Tischgespräche: Dieses Mal mit Clemens Hellsberg

Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, würdigt die neue Symbiose mit der Staatsoper.
Foto: franz gruber

Gespräche bei Tisch. Gemeinsam essen und trinken ist laut Statistik eine aussterbende Art, Zeit miteinander zu verbringen. Angelika und Michael Horowitz haben 20 befreundete Künstler um diese Zeit gebeten.

freizeit-KURIER-Chefredakteur Michael Horowitz und seine Frau Angelika luden 20 befreundete Künstler zu intensiven Gesprächen ein. Bei einem Essen, in einem Wirtshaus, in einer Atmosphäre, bei der sie sich wohlfühlten. Festgehalten wurden die "Tischgespräche" im gleichnamigen Buch. Lesen Sie in den folgenden 20 Tagen was Alfred Dorfer, Christiane Hörbiger und viele mehr bewegt. Dieses Mal mit dem Vorstand der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg.

"Wenn die Zeit stehenbleibt …"

Clemens Hellsberg kann sich ein Leben ohne Oper genauso wenig vorstellen, wie ein Leben ohne Wien und ein Leben ohne Kunst. Für den Vorstand und Primgeiger der Wiener Philharmoniker ist Kunst einer der ganz wenigen Bereiche im Leben, der uns das Gefühl der Unendlichkeit vermittelt.

Die Möglichkeit, dabei große Künstler kennenzulernen, ist für ihn ein Geschenk, denn sie demonstrieren etwas, was auch sein Credo ist, nämlich dass zu jedem wirklichen Kunstwerk viele Wege führen.

Michael Horowitz: Herr Hellsberg, haben Sie je eine Diskothek besucht?
Clemens Hellsberg: Ich habe zwei Versuche gewagt. Der erste war - glaube ich - im "Atrium". Aber nach zehn Minuten war ich völlig fertig und bin davongerannt.

Wollten Sie als Jugendlicher nicht auch irgendwann etwas anderes als klassische Musik hören?

Hätte ich das gewollt, wäre das bei uns zuhause ein Drama gewesen. Aber mein musikalischer Anspruch war schon immer sehr hoch …

Das heißt, Sie sind nicht - so wie zum Beispiel Friedrich Gulda - der Meinung, dass sich E- und U-Musik verbinden lassen?

Ich glaube zwar grundsätzlich auch, dass es nur eine Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik gibt, aber die Popgruppen meiner Jugend interessierten mich nie. Die einzige Ausnahme war Elvis Presley - der hatte wirklich eine herausragende musikalische Begabung.

Sie haben mit viereinhalb Jahren begonnen Geige zu spielen und sind in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem - wie Sie selbst sagen - "ständig klassisch musiziert wurde" - war Ihr Vater ein strenger Lehrer?
Ein sehr strenger.

Wusste er bereits als Sie vier Jahre alt waren, dass Sie besonders begabt sind?

Nein, das konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich war ja auch kein Wunderkind.

Foto: KURIER/Gnedt

Haben Sie in diesem Alter schon gerne und oft Geige gespielt?
Anfangs ja. Gespielt habe ich immer gerne, aber nie gerne geübt.

Hatten Sie je einen anderen Berufswunsch. Wollten Sie als Kind nicht einmal etwas ganz anderes machen?

Nein, Musik stand immer schon im Mittelpunkt meines Lebens. Bei uns zuhause hat immer irgendwer, irgendwo gespielt.

Viele Menschen werden Sie nicht nur darum beneiden, dass Sie so intensiv mit der Musik verwurzelt sind, sondern auch dass Sie an einem der schönsten Arbeitsplätze tätig sind, dem Wiener Musikvereinssaal. Empfinden Sie das auch so?

Ja. Ich spiele jetzt seit 36 Jahren in diesem Saal und freue mich nach wie vor jeden Tag darüber.

Ich habe gehört, akustisch ist das Konzerthaus fast noch besser als der weltberühmte Goldene Saal? Stimmt das?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Stücke, die bestimmter Säle bedürfen. Zum Beispiel die "Sinfonietta" von Leoš Janáček. Dieses Werk sprengt die Kubatur des Musikvereins. Für dieses Stück ist das Konzerthaus viel geeigneter. Genauso wie das Große Festspielhaus in Salzburg oder das Brucknerhaus in Linz. Quergebaute Bühnen haben diesbezüglich eine höhere Kapazität.

Sie sind seit Ihrem 28. Lebensjahr Mitglied bei den Wiener Philharmonikern. Wie ist das Ausleseverfahren? Wird man als Mitglied des Orchesters der Wiener Staatsoper automatisch auch Wiener Philharmoniker?

Zuerst muss man mindestens drei Jahre lang Mitglied des Orchesters der Wiener Staatsoper sein, ehe man in den privaten Verein der Wiener Philharmoniker aufgenommen wird beziehungsweise man das Aufnahmeansuchen stellen kann. Entscheidend ist dann nicht nur das Probespiel, sondern auch die Probezeit. Spätestens nach Ablauf von zwei Jahren tritt die Jury noch einmal zusammen und muss jeden einzelnen Fall bestätigen, nicht bestätigen oder die Probezeit um ein weiteres halbes Jahr verlängern.
Ist dieses Procedere seit der Gründung der Wiener Philharmoniker im Jahr 1842 dasselbe geblieben?
Nein, aber es ist seit Jahrzehnten gleich …

Stand bereits in den Gründungsstatuten, dass keine Frauen bei den Wiener Philharmonikern aufgenommen werden?

Nein, Frauen waren damals deshalb kein Thema, weil das der damaligen gesellschaftlichen Realität entsprach. Im 19. Jahrhundert dachte noch niemand daran, dass Frauen überhaupt in einem Orchester mitspielen könnten. Auch die erste Medizinstudentin gab es erst im Jahr 1900.

Diese Tradition hat sich bei den Philharmonikern nur etwas länger gehalten …
Das ist richtig. Aber in den Statuten ist nie gestanden, dass Frauen nicht aufgenommen werden dürfen.

Wie viele Musiker spielen im Orchester?
Im Orchester der Wiener Staatsoper sind es derzeit 148. Beim Verein der Wiener Philharmoniker hängt es davon ab, wie viele Musiker sich gerade in der Zwei-Jahres-Warteschleife befinden. Aber wir brauchen auch philharmonisch jeden Mann beziehungsweise jede Frau, weil wir in mehreren Gruppen unterwegs sind - die einen haben Opernvorstellung, die anderen touren mit einem Konzert …

Foto: KURIER/Gnedt

Sie sind ja nicht nur als Musiker tätig, sondern auch Sprecher und Chefmanager des Vereins - wie viel Zeit verbringen Sie in der Woche mit Musik - wie viel als Geiger und wie viel als Manager?
Im Schnitt komme ich über das ganze Jahr gerechnet auf zirka 70 Wochenstunden. Davon entfallen mehr als zwei Drittel auf das Management.

Würden Sie nicht lieber mehr auf der Geige spielen als am Schreibtisch sitzen?
Das ist ein Drahtseilakt. Natürlich ist es auch eine große Herausforderung, Vorstand der Wiener Philharmoniker zu sein - das hat unbestritten eine große Faszination. Manchmal vielleicht sogar eine zu große, sonst hätte ich nicht ständig Probleme mit den Bandscheiben und der Wirbelsäule. Aber ich stehe durch meine Funktion mit den großen Künstlerpersönlichkeiten in Verbindung - und mit vielen sogar in fast freundschaftlichem Kontakt …

… was sicherlich Ihr Leben sehr bereichert.
Absolut. Privat und beruflich. So habe ich zum Beispiel auch Yefim Bronfman und Lang Lang kennengelernt und durfte auch privat mit ihnen spielen. Abgesehen davon, dass wir mit den Philharmonikern die größten Dirigenten kennenlernen, ergeben sich daraus auch persönliche Beziehungen über Jahrzehnte hinweg. Immerhin spielt ein Dirigent im Laufe seines Lebens oft mit drei Musikergenerationen zusammen. So wird man in dieser philharmonischen Familie gemeinsam alt. 2011 feierten wir zum Beispiel das Jubiläum "50 Jahre Zusammenarbeit mit Zubin Mehta" und "40 Jahre Zusammenarbeit mit Riccardo Muti". Im Jahr 2012 folgt "50 Jahre mit Lorin Maazel". 50 Jahre sind länger, als eine Musikergeneration tätig ist. Von jenen Philharmonikern, mit denen Zubin Mehta einst sein erstes Konzert gegeben hat, spielt heute kein einziger mehr. Einen Geiger gibt es noch, der von Herbert von Karajan engagiert wurde, als er Direktor der Wiener Staatsoper war.

Aber sicherlich gibt es so wie in jeder Familie auch in der philharmonischen immer wieder Spannungen. Wie gehen Sie als Familienoberhaupt damit um?
Es gibt in dieser Familie zwei spannungsaktive Wirkungskreise: interne und externe. Aber da wir ein demokratischer Familienverbund sind, habe ich da eine ganz klare Vorgangsweise: Wir laden Gäste ein und das Podium ist nicht der geeignete Ort, um Spannungen auszutragen. Da wir als einziges Orchester der Welt die Möglichkeit haben, uns vorher in demokratischer Abstimmung für einen Gastdirigenten zu entscheiden, brauchen wir uns danach auch nicht über diese Entscheidung zu beschweren.

Haben Sie einen Lieblingsdirigenten und würden Sie ihn nennen, wenn es ihn gäbe?

Wenn es ihn gäbe, würde ich ihn nicht nennen.

Manche Dirigenten lernen Sie doch sicherlich auch privat besser kennen?
Ja, es ist wunderbar, diese großen Künstler näher kennenzulernen und auch ihre Einstellung zur Musik oder zur Kulturgeschichte und Gesellschaftspolitik. Da dies alles sehr starke Persönlichkeiten sind, demonstrieren sie etwas, was auch mein Credo ist, nämlich dass zu jedem wirklichen Kunstwerk viele Wege führen. Und da muss es möglich sein, viele verschiedene Interpretationen zuzulassen. Der Zugang zu einem Werk wie "Don Giovanni" von Muti oder von Harnoncourt ist sehr gegensätzlich, aber eine Wertung darüber würde ich mir nicht erlauben.

Das heißt, ein Orchester hat sich dem Dirigenten unterzuordnen?
Musik läuft zwar einerseits nach strengen Regeln ab, bietet aber andererseits auch sehr viel Freiheit. Und ein Dirigent gibt nicht vom Anfang bis zum Ende alles vor. Er muss warten und schauen, was vom Orchester kommt. Es muss immer ein Wechselspiel zwischen dem Dirigenten und dem Orchester geben, und der Dirigent muss seine musikalische Überzeugung auch glaubhaft machen.

Foto: KURIER/Gnedt

Spürt man diese Überzeugung und Kraft sofort?
Ja, von Anfang an.

Ist dabei das Alter oder die Erfahrung des Dirigenten wichtig?
Jeder Lebensabschnitt eines Dirigenten hat etwas anderes zu bieten. Herbert von Karajan hat am Ende seines Lebens einmal im Zusammenhang mit den Wiener Philharmonikern - sehr euphorisch - gesagt: "Das bekommt man von einem Orchester nur als alter Dirigent."

Sie haben auch mit Lang Lang gespielt - und kennen ihn privat. Hinter ihm steht, auch der Zeit entsprechend, ein sehr starkes Management, eine PR-Maschinerie. Stört Sie dieser Starkult?
Nein, das ist mir egal, wenn es sich um einen großen Künstler handelt. Und Lang Lang ist zweifelsohne einer. Den Gesetzmäßigkeiten eines Kunstwerkes muss sich sowieso jeder unterordnen. Das gilt für einen Dirigenten genauso.

Gibt es nicht Dirigenten, die das nicht so sehen?

Es gibt welche, wo die Attitüde eine andere ist, aber wenn es ums rein Künstlerische geht, ordnen sich auch diese dem Kunstwerk unter.

Das heißt, dem Kunstwerk zu dienen, steht über allem?
Ob das immer so bewusst passiert, weiß ich nicht. Denn ein Dirigent muss natürlich eine gewisse Egozentrik haben, und es gilt auch das eigene Empfinden, diese Auseinandersetzung mit der Musik und dass man sich auf die Suche danach begibt, was der Komponist schlussendlich gemeint haben könnte. Jedenfalls ist die Musik imstande, gegensätzliche Empfindungen gleichzeitig ausdrücken. Etwas, das man mit Worten nicht kann beziehungsweise mit Worten nicht parallel ausdrücken kann. Die wirklich großen Komponisten wie Mozart, Verdi, Puccini waren auch immer große Psychologen mit einem ungeheuren Einfühlungsvermögen.

Wenn Sie selbst ein Stück öfter spielen, ist dies je ident oder nicht doch immer ein wenig anders?

Es ist nie gleich …

… und gibt es Momente, in denen Sie die Perfektion fast erreichen?
Ja, sehr selten. Aber, das sind wunderbare Augenblicke.

Wie groß ist der Einfluss des Publikums?

Die Interaktion mit dem Publikum ist sehr wichtig.

Wann spüren Sie, heute kann es ein großartiger Abend werden?

Manchmal sofort - man spürt die Ernsthaftigkeit beziehungsweise das ernsthafte Interesse eines Publikums und das überträgt sich natürlich auch auf das Orchester.

Jetzt haben Sie mir die Frage nach Ihrem Lieblingsdirigenten nicht beantwortet, beantworten Sie mir jene nach Ihrem Lieblingskomponisten?
Auch dabei tu ich mir sehr schwer. Mozart, wenn man von seinem Gesamtwerk ausgeht, er deckt wirklich jedes Spektrum - von der Klaviersonate bis zur Oper - ab. Aber Bach steht für mich sowieso außerhalb von allem.

Spielen Sie zuhause Geige - einfach nur der Entspannung wegen?
Nein, zuhause spiele ich nur zielgerichtet jene Stücke, die ich beruflich brauche. Aber natürlich kehrt man ein Leben lang immer wieder zu seinen Lieblingsstücken zurück.

Zum Beispiel?
Die 1. Brahms Violinsonate oder die Debussy-Violinsonate … Aber es bleibt letzten Endes sehr wenig Zeit für privates Musizieren. Die Zeit ist sehr kostbar und langsam komme ich in das Alter beginnenden Abschiednehmens …

Foto: KURIER/Gnedt

Sie sind jetzt 59, haben Sie nicht noch ausreichend Zeit?
Ich werde noch sechs Jahre bei den Wiener Philharmonikern spielen, aber man kann nicht bis ins hohe Alter dieses Niveau halten.

Sie sind ja unabhängig von Ihrer Tätigkeit als Musiker auch Musikwissenschaftler, Autor und Chronist. Sie haben in dreijähriger Arbeit ein 700-Seiten-Buch über die Wiener Philharmoniker geschrieben, was ist das Unverwechselbare an diesem Orchester?

Die einzigartige Struktur unseres Orchesters impliziert mehr Selbstverantwortung und ermöglicht mehr Freiwilligkeit als in jedem anderen Orchester. Jede Entscheidung, die wir treffen, obliegt unserem eigenen, demokratischen Entschluss. Wir entscheiden als Gruppe, wie viel wir reisen, wo wir spielen, welche Dirigenten wir als Gäste einladen. Natürlich korreliert das auch mit der Einstellung zur Musik.
Ich glaube, dass bei uns der Anteil jener, die selbst nach Jahrzehnten noch immer von der Musik begeistert sind, höher ist als anderswo. Das hat auch damit zu tun, dass unser Orchester eine größere Abwechslung bietet als andere, da wir sowohl in der Wiener Staatsoper spielen als auch konzertant. Ich könnte mir einfach nicht vorstellen in einem Symphonieorchester zu spielen - auch wenn es auf allerhöchstem Topniveau wäre -, das nie oder selten Opern spielt. Ich kann mir ein Leben ohne Oper nicht vorstellen. Ich würde wahnsinnig viel vermissen, wäre ich nie ernsthaft mit der Musik von Wagner, Verdi oder Mozart konfrontiert worden. Nur ab und zu Oper zu spielen, ist zu wenig - man braucht eine gewisse Breite des Repertoires dazu.

Was für ein Verhältnis haben Sie als Streicher zu Ihrer Geige?
Meine Geige und ich haben eine richtige Beziehung miteinander. Das Instrument nimmt insofern menschliche Züge an, als es sich ständig verändert. Das hängt vom Wetter ab, von meinen Stimmungen …

Leidet das Instrument auch an Ihren Stimmungen?
Natürlich, aber ich hoffe, es leidet am meisten, wenn ich es nicht spiele.

Wie lebt es sich als Musiker in Wien?
Wunderbar. Ich möchte als Musiker in keiner anderen Stadt der Welt leben. Hier ist der Anteil jener Menschen, die mit Musik verbunden sind, bei denen Musik tief verankert ist, wesentlich größer als in jeder anderen Stadt.

Foto: KURIER/Gnedt

Was würden Sie einem kulturinteressierten Fremden raten, sich in Wien anzusehen?
Er soll durch die Stadt zu spazieren. Am Stephansplatz beginnend lässt sie sich bis in die Vorstädte hinaus durchwandern. Wien ist eine kleine Großstadt und hat eine humane Dimension.

Sie sagen auch politisch immer Ihre Meinung und nehmen Stellung, unter anderem haben Sie im ehemaligen Konzentrationslager von Mauthausen ein Konzert gegeben. Ist das für Sie als Künstler eine Selbstverständlichkeit?
Wenn man als Künstler das Privileg hat, mit den größten Kunstwerken konfrontiert zu sein, darf man sich nicht nur äußerlich zu etwas bekennen, man muss sich auch danach verhalten. Ich sehe in dem, was die Kunst gibt, auch eine Verpflichtung, und dieser kann und will ich mich nicht entziehen. Es muss Bereiche in unserer Gesellschaft geben, die außerhalb der Tagespolitik stehen. Dazu gehört die Kunst, aber auch der Sport. Man soll darüber streiten und diskutieren, aber es muss jenseits jeder politischen Richtung stehen. Ich fühle mich den zeitlosen Wahrheiten eines Kunstwerkes verpflichtet, und das hat nichts mit Tagespolitik zu tun. Ein großes Kunstwerk ist etwas zutiefst Humanes - Kunst ist einer der ganz wenigen Bereiche, der uns ein Gefühl der Unendlichkeit vermittelt. Nicht, dass wir sie je erreichen können - aber man hat das immanente Streben nach mehr, will Grenzen verschieben in Richtung Unendlichkeit. Es gibt in der Musik Momente - die sind nicht sehr oft, aber es gibt sie -, in welchen die Zeit stehenbleibt …

Wann haben Sie das zuletzt erlebt?
Als ich gemeinsam mit Yefim Bronfman und meinem ältesten Sohn die Brahms-Sonate f-Moll gespielt habe. Das war von Anfang an etwas ganz Besonderes. Oder einmal, als ich mit Lang Lang das Forellenquintett gespielt habe - ein unvergessliches Erlebnis. In diesen Augenblicken nimmt man jeden Moment wahr.

Foto: KURIER/Gnedt

Sind Sie - jenseits der Musik - ein Mensch, der das Leben genießen kann, der gerne und gut isst?
Ja, aber ich bin davon überhaupt nicht abhängig. Ich muss fast eine gewisse Disziplin an den Tag legen, um mittags essen zu gehen. Manchmal vergesse ich sogar aufs Essen.

Wohin gehen Sie gerne essen?
Es ist beim Essen wie in der Musik, ich setze eine gewisse Qualität voraus und bin maßlos verwöhnt durch die Küche meiner Frau.

Was kocht sie besonders gut?
Sie kocht alles wunderbar. Ihre Linsen mit Speck sind hervorragend und ihre Marillenknödel meine Leibspeise. Elisabeth ist sehr scheu und tritt eigentlich nie öffentlich auf, aber sie macht eines, sie lädt meine beruflichen Gäste - Solisten und Dirigenten - zu uns nach Hause ein und bekocht sie.

Foto: KURIER/Gnedt

Mit Marillenknödeln?
Die Gäste dürfen sich das meistens auswählen, und manche wünschen sich von ihr ganz bestimmte Speisen.

Zum Beispiel?
Bei Zubin Mehta muss es etwas Süßes sein. Meine Frau bäckt ihm daher meist eine Schokoladentorte. Christian Thielemann liebt ihr Käsehuhn …

… und was bestellt sich Lang Lang?
Der isst am liebsten nur chinesisch, kommt aber trotzdem sehr gerne zu uns nach Hause. Pierre Boulez liebt Elisabeths Tafelspitz und hat sich in einem Brief folgendermaßen bedankt: "… was den Tafelspitz anbelangt, sagen Sie bitte Ihrer Frau frei nach Kennedy: `Ich bin ein Wiener …`"

Foto: KURIER/Gnedt

Buchtipp:
Angelika & Michael Horowitz
TISCHGESPRÄCHE
Über Essen, Trinken und die anderen schönen Dinge des Lebens
Amalthea Signum Verlag
ISBN 978-3-85002-758-8
224 Seiten
VK-Preis: 19,90 €

Mehr zum Thema

(kurier / Angelika und Michael Horowitz) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?