über sein persönliches Mauererlebnis
11/07/2014

Die Mauer fiel ein zweites Mal

von Oliver Scheiber

Da wurde mir bewusst, dass ich auf dem ehemaligen Todesstreifen stehe.

Mag. Oliver Scheiber | über sein persönliches Mauererlebnis

Als die Mauer fiel, saß ich gebannt vor dem Fernseher und sah glückliche Ossis, die erstmals jubelnd in den Westen spazierten und von den Wessis ebenfalls mit Jubel und Sekt begrüßt wurden. Es war ein großes Thema. Ich war 18, politisch hoch interessiert - ein klassischer 1980er-Jahre Teen auf dem sozialromantischen Linkstrip. Als die Mauer fiel, diskutierten wir auch in der Familie darüber. Mein Vater erzählte, wie er 1968 als 18-jähriger Grundwehrdiener ins Waldviertel verlegt wurde, um die Grenze zu schützen. In der ČSSR waren gerade die Sowjettruppen einmarschiert und walzten mit ihren Panzern den Prager Frühling nieder. Den jungen österreichischen Soldaten wurde damals eingebläut: "Zwei Wochen können wir die Russen aufhalten." Als die Mauer fiel, dachte ich mir, so etwas wie mein Vater muss ich jetzt sicher nicht mehr erleben - obwohl mir damals schon klar war, dass ich Zivildienst machen werde.

Mein persönliches Mauererlebnis war allerdings erst fast ein Jahr später. Ich war mit zwei Freunden auf Interrail und wir hatten uns Karten für The Wall in Berlin organisiert. Da stand ich dann also, auf dem Potsdamer Platz, umgeben von Hunderttausenden Leuten. Zu diesem Zeitpunkt, im Juli 1990, war der Platz eine große leere Gstettn. Als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich mich auf dem ehemaligen Todesstreifen befand, bekam ich eine Gänsehaut. Erstens wegen des Konzerts, das großartig war und zweitens wegen der Vorstellung, dass hier, wo ich jetzt stehe, noch vor kurzer Zeit auf Menschen geschossen wurde. Als dann The Wall unter den Klängen von Roger Waters und hunderttausenden "Tear down the Wall"-Gesängen am Potsdamer Platz ein zweites Mal fiel, war mir klar: Die Mauer ist jetzt wirklich weg.