Meinung
08.10.2017

Aba nix Zehnta

Nun sollen also die "emotionalen Grundzustände des Menschen" aufgestockt werden

Niki Glattauer | Schule und der Rest des Lebens

Nun sollen also die sechs "emotionalen Grundzustände des Menschen" (per Definition sind das "klar definierte Gefühle, die mit einer ganz konkreten Mimik und körperlicher Veränderung einhergehen") von sechs auf 27 aufgestockt werden.

Neben den Klassikern Angst, Ekel, Glück, Trauer, Überraschung und Wut jetzt u. a. dabei: Langeweile, Neid oder Gelassenheit. Da sage ich als in Wien praktizierender Vater: Da fehlen zwei auf der Liste. Zwei, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, nämlich a) jener Grundzustand, in den du gerätst, wenn dein Kind in der 3. Klasse Volksschule ist und du dir die bange Frage stellst: Wie und vor allem wo geht’s in eineinhalb Jahren weiter? Und b) jener, der mit der Erkenntnis einhergeht, dass die humane Infrastruktur rund um dich vor deinen Augen mutiert.

Du wohnst als Wiener z. B. in Inner-Favoriten, triffst auf einen anderen Wiener im Schnitt aber nur noch jeden dritten Tag; du wirst sentimental, wenn du in den Öffis ein indigen ausgesprochenes deutsches Wort hörst; und du fragst dich im Geiste, ob dir im Einzugsgebiet Quellenstraße / Viktor-Adler-Markt / Güdrünstraße (© Falter) jemals wieder eine Frau ohne Kopftuch entgegenkommen wird. Für den Zustand 28 (Schulwahl-Grundgefühl) könnte ein Emoji herhalten, das eine Mischung aus Ratlosigkeit, Hoffnung, Verzweiflung und Galgenhumor ausdrückt; ein Emoji für das Grundgefühl 29 kriegert (Wiener Konjunktiv) die beste Grafikerin nicht hin.

Zu einem Grundgefühlparadoxon kommt es, wenn die Grundzustände 28 und 29 aufeinanderprallen. Gespräch zweier Mütter von Drittklasslern.– Und wo geht Marko übernächstes Jahr hin, weil, wir wissen’s ehrlich gesagt noch gar nicht.– Ibanexte Jahr is ibanexte Jahr (zuckt mit den Schultern).– Nur weil die Lehrerin gemeint hat, man soll sich langsam umhören, wenn man sein Kind in eine gute Schule geben möchte. Die Listen sind jetzt schon voll.– Mussa in Gimnasium. – Aha? Warum? – Issa so guat in Computa.– Na dann.– Aba nix Zehnta. – Nicht im 10. Bezirk?– Nix. Lauta Tirken in Zehnta.