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Die Pferdeflüsterer
04/30/2016

Die Pferdeflüsterer

Seit 6.000 Jahren sind Mensch und Pferd Partner. Trotzdem ist die Kommunikation zwischen beiden oft gestört. Aber macht es überhaupt Sinn, dem Ross etwas zu flüstern – sollten wir nicht lieber zuhören?

Pferde flüstern nicht. Sie wiehern. Das weiß jedes Kind. Wer sie allerdings ein wenig genauer beobachtet, merkt, dass sie noch viel öfter schnauben, schmatzen und mit den Zähnen knirschen. Oder einfach nur nicken, blinzeln und allerlei choreografische Feinarbeit mit den Ohren veranstalten.Wollen sie uns damit etwas mitteilen? "Natürlich", sagt Monty Roberts, "so kommunizieren Pferde miteinander. Und mit uns – wenn wir zuhören." Der 80-Jährige ist gemeinsam mit Pat Parelli einer der führenden Experten in Sachen "Pferdeflüstern". Anfang Mai wird er in Ebreichsdorf und Stadl Paura österreichische Pferdefreunde in die Geheimnisse dieser Kunst einweisen, sein Kollege Parelli folgt ihm Mitte Mai, er ist am niederösterreichischen Sonnberg tätig, am 22. 5. kommt er dann ebenfalls ins Magna Racino Ebreichsdorf.

Aber natürlich flüstern auch die Pferdeflüsterer nicht wirklich. Es ist ein Ausdruck, der zu Zeiten Queen Victorias im England des späten 19. Jahrhunderts entstanden ist, als die Königin wissen wollte, was der Pferdetrainer, der ihren Problemhengst wieder auf Schiene gebracht hat, denn so besonderes mache. Er gehe mit ihm hinter den Stall und flüstere ihm heimlich etwas ins Ohr, haben ihr die Stallburschen damals erklärt. In Wahrheit hatten sie einfach keine Ahnung, was eigentlich vorging. Gut 100 Jahre später war es der gleichnamige Film mit Robert Redford, der den Ausdruck zum Allgemeingut machte. Der Streifen basiert übrigens auf der Arbeit und dem Leben von Buck Brannaman.

Nur, was tun sie denn nun wirklich, die Herrn Pferdeflüsterer? In erster Linie sind sie unglaublich präzise und erfahrene Beobachter. Sie erkennen und deuten jede noch so kleine Regung ihres vierbeinigen Gegenübers. Und wissen, wie sie darauf reagieren sollen. "Wenn mir Pferdebesitzer ein problematisches Tier bringen, istihreVersion des Problems das Unwichtigste an der ganzen Angelegenheit", sagt Monty Roberts trocken. Er sieht sich das Verhalten des Tieres lieber selbst an. Um dann "ganz in Ruhe etwas dagegen zu tun", wie er erklärt. Betonung auf "in Ruhe". Denn Gewalt und Schmerzen, da sind sich alle Vertreter des als "Natural Horsemanship" bezeichneten artgerechten Umgangs mit Pferden einig, sind auf gar keinen Fall probate Mittel. "Die Art, wie wir mit Tieren umgehen, spiegelt ja unser menschliches Miteinander wider", meint Monty Roberts. "Was tun wir mit unseren Mitmenschen, deren Meinung uns nicht passt? Mit unseren Kindern, wenn sie uns ärgern? Schlägst du deine Frau, weil sie dir widerspricht?"

Wie auffallend viele seiner Kollegen hatte auch Monty Roberts eine schwierige Kindheit, in der er unter einem extrem gewalttätigen Vater litt. Im Bestseller "Der mit den Pferden spricht" beschreibt er sein Martyrium. Prellungen, Brüche, blaue Flecken machten den Sohn eines Polizisten und Pferdetrainers zum Stammgast im Krankenhaus. Und es waren nicht die Tiere, die ihm das angetan haben, wie er erklärt. Mit 14 hat Roberts selbst das letzte Mal ein Pferd mit einer Peitsche geschlagen. Weil sein Vater es ihm befohlen hatte. "In dem Moment wurde mir klar: Ich werde das nie wieder im Leben machen. Ich wollte nicht, dass so etwas mit irgendeinem Lebewesen geschieht", sagt er.

Das Vertrauen der Tiere zu gewinnen und ihre Würde zu bewahren, diese beiden Grundsätze wurden zu den Pfeilern seiner Reitphilosophie, mit der er sich vor allem auch gegen das in den USA übliche "Brechen" der Pferde wandte. Also der Unterwerfung des Tieres durch physische Gewalt. "Damit stand Roberts natürlich nicht alleine, in Europa hatte dieser Ansatz eine lange Geschichte", erklärt Pferdetrainer und "Parelli-Instruktor" Martin Wimmer vom Hof Rohrmühle in Sonnberg. "François Robichon de la Guérinière im 18. Jahrhundert etwa, aber auch in der ungarischen und spanischen Schule oder der Vasquero-Kultur Kaliforniens", so Wimmer. "Doch im allgemeinen herrschte vor 60 Jahren schon ein rauerer Umgang mit den Tieren – Männer wie Tom Dorrance oder eben Monty Roberts waren da eine große Ausnahme."

Natürlich geht es beim "Pferdeflüstern" nicht ums Knuddeln und Kuscheln und Pferdchenliebhaben. "Es ist leider so, dass in unserem Umgang mit Pferden zwei Ex-trempositionen vorherrschen", sagt Monty Roberts. "Entweder, ich versuche das Tier bedingungslos zu unterwerfen – oder ich verniedliche, vermenschliche es", erklärt der Pferdetrainer. "Beide Verhaltensweisen führen irgendwann zu unerwünschten, sogar gefährlichen Reaktionen des Pferdes." Die "Natural Horsemen" schmusen also keineswegs mit ihren Pferden herum. Positive Reaktionen werden belohnt, negative werden dem Tier so ungemütlich wie möglich gemacht – ohne Schmerzen zuzufügen, aber durchaus resolut, wenn's sein muss. Immerhin hat man es mit Lebewesen zwischen 500 und 1.000 Kilo zu tun und keinen Kuscheltieren. Für den Menschen kann ein Huftritt fatale folgen haben, dessen muss man sich immer bewusst sein.

Angst? "Es sind große Tiere, sie sind unglaublich viel stärker und schneller als wir. Niemand muss sich schämen, wenn er sich vor einem Pferd fürchtet", erklärt Monty Roberts. Um hinzuzufügen: "Tatsächlich ist es gar nicht schlecht, wenn man am Anfang ein wenig Angst vor Pferden hat. Im Idealfall wird daraus Respekt. Und das ist eine sehr gute Basis für eine Partnerschaft."Monty Roberts selbst hat keine Angst vor Pferden. Vor keinem Pferd. "Je aufgeregter du bist, desto aufgeregter wird das Tier", erklärt er. Also: Immer ruhig bleiben. "Aber ein paar mal musste ich mich schon auch schleunigst in Sicherheit bringen", sagt er und lacht. Mit wie vielen Pferden er in seinem Leben schon gearbeitet hat? Er weiß es nicht genau, 80.000 vielleicht, meint er. "Dabei hab ich gar nicht so früh mit dem Reiten begonnen. Ich war schon drei, als ich richtig anfing." Mit vier hat er sein erstes Rodeo gewonnen. "Ich habe den Pokal noch immer. Seit 76 Jahren. Ich muss wohl doch ein bisschen stolz auf ihn sein."

Heute arbeitet er mehr mit Menschen als mit Pferden: "Soldaten, die aus einem Krieg zurückkommen, Kinder, die missbraucht und geschlagen wurden – Menschen, die glauben, niemandem mehr vertrauen zu können. Ihnen hilft die Arbeit mit Tieren, deren wichtigste Kommunikationsbasis gegenseitiges Vertrauen ist." Und gerade für seine Arbeit mit Kindern und Kriegsveteranen wurde Monty Roberts von seinem größten Fan, der englischen Königin Elizabeth II. vor zwölf Jahren mit dem "Royal Victorian"-Orden geehrt. Zu Recht.

Denn in den 6.000 Jahren unserer gemeinsamen Geschichte, waren Pferde der wichtigste kulturelle Begleiter der Menschen. Sie wurden als Wesen voller Würde und Schönheit bewundert und als Gebrauchsgegenstände gnadenlos verheizt. Gehätschelt und verprügelt, galten als Tiere der Könige und sahen als geschundene Grubenpferde ihr Leben lang keinen Himmel. Mit ihrer Hilfe wurden Weltreiche errichtet und zu Fall gebracht. Pferde haben unseren Bewegungsradius entscheidend erweitert. Leider viel zu selten auch unseren Horizont.

Monty Roberts: 5.5., Magna Racino, 2483 Ebreichsdorf. 7.5. Pferdezentrum Stadl-Paura.

Pat & Linda Parelli: 17.–20.5. Fohlenweide Rohrmühle, 2020 Sonnberg. 22.5. Magna Racino, 2483 Ebreichsdorf

Oberösterreichische Landesausstellung "Mensch & Pferd" Bis 6.11., Stadl-Paurawww.landesausstellung.at

TOM DORRANCE (1910–2003) Der Mann aus Oregon gilt als der sanfte Weise unter den Pferdeexperten. „Das Pferd handelt aus dem Trieb, sich selbst und die Art zu erhalten. Das ist vernünftig, sonst gäbe es keine Pferde mehr. Der Mensch muss das respektieren und sein Handeln danach richten“, war sein Credo. Er selbst scheute zwar das öffentliche Interesse, beeinflusst mit seinen ungewöhnlichen, aus der spanisch-mexikanischen Tradition gewachsenen Methoden die „Natural Horsemen“-Szene aber bis heute.

RAY HUNT (1929–2009) Der Cowboy und Rodeoreiter aus Idaho war ein „Mann wie Leder und Stacheldraht“. Eine schwierige Kindheit machte ihn hart, sein Talent als Reiter brachte ihm den Ruf ein, sich von keinem Pferd abwerfen zu lassen. Gewalt war Teil seines Lebens, ein schwierigeres Pferd braucht eben „einen größeren Stock“ war sein Grundsatz. Bis er Tom Dorrance kennenlernte. Der brachte ihm bei, dass „ein Pferd, das keinem vertraut, kein Vertrauen in sich selbst hat“. Und dass dieses mangelnde Selbstvertrauen der Grund des Problems ist. Seinen Schülern gab er Folgendes mit: „Lernt von euren Pferden. Versucht, es auf ihr Niveau hinaufzuschaffen. Statt sie herunterzuzerren auf eures.“

BUCK BRANNAMAN(*1962)Der Mann, der für Robert Redfords „Pferdeflüsterer“ Pate stand, war schon als Fünfjähriger Kunstreiter – und wurde von seinem Vater dermaßen verprügelt, dass der Schularzt ihn in eine Pflegefamilie bringen ließ. „Es waren die Pferde, die mir das Leben gerettet haben. Weil sie mir einen Grund gaben, weiterzumachen“, sagt er. Als 20-Jähriger wurde er Schüler von Ray Hunt und Tom Dorrance. Was ihn an der Arbeit mit Pferden fasziniert? „Das Unbekannte macht uns Angst. Das gilt für beide Seiten. Wenn es uns gelingt, dieses Unbekannte zu begreifen, zu akzeptieren, gibt es keine Angst mehr.“

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