Christoph Kessler, Neurologe; Credit: Vincent Leifer, van Ryck Fotografie
Mythos Hirn
09/23/2013

„Spannender als jede Arztserie“

Als Neurologe erlebt Christof Kessler kuriose Geschichten, die er nun als Buch herausbringt

Ein vielversprechender Flirt, ein zweites Treffen – und dann erkennt die Dame den Verehrer nicht. Sie leidet an Gesichtsblindheit, die im Fachjargon Prosopagnosie genannt wird. Der deutsche Neurologe Christof Kessler hat so eine Patientin betreut und sie neben elf weiteren Personen mit neurologischen Störungen in seiner Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel „Wahn“ porträtiert. Das Buch führt den Leser in die Tücken und Untiefen des menschlichen Gehirns ein.

„Das Gehirn ist für die meisten Menschen ein Mysterium, über das sie etwas wissen möchten. Die Geschichten sind so geschrieben, dass man etwas lernen kann“, erklärt Kessler. Er kombiniert rührende, bestürzende und komische Geschichten mit einer verständlichen medizinischen Erklärung.

35 Jahre Hirnarbeit

Für das Buch konnte Kessler aus einem reichen Fundus an Erfahrungen schöpfen: Der Neurologe beschäftigt sich seit 35 Jahren mit dem menschlichen Gehirn. Langeweile kam noch nie auf: „Jeder Patient ist anders, eine neue Herausforderung. Das macht meinen Arbeitsalltag spannender als jede Arztserie.“

An der Neurologie fasziniert Kessler vor allem die individuelle Tragweite der Erkrankungen. Das Fach bildet die Schnittstelle zur Psychiatrie, denn jede Störung hat auch psychische und psychiatrische Folgen. „Es ist nicht so, wie wenn man sich ein Bein bricht oder einen Herzinfarkt erleidet“, sagt der Experte. „Neurologische Erkrankungen greifen tief in die Persönlichkeit des Patienten ein, was für ihn und sein Umfeld weitreichende Auswirkungen hat. Sein Wesen kann sich komplett ändern.“

Vor allem angesichts der Technisierung medizinischer Prozesse bemüht er sich, seinen Patienten eine menschliche Begleitung durch die Krankheit zu bieten. „Ohne Mitgefühl ist kein Vertrauen möglich.“ Dennoch betont er, dass ein Arzt unbedingt eine gesunde Distanz zu den Schicksalen der Patienten wahren muss, um professionell arbeiten zu können. „Ich kann nicht bei jedem Todesfall mittrauern. Das würde mich kaputtmachen.“

Kein Hypochonder

Auch nach jahrzehntelanger Arbeit mit dem Hirn und seinen Fehlleistungen ist die Faszination größer als die Angst. „Bei Vorlesungen über Multiple Sklerose melden sich immer ein paar Studenten, die glauben, Symptome an sich zu erkennen. Das ist reine Hypochondrie, da darf man nicht hineinkippen“, warnt Kessler. „Ich war nie so.“ Trotzdem: Die Anzeichen häufiger Krankheiten zu kennen, empfiehlt er jedem.

Sein Buch soll dazu beitragen und ermutigen, im Notfall zu handeln. „Wer die Symptome erkennt und weiß, wie eine Krankheit später behandelt wird, kann selbstbewusster reagieren.“ Studien haben gezeigt, dass Österreicher wie Deutsche oft schlecht informiert sind und etwa bei Schlaganfällen, Kesslers Spezialgebiet, nicht rechtzeitig die Rettung rufen (der KURIER berichtete). Dabei hängen die Heilungschancen des Patienten von der Schnelligkeit der Behandlung ab.

Kontakte pflegen

Neben der medizinischen Behandlung betont Kessler die Rolle des sozialen Umfelds im Heilungsprozess. Bei Mäusen mit einem Gerinnsel im Hirn bildeten sich in Gegenwart von Artgenossen schneller neue Synapsen. Kessler leitet ab: „Im Kontakt mit Familie und Freunden geht es einem Patienten nach einem Schlaganfall früher besser. Isoliert in einem Heim dauert das viel länger.“

Trotz solcher und anderer, immer neuer Forschungsergebnisse ist Kessler überzeugt, dass das Gehirn nie ganz erforscht sein wird. „Je mehr man weiß, desto mehr neue Rätsel tauchen auf. Wenn man bedenkt, dass dort unser Bewusstsein sitzt und gedacht, gefühlt und erinnert wird, ist das Gehirn ein gigantisches Organ“, schwärmt der Neurologe. „Ganz ehrlich: Ich konnte es noch nie verstehen, wenn sich ein Medizinstudent für ein anderes Fach entscheidet.“

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