SaveTheArctic: Aktivistin spricht über ihre Festnahme

Zuerst selbst angekettet, dann in Handschellen abgeführt: Jasmin Karer beim Protest in Bulgarien am 26. September 2013.
Serien-Start. Insider antworten mit Gastblogs auf eine aktuelle Frage. Diesmal: Gazprom vs. Greenpeace. Die einen wollen das Öl, die anderen das Eis. Aus der Sicht der Umweltschützerin Jasmin Karer.
Stefan Hofer

Stefan Hofer

Angekettet an eine Gazprom-Zapfsäule in Bulgarien

von Mag. Stefan Hofer

über den "SaveTheArctic"-Protest

Frage: "Eine Österreicherin kettet sich in Bulgarien an eine russische Tankstelle, um gegen die Zerstörung der Arktis zu protestieren - und wird festgenommen. Glauben Sie denn ernsthaft, dass sich mit Ihrem Einsatz Ölbohrungen in der Arktis aufhalten lassen, Frau Karer?"

Karer: Ja, ich glaube daran! Daran, dass wir dieses einzigartige Ökosystem vor der Ausbeutung bewahren können und müssen. Durch die Klimaveränderung, die in den Polargebieten und insbesondere am Nordpol besonders stark zu spüren ist, schmilzt den Eisbären sprichwörtlich das Eis unter den Füßen weg. Große Öl- und Gaskonzerne wie Gazprom wittern ihre Chance, durch den Rückgang des Eises, nach Öl bohren zu können. Nicht, weil es dort so leicht oder billig ist, das Öl zu fördern, sondern weil es sonst kaum noch etwas gibt. Im Jahr 2014 will Gazprom erstmals in der Arktis nach Öl bohren. Die Risiken liegen auf der Hand und ein ökologisches Desaster wäre im Falle eines Unfalls wohl die Folge. Darum haben 30 AktivistInnen in der Arktis gegen die Ölbohrpläne von Gazprom protestiert.

Gazprom expandiert nicht nur in die Arktis, sondern auch in Osteuropa. Der Öl- und Gaskonzern hat Bulgarien als wichtigsten Markt für seine Expansion in Europa erkannt und will dort bis Ende 2013 bereits 40 Tankstellen eröffnen.

Und deshalb war ich vor zwei Wochen an der ersten und bisher einzigen Gazprom-Tankstelle in Bulgarien, in der Stadt Blagoevgrad – angekettet an eine Zapfsäule, mit einem Transparent „Gazprom = arctic destruction“. Greenpeace hat auch dort gegen die Pläne von Gazprom protestiert.

SaveTheArctic: Aktivistin spricht über ihre Festnahme

Die Tankstellen-Security war schnell vor Ort. Der folgten die Polizei und die Feuerwehr, um unsere Ketten zu durchschneiden. In Handschellen wurden wir zur Polizeistation gebracht und in Gewahrsam genommen. Ich war natürlich gespannt, wie die bulgarische Polizei auf eine der ersten Greenpeace-Aktionen im Lande reagieren würde. Schließlich wurden in Russland gerade 30 Menschen wegen einer friedlichen Protestaktion gegen das gleiche Unternehmen in Untersuchungshaft genommen. Doch die PolizistInnen waren nett zu uns und zeigten Interesse an unserem Protest. Am nächsten Tag folgte die Anhörung vor Gericht, mit dem erfreulichen Ergebnis, dass wir keine weiteren rechtlichen Konsequenzen zu erwarten haben. Denn die Richterin argumentierte, dass unsere Aktion nicht gefährlich, sondern wichtig für die Gesellschaft und unsere Blockade von globaler Bedeutung war. Ich glaube, dass die Richterin es auch gut fand, dass wir die Bevölkerung wachrütteln.

SaveTheArctic: Aktivistin spricht über ihre Festnahme

Wir haben nicht nur gegen die Ölbohrpläne von Gazprom demonstriert, sondern auch, um die 30 AktivistInnen, die sich in Murmansk in Untersuchungshaft befinden und mittlerweile wegen bandenmäßiger Piraterie angeklagt worden sind, moralisch zu unterstützen. In Gedanken bin ich nämlich, wie so viele andere, die bereits ihre Solidarität ausgesprochen haben, bei den Arctic30 und ich hoffe sehr, dass die UmweltschützerInnen der Arctic Sunrise bald frei gelassen werden. Denn der friedliche Protest gegen Umweltzerstörung ist kein Verbrechen!

Zur Person

Jasmin Karer schrieb mit 12 ihren ersten Brief an Greenpeace, studierte Geographie und Regionalwissenschaften in Wien und arbeitet seit zehn Jahren bei Greenpeace.

Die Ausgangslage Umweltschützer kämpfen seit langem gegen Bohraktivitäten in der Arktis und fordern ein Schutzgebiet am Nordpol, in dem Ölbohrungen und industrielle Fischerei verboten sind. Vier Millionen Menschen haben eine entsprechende Online-Petition, die unter dem Motto "Save The Arctic" läuft, bis dato unterschrieben.

Im aktuellen Fall geht es um das Vorhaben des Gaskonzerns Gazprom, im arktischen Gewässer nach Öl zu bohren. Die Ölkonzerne seien Profiteure des Klimawandels, nachdem das schmelzende Packeis den Zugang zu den Rohstoffen erleichtere, so Greenpeace. Doch die Risiken und Folgen einer Ölförderung für Flora und Fauna würden verschwiegen, die Energiekonzerne hätten keinen Plan B für den Fall einer Ölpest in der sensiblen Region, in der Eisbären, Walrosse und seltene Vogelarten leben. Die Naturschützer fühlen sich durch die Havarien von zwei Shell-Bohrschiffen in der Arktis im Jahr 2012 bestätigt.

Der Vorfall Mitte September versuchen Aktivisten, die russische Ölplattform "Priraslomnaja" in der Petschorasee zu entern, um nach eigenen Angaben ein Transparent anzubringen, werden aber von Sicherheitskräften gestoppt. Russische Sicherheitskräfte entern daraufhin ihrerseits die "Arctic Sunrise" und schleppen das Schiff in den Hafen von Murmansk. Die Besatzung der "Arctic Sunrise" - 30 Umweltschützer aus 18 Ländern - wird festgenommen und von der russischen Justiz wegen "bandenmäßiger Piraterie" angeklagt. Bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu 15 Jahre Haft.

Ende September blockiert die 30-jährige Jasmin Karer bei einer Protestaktion gegen die Ölbohrpläne gemeinsam mit fünf anderen Personen eine Gazprom-Tankstelle nahe der Stadt Blagoevgrad in Bulgarien und forderte die Freilassung ihrer in Russland inhaftierten Mitstreiter. Auch sie werden festgenommen, aber am nächsten Tag freigesprochen.

Am 5. Oktober protestieren weltweit Tausende gegen die Verhaftung der Aktivisten. In Wien beteiligten sich laut Greenpeace rund 200 Personen an einem "Solidarity March" zur russischen Botschaft.

Der Kreml zeigt sich vom wachsenden internationalen Druck vorerst unbeeindruckt: Die Greenpeace-Aktivisten stehen ab Dienstag, den 8. Oktober, vor einem russischem Berufungsgericht.

Links und Social Media

Website Greenpeace - Save The Arctic

Auf Twitter kann die Debatte etwa unter @Greenpeace und @savethearctic verfolgt werden. Hashtags sind #FreeTheArctic und #SaveTheArctic

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Weltweite Proteste für die Freilassung der Aktivisten, hier in Jakarta (Indonesien).

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