Firma bei mehr als 50 Angestellten. Ersten Dependancen in der Türkei, und einigen Anfragen aus anderen Städten. Gewiss könnte man jetzt auch noch über das gute Niveau der österreichischen Gastronomie-Ausbildung schreiben. Doch wir schließen den Blog-Eintrag heute ausnahmsweise früher. Und genehmigen uns noch einen Blind Melon (Vodka mit Melone, Minze und gestoßenem Eis). Nur einen, versteht sich, denn jeder hier weiß: Zu viel Melone macht blind in der Birne.

Schatten am Bosporus

Der schöne Schein im schönen Club kann trügen. Eine Germanistin aus Österreich erzählt: Es gibt Studenten an der Universität in Istanbul, die können sich das Mittagessen in der Mensa nicht leisten. Ein Mittagessen kostet dort weniger als ein Vodka: 90 Cent. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, stößt auch anderswo auf reale Armutsphänomene. Mögen die Wirtschaftsdaten der Türkei brillant, mag auch die Wachstumseuphorie im Land groß sein, die Mehrheit der Türken hat vom wirtschaftlichen Aufschwung bisher nur mäßig profitiert. Die Kebabs in den Straßenlokalen kosten auch nicht weniger als jene in Wien. Dabei verdienen viele Türken weniger als die Hälfte eines österreichischen Durchschnitts-Gehalts. Unterstützung kommt oft von der Großfamilie. Was umgekehrt bedeutet: Wer besser verdient, muss mit Brüdern und Schwestern teilen. Gleichzeitig floriert die Schattenwirtschaft. Schatten unten am Bosporus. Am Ende eines langen Tages meint ein Welt reisender Fotoreporter nachdenklich: "Andere sind stolz darauf, dass sie Österreicher sind. Ich bin einfach nur dankbar."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.