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Lifestyle Fragen an das Leben
03/06/2020

Ist es OK, wenn ich mich fremdverliebe?

Warum ein außerehrliches Gefühlschaos nicht zwingend das Ende der Beziehung bedeutet.

von Julia Pfligl

Es beginnt harmlos. Ein gemeinsamer Dienst mit dem neuen Kollegen, ein zufälliges Treffen mit alten Schulfreunden, ein kleiner Flirt mit dem Fitnesstrainer. Obwohl man – eigentlich – eine zufriedene Beziehung führt, macht sich diese eine Person plötzlich in Herz und Kopf breit. Es kribbelt, wenn man an sie denkt, man sucht den Kontakt, will sie unbedingt wiedersehen.

 

Erstmal gibt es keinen Grund zur Panik, denn „Fremdverlieben“ ist ein häufiges Phänomen, wie eine Studie von ElitePartner aus dem Jahr 2019 zeigt: Von mehr als 4.000 Befragten gab jeder Zweite an, schon einmal für jemand anderen außer den eigenen Partner geschwärmt bzw. Gefühle entwickelt zu haben. Meist handelt es sich dabei um Personen aus dem näheren Umfeld, Männern „passiert“ der amouröse Exkurs häufiger als Frauen.

Chance für die Liebe

„Auswärtige“ Schmetterlinge bedeuten nicht zwingend, dass eine Beziehung am Ende ist bzw. dass man den eigenen Partner nicht mehr liebt, weiß Hilde Fehr, die  in Wien als Selbstwert- und Paarcoach tätig ist. „Sich verlieben“, sagt sie, „ist erst mal ein Zeichen von Lebendigkeit. Wir können uns ins Leben neu verlieben, in eine Sportart, ins Kreativsein oder in eine neue Ausbildung. Das heißt, sich verlieben ist per se eine wundervolle Sache, weil wir uns selbst wieder intensiv spüren und wahrnehmen.“

Sehr wohl aber kann die plötzliche Gefühlsverwirrung ein Hinweis darauf sein, dass einem zum gegebenen Zeitpunkt in der eigenen Beziehung etwas fehlt. „Man kann sagen, das ist eine Chance, nachzuspüren, was wir vermissen und was in der Beziehung mehr gepflegt werden muss“, sagt Fehr.  

Schildkröte & Hagelsturm

„Man kann entweder sagen: ‚Ich bin, wer ich bin. Sei zufrieden!‘ Dann wäre das Fremdverlieben eine vergeudete Chance und wird möglicherweise zur Trennung führen. Oder man sagt: ‚Ich werde mal schauen, ob ich wachsen kann als Persönlichkeit!‘ Denn jeder Mensch hat alles in sich, lebt aber nur Teilaspekte. Und genauso kann aus einer Angst, den anderen zu verlieren, eine befruchtende neue Situation und ein Neuverlieben ineinander entstehen.“
Welche Bedeutung und mögliche Konsequenzen es hat, wenn man sich fremdverliebt, hängt auch davon ab, welcher Persönlichkeitstyp man ist.

Die Imago-Beziehungstheorie unterscheidet zwischen den ruhigeren „Schildkröten“, die  sich eher zurückziehen, und extrovertierteren „Hagelstürmen“, die oft und schnell auf Impulse reagieren. „Eine Schildkröte wird solche Gefühle nicht so leicht zulassen oder wahrnehmen. Wenn so ein Typ einmal fremdverliebt ist, heißt es für den anderen: Aufwachen und in die Gänge kommen! Denn dieser Typ Mensch hat  lange hin- und herüberlegt.“

Lange Reue

Verknallt sich hingegen ein gefühlsbetonter Hagelsturm, was laut Fehr durchaus öfter vorkommt, heißt es: Zuerst nachdenken, was ihm in der eigenen Beziehung möglicherweise fehlt, mit dem Partner reden und erst dann handeln. „Auf keinen Fall aus einem Impuls heraus der Verliebtheit Taten folgen lassen“, rät Fehr.

Auf jeden Fall sollte man das ehrliche Gespräch mit dem Partner suchen, ehe man mit dem Verursacher der Schmetterlinge körperlich wird.

Der Paarcoach weiß, wie ein Schnellschuss enden kann: „Ich kann ein Lied davon singen, wie sehr und wie lange es die Partner bereuen, dass sie aufgrund eines Impulses, endlich mal wieder angehimmelt und begehrt zu werden, eine Ehe aufs Spiel gesetzt haben.“