Lifestyle
03.06.2017

Profiboxerin Voraberger: "Es gibt Tussis und es gibt uns"

Eva Voraberger, 26, ist Österreichs einzige Profiboxerin und dreifache Weltmeisterin. Im Juni verteidigt sie in der Schweiz ihren Titel. Der freizeit erzählt die Steirerin, warum sie Boxerin wurde, sich freiwillig schlagen lässt und woran sie vor einem Kampf denkt.

Frau Voraberger, wie lange würden Sie brauchen, um mich k. o. zu hauen?

Peter Pospichal, Eva Vorabergers Trainer, meldet sich zu Wort: „Ned lang!“

Ein K. o. passiert, das kann man nicht erzwingen. Ich weiß schon, wo ich hinschlagen muss, damit jemand
k. o. geht, aber wann es passiert, kann man nie voraussagen.

Wo schlägt man hin?

Kinn oder Schläfe, aber es muss nicht immer der Kopf sein. Es gibt auch ein Leber-K.o. oder man schlägt auf den Solarplexus oder die kurze Rippe. Es gibt verschiedene Möglichkeiten.

Als Frau frage ich mich schon, wie man sich freiwillig ins Gesicht schlagen lassen kann?

Das hat etwas mit Kämpferherz zu tun. Manche haben das, manche nicht. Nicht jeder Boxer, der trainiert, ist gleichzeitig ein Kämpfer. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich einen Schlag ins Gesicht bekomme. Wenn du in den Ring gehst, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich schlage die Gegnerin oder sie mich. Würde ich nur einen Moment denken: „Oh Gott, meine Nase!“, wäre ich verloren.

Eva Voraberger mit Redakteurin Barbara Reiter: Zum Glück kein K. o.

Sind Sie denn gar nicht eitel?

Peter, bin ich eitel?

Nur wenn es um Utensilien geht – Handtaschen und Schuhe, die typischen Frauenkrankheiten halt.

Es stimmt schon. Ich gehe ins Nagelstudio, mache Maniküre, Pediküre und gehe zum Friseur. Aber im Ring bin ich anders. Wenn ich eine bekomme, mag ich der Gegnerin fünf zurückgeben.

Finden Sie das nicht brutal? Mir fällt sofort der Kampf Wladimir Klitschko gegen Anthony Joshua ein.

Das war super.

Ich konnte teilweise nicht hinsehen und hatte das Gefühl, jeder andere wäre bei der Wucht der Schläge tot gewesen.

Beim Aufwärtshaken, den Klitschko zum Schluss bekommen hat, hat es auch mir alles zusammengezogen. Aber diejenigen, die etwas vom Boxen verstehen, schauen nicht auf die Brutalität eine Kampfes, sondern auf Technik und Taktik. Wenn zum Beispiel ein Konterboxer (Anm.: der den Gegner kommen lässt) gegen jemanden kämpft, der nach vorne geht, weiß man nicht, wer seinen Stil durchziehen kann. Das ist spannend. Und das sind die Dinge, die mich interessieren. Ich schaue, was die Boxer mit ihren Fäusten machen.

Auf YouTube findet man einen Kampf von Ihnen gegen die Ungarin Renáta Dömsödi, bei dem sie Ihnen den Kiefer ausrenkt. Sie sind zu Boden gegangen, haben den Kampf aber gewonnen. Wie kann man mit Schmerzen weiterkämpfen?

Das habe ich gar nicht mitbekommen. Ich habe den Schlag gekriegt, den Kiefer ist herausgesprungen und hat mir dann den Nerv abgedrückt. Deshalb bin ich auch mit Verzögerung zu Boden gegangen. In der Runde war ich noch komplett benommen, aber als ich in der Kampfpause in der Ecke saß, habe ich zum Peter gesagt: „Wenn du mich nicht weiterkämpfen lässt, rede ich nie wieder mit dir.“

Der Schmerz ist womöglich nicht spürbar wegen des Adrenalins?

Genau, das Einzige, was ich bemerkt habe, war, dass ich den Mund nicht richtig schließen konnte. Der Peter hat mir auch die unverletzte Seite im Gesicht gekühlt, um die Gegnerin in die Irre zu führen. Das hat funktioniert. Erst in der letzten Runde habe ich auf die verletzte Stelle noch einen Haken bekommen. Wäre es noch eine Runde gegangen, hätte ich mir schwer getan.

Bei 2: 36 wird Voraberger das Kinn ausgerenkt. Trotzdem kämpft sie weiter und gewinnt

Sie sind der beste Beweis, dass Mädchen nicht wehleidig sind, wie es oft heißt.

Mädchen, die boxen, gehen oft mehr über ihre Grenzen als manche Männer. Das sagt auch der Peter. Natürlich gibt es Tussis und es gibt uns. Ich musste auch nie einstecken, ich habe lieber ausgeteilt.

Waren Sie in der Schule jemand, der auch einmal hinhaut?

Ja, natürlich.

Du kannst ruhig sagen, dass du auch mal Männer geschlagen hast.

Nein, das sagen wir nicht. Ich habe mir nur nix gefallen lassen und klar gemacht, was mein Platz ist. Ich habe mich nur verteidigt. Ich bin generell niemand, der einen Schritt zurückgeht. Das war ich nie und werde ich nie sein.

Hat der Hang, sich zu verteidigen dazu geführt, dass Sie als Jugendliche mit Thaiboxen begonnen haben?

Ja, ich habe einen Ausgleichssport gesucht. Ich war nie aggressiv, aber unausgeglichen und habe etwas zum Auspowern gebraucht. Auch meine Mama hat es nicht leicht mit mir gehabt. Meine Eltern haben geglaubt, dass das nur eine kurze Phase ist. Aber Thaiboxen hat vom ersten Training an mein Leben um 180 Grad gedreht.

Was ist passiert?

Ich musste auf einmal auf meine Ernährung achten, um meine Leistung zu bringen. Dazu hatte ich einen Trainer, der nicht immer gesagt hat: „Du bist gut, super, toll!“ Ich musste mich bei jedem Training beweisen. Ich hatte ein Ziel. Mein erstes Ziel war, dass mein Trainer zufrieden ist. Irgendwann ist er gekommen und hat gefragt: „Magst du kämpfen?“ Dann war es so.

Für einen schwierigen Teenager ist es bestimmt nicht leicht, diszipliniert zu sein. Warum haben Sie es geschafft?

Die Begeisterung für den Sport und der Trainer. Er hat mich geführt und mir gesagt, dass er mich nicht trainiert, wenn ich bestimmte Sachen nicht einhalte. Es war so wie im Film „Million Dollar Baby“. Ich musste auch zeigen, dass ich das wirklich will. Wäre ich in Diskotheken gegangen, hätte er gesagt: „Danke das war’s.“ Einem Trainer, der das alles nur fürs Geld macht, wäre das wahrscheinlich egal gewesen. Aber wenn einer das aus Liebe zum Sport macht und kein Geld damit verdienen will, musst du dich immer beweisen.

Heute sind Sie dreimalige Weltmeisterin im Superfliegengewicht bis 52 Kilo. Ist der Name Superfliege nicht irreführend für eine so harte Sportart?

Ich sag’ so, mir ist das ganz egal. Die meisten verbinden mit Boxen Brutalität, aber es ist Sport, in dem es um Taktik geht und nicht ums wilde Reinprügeln.
Am 24. Juni kämpfen Sie in der Schweiz gegen die Japanerin Aniya Seki. Werden Sie Ihren WM-Titel verteidigen können?

Das wird sehr schwierig. Sie ist die Nummer eins in Japan.

Er redet wieder. Ich muss sie respektieren, sonst krieg’ ich wieder eine auf den Deckel. Sie ist eine Gegnerin wie viele andere und will meinen Gürtel. Den kriegt sie aber nicht.

Sie hat viel mehr Kämpfe als Eva und Routine.

Ja, und viel mehr die Hosen voll. Sie ist auf jeden Fall eine gute Boxerin, aber ich glaube, mein Wille ist stärker als ihrer.

Jetzt muss ich den Trainer fragen. Jedes Selbsthilfebuch rät, an sich zu glauben. Warum dämpfen Sie Eva eher in ihrer Euphorie?

Weil die Leistung entsprechend sein muss. Im Ring ist Krieg. Das muss man immer wieder betonen. Die andere will auch gewinnen und du bist ihr im Weg. Deshalb will sie dich aus dem Weg räumen. Aber wie Eva sagt: es geht um den Willen. Und der kann Berge versetzen.

Eva Voraberger (r.) mit Trainer Peter Pospichal und Gegnerin Eileen Olszewski

Eva, Sie sind die einzige Profiboxerin Österreichs. Woran liegt das?

Es gibt noch Nicole Wesner in der Gewichtsklasse bis 60 Kilo, aber die ist eigentlich aus Deutschland. Sonst gibt es meines Wissens keine österreichische Profiboxerin. Wir haben irrsinnig viele Thaiboxerinnen, die sehr stark und gut sind. Das Problem ist eigentlich das Fernsehen. Wenn es wie in Deutschland, Tschechien oder Ungarn wäre, wo Kämpfe live übertragen werden, würden viel mehr Leute zum Boxen kommen. Wir haben auch tolle Amateurboxerinnen und auch bei den Männern gute Profiboxer. Potenzial ist da, aber das Fernsehen fehlt.

Schauen Ihre Eltern eigentlich zu, wenn Sie kämpfen?

Natürlich. Meine Mama war auch bei dem Kampf dabei, in dem mir der Kiefer ausgerenkt wurde. Nach meinem Sieg bin ich in die Kabine und sie wollte sich eigentlich mit ihrem Mann den nächsten Kampf anschauen. Dann hat der Ringrichter von meiner Verletzung erzählt und sie ist an den Securitys vorbei zu mir gestürmt. Keiner konnte sie aufhalten. Bis dahin habe ich nicht geweint. Aber als die Mama reingekommen ist, ist’s losgegangen.

Ein bisschen Kind bleibt man für immer. Haben Sie ein bestimmtes Ritual vor Ihren Kämpfen?

Nein, habe ich nicht, weil ich ein schlechtes Gefühl hätte, in den Ring zu gehen, wenn ich vielleicht darauf vergesse. Aber es gibt etwas anderes.

Verraten Sie es uns?

Als ich es zum ersten Mal gemacht habe, hat der Peter gesagt: „Wer ist denn so deppert und schaut bei der Bundeshymne hinauf?“ Ich habe meinen ersten Titelkampf am Geburtstag meines Onkels gehabt, der an meinem Geburtstag gestorben ist. Er hat mich am Anfang meiner Karriere immer zu den Trainingslagern gefahren. Damals hat noch nicht mal meine Mama geglaubt, dass ich es schaffen werde. Aber er hat an mich geglaubt. Deshalb schau ich einfach hinauf, wenn ich im Ring stehe und die Bundeshymne kommt. Das plane ich nicht. Es kommt einfach.

Eva Voraberger, 27, wurde in Graz geboren. Sie selbst bezeichnet sich als ehemals schwierige Jugendliche, die auf der Suche nach einem Ausgleichssport beim Thaiboxen landete. Von Anfang an von der Sportart begeistert, ging Voraberger einen Schritt weiter und wurde Profiboxerin. 2014 gewann sie als erste Österreicherin ihren ersten WM-Titel und steht derzeit bei dreien (l.). Voraberger strebt an, die zwei noch ausständigen WM-Titel der insgesamt fünf verschiedenen Boxverbände zu gewinnen. Ihren Kampfnamen „Golden Baby“ erhielt sie spontan von einem ungarischen Trainer, weil an ihr immer etwas glitzert. Als Boxerin geht sie gerne nach vorne und sucht den Infight. Privat ist sie mit dem österreichischen Boxer Leo Levani Dolenjashvili liiert.

Info: am 24. Juni kämpft Eva Voraberger in der Schweiz gegen Japans Nr. 1 Aniya Seki um ihren 4. WM-Gürtel. Der Kampf wird auf ihrer Facebook–Seite live gestreamt. https://de-de.facebook.com/eva.voraberger/