Trennlinie zweier Territorien: Die Grenze von Kroatien und Bosnien-Herzegowina

© Kurier/Juerg Christandl

Gastkommentar
01/26/2022

Bosnien und Herzegowina: Ein Land, in einer Zwangsjacke gefangen

Warum der kleine jugoslawische Nachfolgestaat ein ständiger Brandherd ist.

Bosnien und Herzegowina wurde mit dem Daytoner Friedensabkommen eine „Zwangsjacke“ aufgezogen. Landesinstitutionen konnten aufgrund etlicher in der Verfassung verankerten Hürden gar nicht aufgebaut werde. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger haben bei zahlreichen Wahlen ihr passives Wahlrecht verloren, üben es seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr aus. Gleichzeitig haben die umliegenden Länder es nie aufgegeben, ihre nationalen Interessen zu erweitern.

Nach den 1990er-Jahren und dem Zusammenbruch der Blöcke bzw. der ideologischen Spaltung der Welt sowie den schrecklichen Verbrechen auf dem Balkan, die mit einem Genozid endeten, kehrt die Region an der Peripherie der modernen Welt in die düsterste Zeit zurück. Das Vakuum, das durch die unzureichende Aufmerksamkeit und das fehlende Verständnis des Westens für das Integrationsbedürfnis dieser Völker entstanden ist, hat den Spielraum für andere Welt- und Regionalmächte erweitert, den Westbalkan in ihren Interessenbereich einzuordnen. Und wie so oft ist es auch hier leicht, Konflikte anzuzetteln, indem man die Karte des Nationalismus und der Unterdrückung ausspielt.

Wir erleben also die Anfangsphase der 1990er-Jahre wieder. Obwohl keines der Völker Bosniens mehr gefährdet ist, haben alle Grund, unzufrieden zu sein. Nur die existenzielle Staatsfrage ist gefährdet, der Streit ist eine nationale Determinante. Teuerung und Preiserhöhungen sind eine weitere Parallele zu damals. Obwohl die Inflation globalen Charakter hat, erzeugt sie Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die am Balkan falsch kanalisiert und in „nationalen Druck“ umgewandelt wird.

Deckmantel

Krieg ist aufgrund der ernst zu nehmenden Bewaffnung Serbiens und Kroatiens möglich. Währenddessen erlauben kroatische und serbische Bosnier den Streitkräften von BiH nicht, Kampfausrüstung zu beschaffen, indem sie den Haushalt für diese Zwecke in den Landesinstitutionen blockieren. Das Machtungleichgewicht ist seit 30 Jahren konstant – ebenso wie die Verherrlichung wegen Kriegsverbrechen verurteilter Krimineller und damit auch die Verhöhnung der Opfer. Sollte jedoch in Bosnien der erste Schuss fallen, würde dies nicht der Anfang „nur“ eines lokalen Konflikts sein. Das lehrt uns die Geschichte.

Genau das ist eines der möglichen Ziele: Destabilisierung des Balkans und Errichtung von Territorien und Regimen für „Handel aller Art“. Die Blockaden staatlicher Institutionen ermöglichen die Verwirklichung partikularer Interessen durch Oasen, die unter der Kontrolle der Nachbarländer stehen und ein verlängerter Arm ihrer Interessen sind. Wenig überraschend ist in dem neuen Korruptionsbericht BiH nach Russland und der Ukraine das drittkorrupteste Land in Europa. Korruption verbirgt sich unter dem Deckmantel nationaler Interessen, historischer Prozesse usw. Vorwände, die das moderne Europa Ende des 19. Jahrhunderts beendet hat. Nun ist man am Balkan bereit, das Leben zukünftige Generationen dafür aufs Spiel zu setzen.

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