Schweiß, lass nach: Warum wir unser Deo völlig neu nutzen
Zwischen Naturkosmetik, Wissenschaft und einigen Mythen erlebt ein alltägliches Pflegeprodukt einen erstaunlichen Wandel.
Lange bevor das Sprüh-Deodorant seinen Siegeszug feierte, war es ein unscheinbares weißes Pulver, das mit den Fingern unter die Achseln gestrichen wurde. Speisesoda war für viele ein bewährtes Hausmittel, wenn es darum ging, unangenehmen Körpergeruch zu vermeiden.
Genau diese Erinnerung an ihre Großmutter brachte Eva Immervoll auf eine Idee. Damals dachte die Oberösterreicherin noch, sie wäre allein mit ihrem Problem: Mehrmals täglich Deo auftragen, ohne ein zufriedenstellendes Produkt zu finden.
Ein Jahr lang tüftelte die heute 57-Jährige an der perfekten Rezeptur für ein Deo, das ihren Ansprüchen genügte. Zunächst von Freundinnen aus der Hand gerissen, wurde vor zehn Jahren die Marke „Achselkuss“ daraus.
Eva Immervoll hat das Hausmittel Soda neu entdeckt.
©AchselkussEin Lifestyleprodukt
Was damals noch neuartig war, ist heute ein fixer Bestandteil des Deomarktes: Produkte mit Natriumbicarbonat, also Natron, boomen – vor allem in der Naturkosmetik. Der Grund liegt in der Wirkweise: Durch seinen basischen (alkalischen) pH-Wert entzieht Natron den Bakterien unter den Achseln die Lebensgrundlage. Dadurch wird die Geruchsbildung langfristig gehemmt.
Während klassische Antitranspirante auf Aluminiumsalze setzen und so die Schweißproduktion verringern, wollte Immervoll bewusst einen anderen Weg gehen. Auch deshalb, weil Aluminiumsalze vor einigen Jahren im Verdacht standen, Brustkrebs oder sogar Alzheimer zu begünstigen. Die wissenschaftliche Einschätzung hat sich seither allerdings deutlich verändert.
Dermatologe Clemens Frisee stellt im KURIER-Interview klar:
„Nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand gibt es keinen sicheren Nachweis, dass Aluminiumsalze für den Körper schädlich sind oder die Entstehung von Krebs oder Alzheimer verursachen können.“
Wer vor allem unter seinem Körpergeruch leidet, kann auf Waschgels mit Benzoylperoxid setzen, um Bakterien zu reduzieren, rät der Experte. Bei sehr empfindlicher Haut auf wenige Inhaltsstoffe ohne Parfum, Alkohol und auch Natron achten, weil es hoch dosiert Reizungen erzeugt.
Ausgewählte Deos
Für viele Konsumenten geht es aber ohnehin längst um mehr als nur die Wirkung. Neben klassischen Sprays finden sich heute feste Deosticks, nachfüllbare Systeme oder spezielle Duftkonzepte in den Regalen. „Das Deodorant ist vom Alltagsprodukt zum Lifestyleartikel geworden“, sagt Immervoll über den Wandel. Ihr Unternehmen wächst – nicht nur wegen der Nachfrage nach naturnahen Rezepturen.
Früher verschwand das Deo unauffällig im Badezimmerschrank. Heute spielen Design, Nachhaltigkeit und Markenphilosophie eine immer größere Rolle. Ist es wieder befüllbar, ohne Plastik in einem Karton verpackt oder sieht es schick aus?
Solche Eigenschaften seien heute oft kaufentscheidend, erklärt die Achselkuss-Gründerin den umkämpften Markt. Das Deo werde zunehmend zum Ausdruck der eigenen Identität.
Tabuzone
Und noch etwas hat sich verändert: Über die Körperzone wird heute offener gesprochen. „Viele ekeln sich vor Achseln und wollen sie nicht berühren“, erzählt Immervoll von ihren Besuchen auf Messen. „Dabei sind Achseln, wenn sie gewaschen sind, nicht weniger hygienisch als die Füße oder die Hände.“
Vielleicht ist das die größte Entwicklung des Deomarktes: Nicht nur die Produkte haben sich verändert. Auch ein Körperteil, der lange unsichtbar bleiben sollte, kommt aus der Tabuzone.
Info
Brustkrebsrisiko: Neuere Studien finden keinen Zusammenhang zwischen aluminiumhaltigen Antitranspiranten und einem erhöhten Brustkrebsrisiko. Die Aufnahme über Lebensmittel ist im Alltag meist höher als die über korrekt angewendete Antitranspirante.
50,8 Prozent der weltweiten Verkäufe sind Spray-Deos. Das Männersegment macht 54 Prozent aus.
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