Welt-Reise, Tag 16 - Türkei

Welt-Reise, Tag 16 - Türkei © Bild: Mario Lang

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteur

Arsenal, Manchester, Besiktas

Beim Barte des Professionals! Der junge Herr Bayan und seine emsigen Mitarbeiter machen an einem Werktag gut und gerne 350 Bärte weg. Bei umgerechnet fünf Euro pro Bart kann man sich ausrechnen, dass der Inhaber des Bayan Kuaförü in Mecidiyeköy, einem alten Stadtviertel im europäischen Teil von Istanbul, eine Stange Geld verdient. Einer der Wartenden, er stellt sich vor als Stammgast, erzählt hinter vorgehaltener Hand: "Er fährt einen dicken BMW." Man muss nicht Türkisch gelernt haben, um zu verstehen, was die jungen Bart-Abschneider im Moment am meisten beschäftigt. Die Schlüsselwörter ihrer Diskussion: Arsenal London, Manchester United, Liverpool, Chelsea. Und natürlich Besiktas. Auf wen soll man im Wettbüro sein Geld setzen? Theoretisieren sie nicht über Fußball, reden sie schön von den Frauen. Der Barbier ist noch ein richtiges Rückzugsgebiet für Männer. Und ein Wellness-Ressort für alle Gestressten: 20 Minuten dauert eine Rasur. Zeit genug, um seine Batterien neu aufzuladen.

Eine Liebe am Bosporus

Auch Weltreisende müssen da und dort Haare lassen
© Bild: Mario Lang

Die schönbrunnergelbe Villa im Stadtteil Moda, der vom Nachbarbezirk Fenerbahce zum Marmara-Meer sanft abfällt, fällt sofort auf. Die Villa im Häusermeer von Moda ist heute das letzte verbliebene Zitat aus der - salopp formuliert - Orhan-Pamuk-Zeit. Der international erfolgreiche Schriftsteller hat zwar seine Erzählungen über das alte Istanbul im europäischen Teil der Stadt angesiedelt, parallel lässt sich aber auch hier ein mondänes Flair erahnen. Ein Angestellter öffnet die repräsentative Eingangstür. Dahinter wartet Dr. Kenan Magripli. Er begrüßt die Gäste aus Österreich freundlich, bittet sie sodann in den Salon, macht dort mit seiner Frau, Sylvia Magripli, bekannt. Ein Foto sagt mehr als tausend Worte: Vor mehr als 25 Jahren hat das Paar in Istanbul geheiratet. Er, der Doktor der Rechtswissenschaften und Absolvent der Hochschule für Welthandel. Sie, die bildhübsche wie unerschrockene Wienerin an seiner Seite. Nicht nur durch ihre Hochzeit am Bosporus haben die Beiden die Beziehungen zwischen Österreich und der Türkei intensiviert. Der Alt-Istanbuler Kenan Magripli ist auch ein Pionier des fremden Verkehrs: Er hat die ersten österreichischen Reisegruppen, damals noch Bildungs- und nicht All-inklusive-Touristen, durch seine Stadt und auch durch Anatolien geführt. Er hat dann mitgeholfen, für die Türkei-Urlauber eine Luftbrücke zwischen Wien und Istanbul und ferner nach Antalya aufzubauen. Im Jahr 1992 eröffnete er das erste türkisch-österreichische Joint-Venture-Hotel in Ephesos. Heute beschäftigt er in seinen zwölf Hotels an der türkischen Riviera während der Hochsaison mehr als 2000 Mitarbeiter. "Darunter auch einige gut qualifizierte Mitarbeiter, die in Österreich aufgewachsen sind." Die Frage, ob er sich selbst als Botschafter am Bosporus sieht, erwidert er mit seinen drei Lieblingswörtern: "Schauen Sie mal." Faktum ist, dass er aus Liebe zu seiner Sylvia, die österreichische Bürgermeister bei einer Hoteleröffnung in Bodrum schon einmal als Prinzessin besungen haben, auf eine diplomatische Karriere verzichtet hat. Faktum ist auch, dass man ihm, dem Türken, vor zwei Jahren das Goldene Ehrenzeichen für besondere Verdienste um die Republik Österreich verliehen hat.

Ein Pferd wird kommen!

Auch Weltreisende müssen da und dort Haare lassen
© Bild: Mario Lang

Im Moment der Aufnahme freut sich unser Rudl, wieder festen Boden unter den Hufen zu spüren. Er hat die Fähre von Kadiköy nach Eminönü genommen, vom asiatischen Hafen nach Europa. Die zwanzigminütige Schiffspassage kostet 1,75 türkische Lira, rund 90 Cent, und bietet einen herrlich ungeschminkten Ausblick auf eine Stadt, die ohne Übertreibung zu den schönsten urbanen Flecken dieser Welt gezählt werden darf. Nicht mehr lange, dann wird der Ausblick auf dem Deck mehrheitlich den Touristen vorbehalten sein. In wenigen Monaten soll ein moderner Eisenbahntunnel die beiden durch das Meer getrennten Stadtteile verbinden. Um die Autobrücken zu entlasten und den Schiffsreedern Konkurrenz zu machen. Wenn es überhaupt noch einen Beleg für Exporteure benötigt, hier wird er vollbracht: Die Türkei kleckert nicht, sie baut in großen Zügen. Österreichisches Ingenieurswissen ist dabei, wie allseits versichert wird, sehr gefragt.

"Vergessen Sie die Religion!"

Auch Weltreisende müssen da und dort Haare lassen
© Bild: Mario Lang

Frohes neues Jahr! In der Istiklal Caddesi, der Flaniermeile von Istanbul. Die belebte Straße führt vom alten Stadtteil Galata zum Taksim-Platz hinauf. Und sie wirft für Flaneure einige Fragen auf: Warum müssen sich die Fußgängerzonen dieser Welt immer ähnlicher werden? Warum müssen die eingesessenen Betriebe früher oder später Starbucks und Co. Platz machen? Warum wird in den Lokalen nur mehr Carlsberg und anderes Konzernbier gezapft? Warum macht einen auch die Musik aus den Lautsprechern nicht mehr sicher, ob man in New York oder am Bosporus sitzt? Die Antwort gibt ein in Istanbul erfolgreich tätiger österreichischer Geschäftsmann: "Vergessen Sie die Religion! Heute geht es auch nicht mehr um die Bewahrung von Authentizität, heute geht es einzig ums Business." Abu Dhabi, ab Mitte der Woche nächste Station dieser Weltreise, lässt schon einmal grüßen.

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.

Erstellt am 05.12.2011