Leben
22.04.2018

Wolfram Pirchner: "Wir gehen mit unseren Alten schlecht um"

In seinem neuesten Buch erklärt der ORF-Star, warum er vor dem Altern keine Angst hat.

Wolfram Pirchner ist junggeblieben. Man könnte sogar sagen, das Wort ist wie für ihn erfunden worden. Vergangene Woche frohlockte er durch das Studio der eher jungen Sendung Willkommen Österreich, präsentierte dort sein neues Buch und konnte dem eher jungen Publikum das eine und das andere Lächeln oder gar herzhafte Lacken entlocken.

Dieses Buch – mittlerweile das vierte Werk des ORF-Stars – behandelt die Angst vor dem Alter. Oder eben die Nicht-Angst: Keine Panik vor dem Alter(n) – Zu jung, um alt zu sein (Verlag Alamathea, 23 Euro) hat er es genannt und erklärt seinen Fans darin auf vielen Etappen, warum er sich mit seinen 60 Jahren noch immer sehr wohl fühlt, teils wohler, teils besser, kaum eingeschränkter als in seinen jungen Jahren.

Viele Jahre war der Tiroler ein bekanntes Gesicht im Fernsehen. Er moderierte Nachrichten wie die ZIB  genauso  wie Unterhaltungssendungen, etwa Willkommen Österreich oder die Volkstümliche Hitparade. 2004 und 2005 wurde Pirchner mit  der "Romy" geehrt. Als 2017 die Sendung heute leben eingestellt wurde, schied Pirchner aus dem ORF aus. Jetzt gibt er Tipps, ohne Ratgeber sein zu wollen und erzählt, aus seinem Leben und von Freunden.

In seinem neuen Buch wählt er die Du-Form und konsequent die weibliche Anrede. Weil er mehr Leserinnen als Leser habe und über so Persönliches erzähle. Weil der KURIER ihn zu diesen Persönlichkeiten befragt hat, bleiben wir per Du.

KURIER: Du betitelst das Buch mit der Unterzeile „Zu jung, um alt zu sein“. Lassen wir uns kurz darauf ein: Was definiert deiner Meinung nach, ob man jung oder alt ist? Was gehört aus deiner Sicht zum Altsein, was zum Jungsein?

Wolfram Pirchner: Die Begriffe „jung“ und „alt“ sind doch eher schwammig. Wann endet das eine, wann beginnt das andere? Befinde ich mich in einem halbwegs erträglichen physischen und psychischen Zustand, dann ist es mir völlig egal, ob mich wer als jung oder alt definiert. Es kommt auf die eigene Grundeinstellung an und vor allem darauf, wie wichtig man dieses Thema nimmt. Zum Jungsein gehören Neugierde, Lernwille, Motivation und Konsequenz. Zum Altsein übrigens auch, vielleicht ein wenig gelassener.

Zitat: „Es geht „im Leben um Liebe. Und nur darum. Es geht um die selbstlose, verzeihende, hingewandte Liebe, die bereit sein muss, Schranken zu überwinden und Verfehlungen zu verzeihen. Bedingungslos.“ Das ist beeindruckend deutlich. Lieben Menschen mit 60 bedingungsloser und umfassender als sie es mit 30 oder 20 Jahren tun? Lernt man diese Liebe? Hat sie etwas mit der „Güte des Alters“ zu tun?

Ob Menschen allgemein mit 60 bedingungsloser lieben, weiß ich nicht und das tangiert mich auch nicht. Wichtig ist für mich ausschließlich, wie ich liebe. Und vor allem wen. Wie oft liebt man in seinem Dasein überhaupt? Ja, ich liebe bedingungsloser, jedoch nicht umfassender. Das wäre ja auch anstrengend. Liebe kann man doch nicht lernen – entweder man hat sie in sich oder eben nicht. Vielleicht hat sie auch mit der näher kommenden Endlichkeit zu tun.

Du schreibst über die Juvilität als Ziel unserer Gesellschaft, und dass dieses „60 ist das neue 40“-Dogma schwachsinnig ist. Gleichzeitig sagst du: „60 ist wie 18 mit 42 Jahren Erfahrung“. Gestern hat Du Deinen 60. Geburtstag gefeiert. Wagen wir also die Blicke in beide Richtungen: Was kann nur die Jugend, was nicht? Was kannst du erst jetzt, und was geht nicht mehr?

Die Jugend kann körperlich mehr, sie ist beweglicher. Nun, nicht alle, aber viele. Die Jugend ist flexibler, aber das ist ja völlig normal, das waren wir auch. Vieles geht nicht mehr, aber da gibt es intensive Erinnerungen und die wiegen vieles auf.

Zur Frage: Was kann ich heute? Ich bin selbstreflektiv, ich weiß, wie ich ticke, ich spiele niemanden mehr etwas vor (warum sollte ich auch?), ich bin authentisch, ob man das nun mag oder auch nicht.

Mit 60 beschäftigen sich viele Menschen mit der Pension, für manche ist die Zeit nach dem Berufsleben ein richtiggehender Schock. Was kommt noch?

Pension? Erstens bin ich noch lange nicht in Pension oder im Ruhestand – im Gegenteil. Was noch kommt? Das werde ich sehen und ich bin schon sehr gespannt darauf. Wobei man diese Entwicklung, so man von großen Katastrophen verschont bleibt, durchaus selbst steuern kann. Und das mache ich.

Thema Veränderungen im Alter: Was kann man noch verändern, wenn man 60 oder 70 oder 80 ist? Zieht man noch einmal um? Trennt man sich vom Partner, wenn es nicht mehr passt? Lernt man noch Neues, wird man vielleicht Vegetarier?

Ich liebe Veränderungen. Egal, ob in der Jugend oder im Alter. Mit 60, 70 und auch mit 80 kann, darf und soll man sich natürlich (noch) verändern. Wenn es in der Lebensqualität und Lebensfreude hakt – bitte und rasch ändern. Ja, umziehen und ja „auf Wiedersehen“ zur ungeliebten Partnerin oder zum ungeliebten Partner. Neues lernen sowieso immer. Werde ich im Alter Vegetarier? Das kann ich zu hundert Prozent ausschließen. Warum auch?

Älterwerden geht bei vielen Menschen mit Einsamkeit einher. Wie entkommt man dieser Situation rechtzeitig?

Der Einsamkeit kann ich rechtzeitig entgegenwirken, indem ich persönliche, soziale Netzwerke knüpfe. Indem ich meine Bekanntschaften und Freundschaften pflege. Dann werde ich später vermutlich nie einsam sein. Viele verwechseln Einsamkeit mit Alleinsein. Alleinsein ist etwas wunderbar Unbeschwertes, Leichtes. Das hängt freilich auch davon ab, ob man mit sich im Reinen ist und alleine leben kann.

„Früher war das Wissen, die Erfahrung der Älteren für die Gemeinschaft wichtig. Wichtig für die Existenz, für das Überleben der Familien. Der Rat der Weisen wurde angenommen und befolgt“, ist in Deinem Buch zu lesen. Wie empfindest du den Umgang mit „den Alten“ – auf allen Ebenen. Und wie muss er sein, damit die Alten auch wirklich frei und froh leben können?

Wir gehen mit unseren Alten schlecht um. Gesellschaftlich schlecht. Alte Menschen sind oft eine Belastung. Schau dir die Pflegesituation an oder auch welche Reputation Pflegekräfte in unserer Gesellschaft haben. Skandalös, was da abgeht. Da haben uns manche asiatischen und afrikanischen Völker einiges voraus. Bei uns fehlt es an Respekt und liebevoller Zuwendung. Alte werden als Mühsal gesehen. Sie leben zu lange, wird da suggeriert.

Aber auch da kann man, wenn man wachsam ist, vorsorgen. Ich entscheide mit notarieller und anwaltlicher Hilfe, wer mich (zu Tode) pflegt oder ob das überhaupt passieren wird. Ich entscheide im noch wachen geistigen Zustand, wer mich möglicherweise besachwalten wird. Ich alleine bestimme, welche medizinischen Interventionen gemacht oder eben nicht gemacht werden. Das kostet Geld und ist aufwendig. Aber ich denke, dass es sich rentiert. Auf die Verwandten möchte ich mich doch lieber nicht verlassen.