Schmerzen als Henkersmahl

Schmerzen als Henkersmahl © Bild: ali schafler/orf

Frack-würdige Gedanken knapp vor dem Show-Auftakt: Wieso ich? Auf wos hinauf? Gibt es "ein Leben" ohne Dancing Stars?

Folgende Frack-würdige Gedankensprünge tanzen derzeit, knapp acht Stunden "davor", einen hektischen Tango in mir: Warum überhaupt? Und wenn ja: Wieso ich? Auf wos hinauf? Wer hat mich gezwungen? Und: Steh ich das durch? Ja. Und auch noch froh! Nächste Staffel an existenziellen Erörterungen: Gibt es "ein Leben" ohne Dancing Stars? Wie sieht "die Welt" nach der ersten Sendung aus - vor allem, wenn sie zugleich die letzte war? Werde ich je wieder normal gehen können?Dann strömt Dankbarkeit durch Körper und Geist: Fünf Wochen intensiven Trainings liegen hinter mir. Zwei Wochen davon nur mit (flächendeckendem) Muskelkater. Die restlichen drei Wochen mit heftigen Defekten an allen wesentlichen Punkten des Bewegungsapparats. Hüfte, Rückgrat, Knie, Schulter, Knie. Verschobene Wirbel, hervorlugende Bandscheiben, glühende Sehnen. Tanzen ist Leistungssport.Und ich war nicht darauf vorbereitet. Ich habe mir viel geleistet im Leben, aber Sport war fast nie darunter. Jahrzehntelang betrieb ich allenfalls den Trottel-Triathlon: In der Früh strecken, den ganzen Tag gegen den Strom schwimmen und abends noch ein bissi Amok laufen. Im Moment bin ich glücklich, wenn ich schmerzfrei liegen kann. Eben habe ich folgende Tabletten geschluckt: Voltaren, Xefo, Madopar, irgendein Vitamin-B-Komplex-Präparat, Magenschoner, Magnesium, Calcium. In einer halben Stunde winkt ein intravenöser Cocktail in der Wiener Privatklinik, wo Zauberdoktor Weinstabl mit einer Cortison-Spritze (direkt in den Knöchel) lauert. Dann wird "getaped", dass die Adern quietschen. Ich bin also wirklich stark eingebunden in diese Show. Interessant allerdings: Während des Tanzens (oder der parodistischen Nachempfindung davon) habe ich nie Schmerzen. "Endorphine", sagt mir die gnadenlose Könnerin an meiner Seite, Kathrin Menzinger. Hä? "Du schüttest Endorphine aus." - Ich stammle verlegen: "Echt? Das tut mir jetzt aber leid. Das ist mir noch nie passiert. Ich wisch es gleich wieder weg." Als Alphatier-Darsteller von 53 Jahren hab ich in Wahrheit EIN EINZIGES großes Problem: Ich muss akzeptieren, dass mir eine 31 Jahre jüngere (und exakt halb so schwere) Frau in knappen, kalten Kommandos die Welt erklärt. Eh klar: Weil sie es eben kann und weil ich es nicht kann. Um das Ganze auch noch unliebenswürdig klingen zu lassen, tut sie das (Kommandos geben) auf Russisch: Rein phonetisch klingt es wie: Dawai! (Auf geht's!), Ischioras! (Noch einmal!) und Stoj! (Stopp!) Das fährt in die Magengrube, ist aber eine riesige "Wachstums-Chance", wie die Therapeuten sagen. Man geht (menschlich, charakterlich, vielleicht sogar körperlich) größer und stärker raus aus dem Ganzen.Bemerkenswerte Begebenheit bei der (gestrigen) "Stellprobe" im Studio: Kollege Reinhard Nowak tritt vor mir auf und "eilt" die Showtreppe hinunter, ich (laut Ansage) nach wenigen Augenblicken hintennach. Auf der fünften Stufe krümmt sich Nowak und kommt zum Stillstand. Ärgste Schmerzen in beiden Knöcheln, in denen entzündete Sehnen glühen. So kommt es zum Auffahrunfall - also eigentlich eher zum Absteiger-Buserer. Da hängen wir zwei übergewichtigen Oldboys erbarmungswürdig am G'lander. Die Probe muss kurz unterbrochen werden. Irgendwer von den Bühnentechnikern schlägt allen Ernstes vor: "Wie wär's mit an Treppenlift für de zwa?" Nowak und ich dürfen vorzeitig nach Hause. Als wir, wie zwei betrunkene Matrosen bei starkem Seegang, aus dem ORF-Zentrum hinauswackeln, blickt er mich kurz an und murmelt: "Des is a Unterhaltungssendung, gö?"

Erstellt am 05.12.2011