Wer Kindern Schlösser baut...

Die Wilhelminenberg-Kommission war auf Lokalaugenschein im alten Kinderheim. Auch Erzieherinnen und ein ehemaliges Heimkind waren dabei.
Georg Hönigsberger

Georg Hönigsberger

Wer Kindern Schlösser baut, reißt Kerkermauern nieder." Dieser Ausspruch des SPÖ-Sozialreformers Julius Tandler prangt auf einer Marmortafel im Eingangsbereich des Schlosses Wilhelminenberg in Wien. Ein Schlag ins Gesicht für ehemalige Heimkinder, die dort bis in die 1970er-Jahre misshandelt wurden. Seit kurzem ist die Tafel mit roten Stoff verhüllt. Kein Wort ist mehr von Schloss und Kerker zu lesen.

Auch wenn es nur ein kleiner Schritt ist, ist es doch eine der ersten Auswirkungen der Tätigkeit der Wilhelminenberg-Kommission unter Barbara Helige. Vor einigen Tagen traf sich die Kommission, darunter Helige und der Historiker Michael John mit ihren Mitarbeitern im Schloss Wilhelminenberg zu einem ersten Lokalaugenschein. Auch drei ehemalige Erzieherinnen aus den 60er- und 70er-Jahren waren mit dabei. Kurzfristig wurde auch ein ehemaliges Heimkind zur Tatort-Besichtigung eingeladen.

Die große Feststiege, die Kinder nur benützen durften, wenn sie von ihren Eltern abgeholt wurden, die Lage der neun Gruppen, die Gestaltung der damaligen Zimmer, die heute nicht mehr existierenden Duschen im Keller, die Lage des Filmvorführraumes und die Beschaffenheit der Krankenstation: All das war Thema der Begehung. "Wir sehen das als zusätzliche Erkenntnisquelle", sagt Barbara Helige zum KURIER. Die Richterin will auf keine Details eingehen, meint aber, der Lokalaugenschein sei "sehr fruchtbringend" gewesen. "Wir haben uns selbst ein Bild machen können."

Erinnerungen kollidierten. Während das ehemalige Heimkind von "einmal Duschen in sieben oder zehn Tagen" sprach (jedes zweite Mal mit Haarewaschen), glauben die Erzieherinnen, täglich mit den Mädchen im Duschraum gewesen zu sein. Die Aufarbeitung der Geschehnisse am Wilhelminenberg und den anderen Heimen wird noch viel Zeit beanspruchen.

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