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Erstaunlich: Das Comeback des Kinos

Je größer die Auswahl, desto größer die Sehnsucht nach Orientierung. Während wir uns durch endlose Streaming-Kataloge scrollen, erlebt das Kino ein überraschendes Revival.

Das Wiener Bellaria Kino war bereits Geschichte. Zu Weihnachten 2019 schloss es seine Pforten. Ein Kino weniger. Das ist eben der Lauf der Zeit, eigentlich nicht mehr als eine Randnotiz in einer Welt, in der unendlicher Spaß im Handyformat in jeder Hosentasche steckt.

Doch dann passierte etwas Merkwürdiges. Statt endgültig zu verschwinden, kehrte das traditionsreiche Lichtspielhaus, das 1911 noch zu K. u. k.-Zeiten gegründet worden war,  zurück. Nach jahrelanger Pause gingen wieder die Lichter an. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Streamingdienste mehr Filme und Serien anbieten als jemals zuvor.

++ THEMENBILD ++ KINO / FILM / VORFÜHRUNG / BELLARIA KINO
©APA-Images / APA / HANS KLAUS TECHT/HANS KLAUS TECHT/APA Images

Und das Bellaria ist nicht allein. Auch rund um das Urania-Kino wird derzeit an neuen Konzepten gearbeitet. Mit „CEEnema“ zieht dort eine Programmschiene ein, die den Blick verstärkt nach Mittel- und Osteuropa richtet und gemeinsam mit den ehemaligen Machern des Let’s CEE-Film-Festivals entwickelt wurde. 

Und die aktuellen Statistiken sprechen durchaus für diese Projekte – und fürs Kino im allgemeinen. Während die Zuschauerzahlen europaweit im Jahr 2025 um etwa zwei Prozent gestiegen sind, gingen in Österreich sogar zwischen acht und neun Prozent mehr Menschen ins Kino.  Schon unmittelbar nach der Pandemie im Jahr 2022 zeigte sich, dass viele Zuschauer keineswegs mit dem Kino abgeschlossen hatten.

Laut Christof Papousek, Geschäftsführer der Constantin-Film- und Cineplexx-Gruppe, lagen die Monate zwischen Mai 2022 und Juni 2023 sogar über dem bis dahin stärksten Kinojahr 2019. Erst der langwierige Autorenstreik in Hollywood bremste die Erholung wieder etwas aus. Und was ist mit der scheinbar überwältigenden Konkurrenz auf unseren Bildschirmen? 

Unendliche Unterhaltung

Netflix, Disney+, Prime Video, Apple TV+, Sky, HBO, Paramount, Mediatheken, Sport-Abos, Leihdienste und Spezialplattformen – noch nie war Unterhaltung so leicht verfügbar.

EUROVISION SONG CONTEST (ESC) 2026: PUBLIC VIEWING ZUM FINALE: URANIA
©APA-Images / APA / TOBIAS STEINMAURER/TOBIAS STEINMAURER/APA Images

Gleichzeitig klagen viele Zuschauer über ein Phänomen, das man beinahe als Streaming-Erschöpfung bezeichnen könnte. Man scrollt durch endlose Menüs, speichert Titel auf Merkliste um Merkliste, beginnt Serien und bricht sie wieder ab. Oft dauert die Suche nach dem richtigen Film länger als der Film selbst. 

Das Kino bietet dazu einen  radikalen Gegenentwurf. Man kauft ein Ticket. Man setzt sich hin. Das Licht geht aus. Der Film beginnt. Und der entwickelt, wenn keine Stopp-Taste in Reichweite ist, keine Werbeunterbrechung uns nervt oder zum Kühlschrank gehen lässt, einen Sog, den wir sonst kaum erleben. „Streaming ist super – aber die Aufmerksamkeit im Kino ist ganz eine andere. Man nimmt sich etwas vor, vielleicht mit Freunden – und das ist dann etwas Besonderes“, sagt Papousek zu diesem Phänomen.

Eine willkommene Abwechslung zum  Alltag, der durch YouTube-Shorts und TikTok-Videos zerschnippselt ist. In dem uns beinahe schon die Geduld fehlt, wenn wir auf die nächste Folge unserer Lieblingsserie eine Woche warten müssen und sie nicht an einem Wochenende Binge-Watchen können, bis wir uns am Ende kaum noch an die erste Folge erinnern können.

Kino als Event

Für Papousek ist es aber nicht nur die fehlende Ablenkung. Ebenso wichtig sei das gemeinsame Erleben: „Zur selben Zeit fürchten, lachen, weinen.“ Kino sei bis heute einer der wenigen Orte, an denen Menschen Geschichten nicht nebeneinander, sondern miteinander erleben.

Denn die erfolgreichsten Kinomomente der vergangenen Jahre waren selten bloß Filmstarts. Als „Barbie“ und „Oppenheimer“ gleichzeitig in die Kinos kamen, entstand daraus das globale Phänomen „Barbenheimer“. Menschen verabredeten sich zu Doppelsichtungen, diskutierten in sozialen Netzwerken und machten den Kinobesuch selbst zum Ereignis. Ähnliches geschah bei den „Dune“-Filmen oder dem Konzertfilm von Billie Eilish, bei dem „die Zuschauer vor der Leinwand tanzten wie bei einem  tatsächlichen Konzert“, wie Christof Papousek erzählt. 

Entsprechend wichtig werden Veranstaltungen rund um den Film. Premieren, Publikumsgespräche und Fan-Events gehören mittlerweile zum festen Bestandteil des Kinoprogramms. Diesen Sommer wird zum nächsten Eberhofer-Krimi Simon Schwarz mit einem Großteil des Casts durch Österreich touren. Es gibt Cosplay-Veranstaltungen, die ein junges Publikum ebenso begeistern wie K-Pop und Anime-Produktionen, die oft nach wenigen Minuten ausverkauft sind. „Das alles macht ein Mehr aus, das es zuhause nicht gibt“, sagt Papousek.

Denn gerade die Generation, die mit TikTok und Streaming aufgewachsen ist, sehnt sich nach Erlebnissen, die sich vom digitalen Dauerrauschen unterscheiden. Nicht zufällig ist der Anteil an Kinobesuchern zwischen 18 und 35 besonders hoch. Nicht zufällig boomt parallel auch alles, was auf Gemeinschaft setzt: Konzerte,   Brettspielabende, Running Clubs, Book Clubs, Strick-Clubs oder Vinyl-Schallplatten-Clubs. Kino passt erstaunlich gut in diese Bewegung. Es ist analog genug, um besonders zu wirken, und modern genug, um relevant zu bleiben. 

Orientierungshilfe

Dazu kommt ein weiterer Faktor: Die große Verheißung des Streamings lautete einst, jeder könne jederzeit alles sehen. Heute führt genau diese grenzenlose Auswahl oft zur Überforderung. 

Was früher der Kinobetreiber, der Filmkritiker oder das Programmheft erledigte, müssen wir nun selbst übernehmen. Aus Tausenden Titeln den einen herausfiltern, der unsere Zeit wert ist. Genau deshalb erleben kuratierte Angebote eine Renaissance. Wer etwa ins Bellaria geht, vertraut darauf, dass sich jemand bereits Gedanken gemacht hat. Dass hinter dem Programm eine Idee steht. Auch das ist Kino: Ein Gegenmodell zu Algorithmen, Autoplay und endlosem Scrollen. Ein Ausweg aus dem Streaming-Labyrinth.

Und zu guter Letzt bleibt eben die Tatsache, dass Kino ein  magisches Erlebnis für – beinahe – alle Sinne darstellt. Etwas, das wir uns auch über den größten Flatscreen im eigenen Wohnzimmer nicht holen können. Oder, wie es Christof Papousek ausdrückt: „Wenn Kino uneingeschränkt seine Leistung zeigen kann, ist es ganz einfach der Ort, an dem das Kunstwerk Film in seiner besten Form gesehen werden kann.“ 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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