© via REUTERS/MICHAEL KAPPELER

Leitartikel
09/24/2021

Bilanz eines seltsamen Wahlkampfs - und jetzt?

Auch Angela Merkel hat seinerzeit kaum jemand die Kanzlerschaft zugetraut.

von Andreas Schwarz

Am Sonntag wählt Deutschland einen neuen Bundestag, aber in Wahrheit geht’s zunächst um den Nachfolger der Kanzlerin (die mögliche Nachfolgerin hat sich ja mehr oder weniger selbst ins Out geschossen).

Es war wohl einer der seltsamsten und längsten Wahlkämpfe in der Geschichte der Bundesrepublik: nicht themenorientiert (okay, das kennt man von woanders auch), sondern fast ausschließlich mit der Selbstbefassung der Parteien und der Tauglichkeit/Nichttauglichkeit ihres Personals beschäftigt, garniert mit der Hype- und Vernichtungslust der Medien.

Am längsten dauerte die selbstzerstörerische Kandidatensuche bei der Union, beginnend beim Gemurkse um die Nachfolge der Parteichefin, das mehr als zwei Jahre (!) dauerte. Stimmt schon, große Staatenlenker sorgen selten für eine reibungslose Nachfolge (und wenn, dann wird ihnen diktatorisches Verhalten vorgeworfen). Aber derart ungeordnet, von der Fehlbesetzung Kramp-Karrenbauer angefangen über die Friedrich-Merz-Eitelkeiten bis hin zur Demontage des endlich gefundenen Obmanns Armin Laschet durch einen diabolisch-feixenden Markus Söder, das muss man einmal schaffen.

Die Grünen wiederum starteten mit einem strahlenden Duo zielsicher in die Selbstdemontage, als sie Annalena Baerbock auf den Schild hoben – Frau und damit die Aussicht auf eine weitere Kanzlerin alleine ist halt, selbst mit Unterstützung der hyperventilierenden Presse, noch keine Erfolgsgarantie. Vor allem dann nicht, wenn eitle Selbsterhöhung und fehlende Glaubwürdigkeit überwiegen.

Die SPD ließ überhaupt sich und ihre Parteichefs (wie heißen sie noch gleich?) im Wahlkampf lieber verleugnen, und plötzlich wurde ihr Finanzminister und Vizekanzler, der biedere Olaf Scholz, zur Lichtgestalt, die mangels Alternativen tatsächlich ins Kanzleramt einziehen könnte.

Und wer kann jetzt Kanzler? Bräuchte es wirklich einen mit mehr Visionen? („Wer Visionen hat, braucht einen Arzt“, hat übrigens nicht Franz Vranitzky erfunden, sondern Helmut Schmidt und vor ihm der österreichische Philosoph Rudolf Burger). Geht man von Olaf Scholz als Merkel-Nachfolger aus, dann steht der Mann so in der politischen Mitte wie die Kanzlerin und zwei der drei bisherigen SPD-Kanzler. Nur Willy Brandt war ein Linker. Deutschland ist also bis auf vier Jahre in seiner Geschichte bürgerlich-mittig regiert worden. Nicht zum Schaden des Landes und Europas. Diese Mitte ist auch für die Zukunft – wenn man davon ausgeht, dass es zu keiner Rot-Rot-Grün-Koalition kommt – eine beruhigende Aussicht.

In die Fußstapfen der Kanzlerin Angela Merkel, der vor 16 Jahren auch kaum jemand das Amt zugetraut hat, kann man ja noch hineinwachsen.

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