Meinung
05.12.2011

Berichten ist journalistische Pflicht. Oder?

Zwischen berichten und berichten liegt manchmal ein nicht unwesentlicher Unterschied. So gesehen in den letzten Tagen in Österreichs Onlinemedien. Thema der allgemeinen Berichterstattung waren die brechenden Knochen des Eddie Gustafsson.

Wie bereits vorgestern geschrieben: Ich bin mit der Art und Weise der Berichterstattung über das Foul am Salzburg-Keeper nicht einverstanden. Zu Beginn gab es von den größten Sportportalen des Landes keinerlei Genesungswünsche oder Grüße an den Salzburg-Keeper (was sich mittlerweile lobenswerterweise teilweise änderte). Berichtet wurde nicht vom Foul an sich, sondern von den brechenden Knochen, die daraus resultierten. Ohne richtig darüber nachgedacht zu haben, was hier passierte, warfen sich die zugriffsgeilsten aller in Österreich aktiven Sportredakteure, nach dem Motto "Good News are Bad News", wie Hyänen auf das Thema. Ich bleibe dabei, dass die Art und Weise wie man mit Gustafssons möglichem Karriereende auf Userfang geht, geschmacklos und unprofessionell war.

"Schaut es euch halt nicht an"

Nicht nur ich bin der Meinung, dass das Bildmaterial des Kragl-Fouls am schwedischen Torhüter grenzwertig ist und man kühlen Kopfes darüber diskutieren müsse, ob man dem Leser oder Benutzer dieses Horrorbild vorsetzen solle. Diese Frage wurde schließlich auch in sämtlichen Sportredaktionen besprochen - dessen bin ich mir sicher. Die eine oder andere Redaktion versuchte dann sogar die Veröffentlichung des Bildes mit einem offiziellen Kommentar zu rechtfertigen. Prinzipiell eine gute Sache. Es sei eine "journalistische Pflicht" über ein derartiges Ereignis zu berichten. Und wem das Bildmaterial zu explizit ist, der soll es sich einfach nicht ansehen. Jeder Mensch hat schließlich einen freien Willen und mittlerweile sollte es sich bis zum letzten Fan durchgesprochen haben, dass das Bild des brechenden Unterschenkels kein schön anzusehendes ist. Stimmt, alles richtig! Wer das Bild oder das Video sehen MÖCHTE, der fragt Google oder YouTube und wird mit allem versorgt was er braucht. Aber: Das leidige "Schaut es euch halt nicht an"-Argument hält nicht, wenn dasselbe Sportportal seine "journalistische Pflicht" so exekutiert, dass das strittige Bild in Top-Position auf der Startseite veröffentlicht wird. Jetzt kann der Leser oder Benutzer eben nicht mehr wegschauen und wird mit der ziemlich eindeutigen Realität des Horrorfouls konfrontiert, ob er will oder nicht. Realität zu zeigen ist gut, aber nicht unter falschem Vorwand und nicht, wenn man damit Respekt und auch Privatsphäre eines großen Sportlers verletzt. Berichten ist nicht gleich berichten und "journalistische Pflichten" sollten durchaus leidenschaftlich, aber unabhängig von Hintergedanken an Zugriffe oder Einschaltquoten erfüllt werden.

Das bessere Beispiel

Leider ist das zuletzt geschilderte Beispiel kein Einzelfall. Sehr viele Redaktionen sprangen auf den Zug der Splattergeilheit auf, um den User zum Klicken zu animieren. Andersrum, namentlich lobend erwähnt sei der Webauftritt der Oberösterreichischen Nachrichten. Dort fand sich ein Link wieder, der extraprovokant als "Das Foto" betitelt wurde. Wer dem Link folgte, erhielt folgende Textnachricht: "Vermissen Sie auf dieser Seite ein Foto? Hätten Sie gerne in Großaufnahme gesehen, wie der Unterschenkel des Salzburger Tormannes fast im rechten Winkel absteht, weil gerade Schien und Wadenbein mehrfach abgebrochen sind? Wir haben beschlossen, dieses Horrorfoto nicht zu veröffentlichen. Vermutlich steuern wir damit gegen den Mainstream der Berichterstattung. Schwere Körperverletzung in Superzeitlupe - das macht Quote. Oder auch nicht. Wir glauben, dass eine überwiegende Mehrheit so etwas als grauslich und abstoßend empfindet. Wir zeigen das Foto nicht, weil Sie es nicht sehen wollen. Danke für Ihr Verständnis." Nicht exakt meine Argumentation, aber auf jeden Fall der richtige Weg. Und ich bin sicher, dass auch das Portal, das diesen moralischeren Weg wählt, am Ende des Monats gute Mediadaten vorweisen kann.