Aufklären und Barrieren abbauen

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Aufklären und Barrieren abbauen
09/18/2012

Aufklären und Barrieren abbauen

Wer körperlich krank ist, geht selbstverständlich zum Arzt. Wenn die Seele leidet, ist das noch lange nicht so. Woher die Angst vor dem Psychiater kommt.

von Dietmar Kuss

Etwa jeder vierte Österreicher leidet im Laufe seines Lebens an einer psychiatrischen Erkrankung. Oder heißt es psychische Erkrankung? Studien im deutschsprachigen Raum zeigen, dass manchmal selbst Gesundheits-Experten den Unterschied zwischen Psychiatrie, Psychologie, Psychoanalyse und Psychotherapie gar nicht so genau kennen. Das ist neben der Stigmatisierung und den Kosten ein Grund, warum hierzulande die Scheu, sich auf die Couch zu legen oder auch nur einen Psychologen aufzusuchen relativ groß ist. Und das, obwohl die meisten Fälle psychischer Leiden heilbar oder zumindest gut behandelbar sind.

Ins "Irrenhaus" zu kommen war in den 70er-Jahren der Inbegriff des endgültigen sozialen Abstiegs. Schlimmer als Gefängnis oder Zuchthaus. Vielerorts wurden Schreckensbilder von in Zwangsjacken steckenden verängstigten Kreaturen gezeichnet, die mit Medikamenten ruhig gestellt wurden. Das ist zwar ein Extrembeispiel, doch gar nicht so weit her geholt. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich das Bild der Psychiatrie gewandelt. Statt chemisch unterstützter Ruhigstellung in Massensälen, setzen die Therapeuten heute auf individuelle Behandlung, bestmögliche Integration in die Gesellschaft und leisten wo immer möglich Hilfe zur Selbsthilfe.

Viel dazu beigetragen hat eine Anti-Stigma-Kampagne der World Psyciatric Assoziation. Auch in Österreich wurde die Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie im Jahr 2000 mit umfassender Aufklärungsarbeit beauftragt. Denn: Noch heute sehen sich Psychiatrie-Patienten "mit Krankheiten konfrontiert, deren Wesen sie zum sozialen Rückzug veranlasst" (Österreichischer Psychiatriebericht 2004). Dokumentiert sind diese Ängste in diversen Online-Foren. Dort erzählen User etwa von der Angst, "dass man mich gleich irgendwo auf nimmer wiedersehen verschanzt, dass ich sofort Medikamente bekomme, die mich ruhig stellen und sie dann mit mir machen könnten, was sie wollten. Gott, war mir komisch zumute. Ich bin doch nicht verrückt!"

"Die Scheu, zu einem Psychiater zu gehen sollte nicht größer sein, als zu einem Zahnarzt zu gehen", sagt der Wiener Psychotherapeut Willi Tauber im Gespräch mit KURIER.at. Schließlich seien Psychiater einfach nur Ärzte, die sich mit den somatischen Ursachen psychischer Probleme auseinandersetzen. Um Psychiater wie Psychotherapeuten endgültig salonfähig zu machen, sei weitere Aufklärungsarbeit - vor allem in den bildungsferneren Sichten - nötig. "Dazu sind die Berufsverbände aufgerufen", sagt Tauber, der auch im CARITAS-Familienzentrum tätig ist. Ein großer Punkt seien auch die hohen Therapiekosten. Es gebe zwar Stellen (CARITAS), die kostenlose Therapie anbieten, das seien aber viel zu wenig.

Nachsatz, und um noch einmal auf den bedrückten Forum-User zurückzukommen: In einem späteren Eintrag verkündet er freudvoll, dass er den Schritt hin zum Psychiater doch gemacht hat: "Endlich einer, der versteht, wie ich mich fühle". Darum sollte es bei der angesprochenen Aufklärungsarbeit wohl gehen: Die Menschen davon überzeugen, dass sie mit ihren Problemen bei einem Spezialisten gut aufgehoben sind.