"Nur die Hälfte der Einwohner hat Zugriff auf Strom"

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Foto: Jacqueline Posch Hilft den Menschen in Bangladesch die Sonne zu nützen: Jacqueline Posch (r.)

Viel Sonne, wenig Geld: Jacqueline Posch forschte in Bangladesch, wie sich die ärmere Bevölkerung mit Mikrokrediten von Grameen Shakti Erneuerbare Energie in die Haushalte holt. Im "Klima-Insider"-Blog schildert Sie Ihre Eindrücke.

Frage: Warum hat es Sie als Österreicherin nach Bangladesch verschlagen, um gegen die vor Ort herrschende Energiearmut aufmerksam zu machen, Frau Posch?

Jacqueline Posch: Bereits zu Beginn meiner Reise war klar, ein großes Abenteuer steht bevor: Menschenmassen, unbeschreibliche Armut, härteste Arbeitsbedingungen, Korruption, mehr als laute, chaotische, in Smog gehüllte Städte, einige der gefährlichsten Straßen der Welt (extrem verschmutzt, mit Hunderttausenden Rickshaws, rasenden Bussen, stundenlangen Staus), sengende Hitze, steinharte Betten, unerwünschte Mitbewohner (Ratten, etc.), Terrorismus (entgleisende Züge, angezündete Busse, ständige Generalstreiks), usw.

Bangladesch - wohl nicht das Hauptreiseziel Nummer Eins und daher nicht verwunderlich, wenn man als "weiße Person" als etwas außerirdisch betrachtet wird und ohne Übersetzer kaum weiter kommt. Aber dieses Land hat auch gute Seiten und Hoffnung.

Aber warum bin ich nach Bangladesch gereist? Ich habe Erneuerbare Energien und Internationale Betriebswirtschaft studiert und bin als Projekt Manager tätig. Während des Studiums kam ich mit dem Thema Mikrofinanzierung in Berührung und als ich von der Kombination dessen mit Erneuerbaren Energien erfuhr, wusste ich, ich wollte Forschung in diesem Bereich betreiben. Sowohl beruflich als auch privat führten mich viele abenteuerliche Reisen in abgelegene Länder und mich ereilte der Wunsch, etwas Gutes für die Natur zu unternehmen und Menschen in Not zu unterstützen.

Das Engagement des Friedensnobelpreisträgers Yunus Muhammad (Bild), welcher Grameen Bank (Mikronfinanzinstitution) und Grameen Shakti (Erneuerbare Energielösungen für die Armen) gründete, faszinierte mich. In den ersten sechs Stunden nach meiner Ankunft in Bangladesch verzeichnete ich vier Stromausfälle. Somit wusste ich sogleich, dass die Energieversorgung hier ein wirklich brennendes Thema war. Nur die Hälfte der Einwohner hat überhaupt Zugriff auf Strom und mangels Alternativen verwenden viele teures gesundheitsschädigendes Kerosin.

"In den ersten sechs Stunden nach meiner Ankunft in Bangladesch verzeichnete ich vier Stromausfälle. Somit wusste ich sogleich, dass die Energieversorgung hier ein wirklich brennendes Thema war."

Um bessere Möglichkeiten zu schaffen, startete Grameen Shakti (GS) den Verkauf von Solar Home Systemen, sowie später auch von Biogasanlagen und verbesserte Kochöfen für die Armen. Ich verbrachte viel Zeit im GS-Hauptquartier und begab mich auch zu vielen abgelegenen Dörfern. Ich sah, dass Menschen dank GS die Chance auf verlässliche saubere Energie erhielten und somit das Arbeiten und Lernen immens erleichtert wurde. Ein typischer Arbeitstag startete mit Treffen des außerordentlich bemühten GS-Personals, gefolgt von Rickshaw- bzw. Bootsfahrten, stundenlangen Fußmärschen, überqueren von kreativen errichteten Bambus-Brücken, zahlreichen Interviews und PV-Installationen.

Ich war überwältigt von der großen Gastfreundschaft. Die Menschen haben gelernt, mit dem wenigen, das sie haben, zu leben und sich gegenseitig in jeder Lage zu unterstützen. Und ich sah und erlebte, dass die GS Produkte das Leben der Armen deutlich verbessern konnten. Aufgrund der unglaublich liebevollen Menschen fiel es wahrlich schwer, dieses besondere Land wieder zu verlassen. Das GS-Model wird seit Jahren erfolgreich umgesetzt und kann gewiss Anreize für andere Entwicklungsländer schaffen.

"Jede Bestrebung, wie klein auch immer, die Welt zu ändern ist niemals vergebens (A. Mallick)."

Jacqueline Posch

Bilder aus Bangladesch

Mit Mikrokrediten zu Erneuerbarer Energie

Arm, dicht besiedelt und heiß - so könnte man Bangladesch in aller Kürze beschreiben. Nicht einmal halb so groß wie Deutschland, hat das Land am indischen Subkontinent nahezu doppelt so viele Einwohner (155 Millionen). Ein Gros der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, insbesondere im Reisanbau.  Doch Unterernährung und Kinderarbeit sind bittere Realität. In den vergangenen Monaten schaffte es das seit 1991 demokratisch regierte Land in die internationalen Schlagzeilen - mit einstürzenden Textilfabriken und der Diskussion um Entschädigungszahlungen, Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Kein Wunder: Hauptexportgut ist mit 80 Prozent Kleidung, die wichtigste Abnehmer sind die USA und Europa. Im eigenen Land mangelt es vor allem an einem - an Strom.
  Die Kraft der Sonne zu nutzen ist weniger eine politische (so wie in Europa), als vielmehr eine Frage des Geldes - das die ärmliche Landbevölkerung nicht hat. Alternative Ansätze sind gefragt. "Nur die Hälfte der Einwohner hat überhaupt Zugriff auf Strom und mangels Alternativen verwenden viele teures gesundheitsschädigendes Kerosin", beschreibt Jacqueline Posch die triste Situation vor Ort im KURIER-Gastblog. (Bild: neue LED Lampe versus alte Kerosin-Lampe) Um das riesige Bedürfnis nach leistbarer Energie zu stillen, hat "Grameen Shakti" sogenannte Solar Home Systems (SHS) entwickelt. Handyladegerät, Fernsehapparat oder Ventilator können dann etwa mit Solar Home Systems (SHS) betrieben werden. Mit Hilfe von Kleinkrediten soll es dabei Familien gelingen, eine ökologische Energieproduktion und -versorgung für das eigene Haus zu installieren.
  Die österreichische Betriebswirtin Posch (Bild Mitte) reiste im Vorjahr nach Bangladesch und traf nicht nur Mikrokredit-Kunden der Grameen Bank, sondern auch... ... den Bank-Gründer und Nobelpreisträger Muhammad Yunus persönlich. Die Grameen Bank vergibt seit fast zwei Jahrzehnten Mikrokredite an Arme. Und der Erfolg ist messbar. Weit mehr als 1,3 Millionen Solar Homes Systems wurden seitdem installiert.... Das dabei das Photovoltaik-Panel mit der Rickshaw transportiert wird, ist keine Seltenheit. Die Zahl der durch Grameen Shakti verbesserten Kochherde lässt sich auch sehen: Weit über 760.000 mit Ende Februar 2014. Auch mehr als 27.000 Biogas-Anlagen wurden in diesem Zeitraum gebaut. Hier ist eine Biogasanlage mit dem Eingang für Rohmaterial - wie etwa Kuhmist - zu sehen. "Unabhängig von nationalen Stromnetzen können die Menschen so wichtige Alltagsgeräte wie Lampen und Telefone benutzen", so Posch. Jacqueline Posch hat REact-clean gegründet, "um die Bedeutung des Zugriffs auf Erneuerbare Energie (EE)  den Menschen in Entwicklungsländern aufzuzeigen und verbundene EE-Technologien und Finanzoptionen zu präsentieren." (Bild: Dank der Dorfältesten.)

Mehr Informationen zum Thema sind unter der Privatinitiative www.reactclean.com zu finden.

(KURIER) Erstellt am
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