Meinung 05.12.2011

Andy und Alberto: Aus Duell wurde Duett

Andy und Alberto: Aus Duell wurde Duett © Bild: apa

Contador, auf bestem Weg zum dritten Toursieg, hat jetzt auch Fair-Play für sich entdeckt. Trostpreis für Schleck: Etappe gewonnen.

Spekuliert und diskutiert wurde viel, auch ich verbrachte schlaflose Nächte, Szenarien wälzend, Statistiken schmökernd, Präzedenzfälle studierend, hoffend, fiebernd, nervös und angespannt, aber wahr geworden ist die eigentlich langweiligste aller Möglichkeiten: Sie sind gleich gut. Am Berg. Andy und Alberto, die nächste der grossen Duellpaarungen im Radsport? Nachfolger von Bartali und Coppi, Poulidor und Anquetil, LeMond und Fignon, Armstrong und Ullrich, Merckx und... äh. Ok. Der Kannibale hatte keinen Gegner. Aber Schleck und Contador, das könnte was werden.

Lieblingssituation

Zuerst stellten die beiden ihre Lieblingssituation her: Zu zweit fährt es sich romantischer auf den Berg hinauf. Blam, Angriff von Schleck, Contador wie der Teufel hinten nach, und weg waren sie alle. Und dann: Man kann jetzt nicht sagen, dass Andy Kilometer um Kilometer durchs dichte Spalier der fanatischen Fans nicht alles probiert hätte: Tempodrücken, Rhythmuswechsel. Sogar Böse Blicke. Für die Fische, der pickt wie eine Klette am Hinterrad, siamesischer Zwilling nix dagegen. Und macht sogar einen Gegenangriff, aber da konnte nach einer Schrecksekunde Andy dranbleiben. Ein bissi Schimpfen, dann war es, glaub ich, endgültig vorbei. Beide ziemlich paniert, also einigt man sich scheinbar auf Tempo halten, Andy kriegt die Etappe, Alberto das Podium in Paris. Im Ziel dann gar Umarmung und ein etwas abfälliges Wangengetätschel vom Gelben Trikot an den Träger des Baby-Laiberls, mit Zwinkern noch dazu. Wenn sich der Señor Contador da nicht aufs zu hohe Pferdchen setzt, denn so locker-lässig parierte er nimmer wie 2009. Und wenn Andy dann das Schalten übt im Winter, 2011 heisst's dann vielleicht schon: Adios, Alberto, wenn du dann auch irgendwann oben ankommst, sehen wir, ob du immer noch knuddeln & Backen knuffen willst. Ein bisserl mehr auch verbal befetzen statt zuckersüsser Eintracht wär sowieso fein. Das haben die früher schon besser gekonnt.

Innerer Ritter

Wacker war heut Sammy Sanchez: In bester Euskaltel-Manier schmiss er gleich am Anfang mitten im Peloton um, und das sah zuerst gar nicht gut aus: Luft schnappend, die Schulter haltend lag er da. 3 Teamkollegen, Tourarzt, Teamchef etc. setzten ihm dann kurzerhand den Helm wieder auf, hoben ihn aufs Rad, schoben noch kurz an und weiter musste er, keine Gnade. Vorne entdeckte Contador den inneren Ritter und hielt das Peloton auf - einzig Sastre wollte die Autorität des nächsten Patrons nicht akzeptieren und hüpfte trotz wilder Gesten und harscher Worte nach vor ins Niemandsland zwischen Feld und Spitzengruppe. Es wurde zwar wieder nix draus, aber mangelnden Kampfgeist kann man ihm in den Pyrenäen heuer echt nicht vorwerfen. Sanchez derweil kam nach ein paar Kilometern wieder ans etwas bummelnde Feld heran und erholte sich erstaunlich gut: Zwar strauchelte er ab und zu noch hinten herum, holte sich dann aber am Gipfel des Tourmalet immerhin noch 8 Sekunden von Menchov im Kampf um den einzigen Podiumsplatz, der in den nächsten Jahren zur Disposition stehen wird: Dem dritten. Leider hat man aufgrund der Andyberto-Show nicht sehr viel gesehen, was hinten los war: Gesink macht Tempo für Menchov, Rodriguez und Hesjedal (Im Auge behalten! Strohfeuergefahr a la Wiggins, aber vielleicht auch nicht?) müssen irgendwann attackiert haben, Van den Broek irgendwann nachgelassen, etc. Alles Statisten, die halt auch dabeisein durften.

Die verflixte Kette

So: 8 Sekunden zwischen Platz 1 und 2 (und dann lange nix mehr). Andy tat ja so, als wär da noch eine Chance. Ich schätze die zirka so ein wie die Wahrscheinlichkeit, dass eine Tafel Schokolade neben mir 8 Sekunden lang bestehen kann. Wenn Alberto nicht ein wahrhaftig Rasmussenöses Zeitfahren hinlegt - 3 Stürze und 2 Radwechsel sollten schon drin sein - dann wird der schmächtige Schleck auf 52 km schon die eine oder andere Minute liegen lassen. Noch dazu, weil er ja vor Contador startet und der dann ziemlich genau weiß, wie schnell er fahren muss. Wär's umgekehrt, wär die verflixte Kette nicht gewesen, hätt er noch das Gelbe um diese 31 Sekunden, wer weiß. Naja, wann der Wann net wär.

Freitag das vorletzte Sprinterfest in Bordeaux: Eigentlich fix vorprogrammiert, die Lampres und Columbias haben sich auch brav geschont, die sollten auf dem Profil jede Ausreißergruppe erwischen. Cav zum 14.?

Erstellt am 05.12.2011