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05.12.2011

Welt-Reise, Tag 12 - Türkei

Zwei KURIER-Reporter reisen in 80 Arbeitstagen um die Welt. Und berichten von unterwegs über erfolgreiche österreichische Exporteure

Ankara ist anders

Ankara straft unsere Klischeebilder Lügen. Von Anfang an. Schon bei der Fahrt vom Flughafen zum Hotel fällt auf: Ankara ist eine modern ausgebaute, aufgeräumte, gepflegte Vier-Millionen-Metropole. Gut, man hat nicht erwartet, dass hier die Wilden hausen. Man hat auch gehört, dass in der türkischen Hauptstadt überdurchschnittlich viele Beamten leben. Gut leben. Doch wer hätte dieser Stadt so viel Anmut zugetraut? Ankara (früher einmal Angora) wurde auf einer Hochebene im Zentrum Anatoliens gegründet. Die Stadt erstreckt sich heute auf mehreren Hügeln. So weit das Auge reicht bzw. so weit es die Berge rundum zulassen. Die Straßen von Ankara erinnern an die Straßen von San Francisco. Hier geht es bergab, dort wieder steil bergauf. Auf den Straßen liegt kein Papierl. Und schon gar kein Hundedreck. Anderes Ankara! Die Bewohner von Ankara sagen halb im Scherz: "In Istanbul werden die Probleme verursacht, in Ankara werden sie gelöst." Manch einer wundert sich auch, dass die ausländischen Investoren meist nicht über den Bosporus hinaus kommen. Denn es sei ratsam, lautet der Tipp, auch dort vertreten zu sein, wo die Entscheidungen für das große, noch immer zentral regierte Land fallen.

Nicht Afghanistan

Auch Staranwälte in Ankara sind anders. Adnan Zengin und Fettulah Gündüz zum Beispiel sind frei von Allüren. Die beiden Juristen sind wirklich sehr gut im Geschäft. Sie zahlen den höchsten Steuersatz, den Anwälte in der Türkei zahlen können. Dennoch nehmen sie sich in ihrer Kanzlei gerne die Zeit, um gemeinsam mit ihrer Sekretärin für ihre Gäste ein schmackhaftes Frühstück auf den Couchtisch zu zaubern. Zengin und Gündüz haben auch schon mehrere österreichische Firmen beraten. Ihr Befund ist freundlich, aber wenig schmeichelhaft: "Wir müssen ihnen leider immer wieder zu verstehen geben, dass wir hier nicht in Afghanistan sind." Der eine oder andere Österreicher wollte sich schon bei der kleinsten Kleinigkeit beim Staatspräsidenten beschweren. Die Anwälte konnten gerade noch Schlimmeres verhindern. Andere haben mit ihrem Poltern schon bei der Anbahnung eines Geschäfts viel Porzellan zerschlagen. So wie man sich das in unterentwickelten Ländern zur Gewohnheit gemacht hat. Wie man jedoch in der Türkei nur selten ins Geschäft kommt. Die oft vernommene Skepsis gegenüber der Türkei ist für die beiden Berater schwer nachvollziehbar. Und dabei meinen sie nicht einmal die Angstmacher in Österreich, von denen sie natürlich gehört haben, sondern die Reserviertheit, die ihrem Land vonseiten der Exporteure entgegen gebracht wird. Ohne Zweifel, weiß Jurist Zengin, verlaufen öffentliche Ausschreibungen in der Türkei anders als in Österreich. Doch das bedeutet nicht, dass sie weniger transparent sind. Den größten Unterschied legt Kollege Gündüz nicht arrogant, sondern an den Fakten orientiert so dar: "Wo es in Österreich um Millionen geht, geht es bei uns um Milliarden."

"Naiv sind sie schon"

Nix Kopftuch und so! (Frauen mit Kopftüchern sieht man im öffentlichen Leben der türkischen Hauptstadt nicht nicht, aber halt auch nicht sehr oft.) Arzu Oguz sitzt nach dem Training entspannt in der Lobby eines vornehmen Fitnesscenters. Sie ist ebenfalls Anwältin. Die Vertrauensanwältin der Österreichischen Botschaft in Ankara. Hat auch schon mehrere Firmen vor Ungemach bewahrt. Aktuell versucht sie einem bekannten Markenartikler zu seinem Recht zu verhelfen. Es geht um eine durchaus erkennbare Wettbewerbsbenachteiligung, die einen durchschlagenden Erfolg deutlich erschwert. Oguz ist als Anwältin zur Verschwiegenheit verpflichtet, doch eines traut sie sich über die österreichischen Firmen schon sagen: "Naiv sind sie schon." Kaum hat man als Österreicher diesen Satz vernommen, gerät das austrozentrische Weltbild in Ankara erneut ins Wanken. Wie sie sich so als Anwältin in Ankara tut, ist man geneigt zu fragen. Als einzige Frau und so. Gar nicht schlecht, kommt die Antwort postwendend zurück. Immerhin sind ja die meisten Rechtsanwälte in Ankara Frauen. Ganz im Gegensatz zu Österreich und Deutschland. Oguz weiß, wovon sie spricht. Die Professorin, die an der Universität in Ankara europäisches Vertragsrecht unterrichtet, hat in München studiert.

Rund um Hermagor …

... leben 72,6 Millionen Türken. Konstantin Bekos, seit September 2010 Österreichs Handelsdelegierter in Ankara, hat einen Slogan der Wirtschaftskammer, der den Unternehmen das Exportgeschäft schmackhaft machen soll, leicht abgewandelt. Um speziell auf den nahe gelegenen türkischen Markt hinzuweisen. Bekos zeigt sich von der Aufbruchstimmung im Land beeindruckt. Die Wirtschaft wächst derzeit mit sechs bis sieben Prozent, Inflation und Arbeitslosenrate sind auf einem Rekordtief, ein Riese, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten erwacht. Beeindruckend für Bekos ist auch der Aufschwung in den anatolischen Tigerstädten, von denen zuletzt sogar in österreichischen Medien zu lesen war. Unverständlich ist für den Vertreter der österreichischen Wirtschaft das teilweise Desinteresse seiner Landsleute an der Türkei: "Dieses Land hat enormes Potenzial. Und Österreichs Betriebe haben hier einen echten Startvorteil." Dabei meint er naturgemäß nicht die Türken-Hetze, die in Wien und Umgebung ausufert, sondern viel mehr das weitgehend ungenützte Know-how der türkischsprachigen Minderheit in Österreich: "Die jungen Leute sind ein passender Schlüssel zu einem dynamischen, für österreichische Produkte und Dienstleistungen extrem aufnahmebereiten Markt."

Dieser Blog erscheint redaktionell unabhängig in Kooperation mit der Außenwirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich sowie mit dem Wirtschaftsministerium. Die Export-Offensive go-international soll österreichische Unternehmen zu geschäftlichen Aktivitäten im Ausland motivieren und dabei unterstützen.